Wie lässt sich etwas betrachten, das man nicht sieht?
Die Zahl der Internetnutzer hat eine Milliarde überschritten. Die Frage der Identität erhält online eine neue Brisanz, wenn Subjekte nun rein als personae ganz aus Interaktion zu bestehen scheinen und jede Rückbindung an die physische Welt fraglich wird. Die Zuordnung von Menschen zu Netzwerk- oder Email-Adressen ist alles andere als eindeutig oder verifizierbar.
Wenn jedoch Kommunikation die handelnden Subjekte konstituiert, dann bedarf es ebenso eines Überdenkens gewohnter Begriffe von einem Raum, in dem diese Subjekte agieren.

Das Internet (stark vereinfachte Darstellung mit den Augen eines Biologen gesehen). Was auf diesem Bild eher schlecht herauskommt, sind die mannigfaltigen Möglichkeiten der Konnektivität und Heterogenität, die gerade den Netzcharakter ausmachen.
Charakteristisch für das Internet ist seine grundsätzlich rhizomatische Struktur. Folglich existieren damit – zumindest theoretisch und für den durchschnittlich bemittelten Forscher – keine zentralen Punkte, an denen sich ein Datenfluss “abgreifen” und erfassen ließe.
Das Internet bietet sich aufgrund seiner Eigenschaften und seiner vergleichsweise niedrigen Zugangshürden als ideales Kommunikationsmedium diasporischer Gemeinschaften an. Verstreut, mobil, sozial und rechtlich benachteiligt, oft signifikant auf Anonymität angewiesen und zumeist in einem problematischen Verhältnis zu Nationalstaaten stehend, begreifen gerade Migranten die Vorzüge einer Interaktion im Internet als ein Knüpfen von Netzen im Fluidum mobiler Beziehungen. Nachbarschaftliche Beziehungen etwa werden aus realweltlichen Umgebungen in den virtuellen Raum verlagert, um somit ihren Fortbestand sichern zu können.
Das Ungreifbare erfassen – mit einem Link!
Wie jedoch lässt sich ein Gebilde, das Unangreifbarkeit als Motivation oder Voraussetzung in sich trägt, überhaupt erfassen, ohne mit der Erfassung zugleich die Prämissen seiner Unangreifbarkeit zu widerlegen?
Wie immer auch die Antwort lauten wird, ganz sicher wird man sich mit einer Stichprobe begnügen müssen. Meine Lösung bestand in dem, zunächst experimentellen, “Abfangen” von burmesischen Internetbenutzern an einer Stelle, wo sie aufgrund ihrer Migrationssituation mit hoher Wahrscheinlichkeit anzutreffen sein dürften: an einem burmesischen Online-Wörterbuch. Natürlich ist eine weitere Filterung notwendig, um etwa Sprachlerner und Burmesen, die gar nicht emigriert sind, auszuschließen. Aber die Gruppe der ersteren ist ohnehin sehr klein, und der Anteil der in Burma lebenden Internetbenutzer an der Gesamtbevölkerung beträgt weniger als 1%.
Doch über wen lassen sich mit dieser empirischen Erhebung Aussagen machen? Lassen sich die Erkenntnisse von den personae auf die Menschen rückbeziehen? Und warum eigentlich machen sich über 900 Respondenten aus allen Teilen der Welt die Mühe, einem unbekannten Menschen ihre Zeit zu widmen und einen verhältnismäßig langen Fragebogen auszufüllen?
Vielleicht liegt der Schlüssel in einer Bemerkung, die mir ein burmesischer Asylbewerber nach einem Testlauf mitgeteilt hat: Das sei das erste Mal, dass er als Migrant aufrichtig zu seinem Befinden befragt werde.
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Diese und ähnlich verworrene und spannende Fragen werden im International PhD. Program Cultural Encounters diskutiert.
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