Forschungen

Turing-Test für virtuelle Gemeinschaften?

Neben der Auffassung, dass sich virtuelle Gemeinschaften (wie etwa die Beispiele, die Howard Rheingold erwähnt hat) nicht strikt an die herkömmliche Definition von Gemeinschaften zu halten hätten, um etwa der Kritik zu begegnen, dass es sich bei Online-Communities allenfalls um Gruppen mit gemeinsamen Interessen handle, ist es natürlich auch denkbar, den realweltlichen Gemeinschaftsbegriff weiterhin unverändert als Maßstab anzuwenden. Dies jedoch stellt uns vor das Problem, ein geeignetes Tertium comparationis zu finden, auf dessen Grundlage sich beide Phänomene vergleichen lassen – schließlich wird argumentiert, dass es sich um grundlegend verschiedene Dinge handelt. Anstatt nun aber einen Satz von Kriterien herzustellen und diese auf das digitale Pendent zu übertragen, wäre in Analogie zum Vergleich von menschlicher und künstlicher Intelligenz ein Turing-Test denkbar, der eine äußerliche Ununterscheidbarkeit den Ausschlag geben ließe.

Szene aus dem Film "Blade Runner": Bewegungen der Iris verraten den Androiden.

Eine Abwandlung des Turing-Tests ist literarisch bereits in dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (und im Anschluss daran im Film „Blade Runner„) behandelt worden. Dort handelt es sich um einen Empathietest, bei dem die Probanden physiologisch auf empathiestimulierende Testfragen reagieren, wodurch sich Menschen von anthropomorphen Maschinen (im SciFi-Kauderwelsch „Androiden“ genannt) unterscheiden lassen. Zugrunde liegt hierbei die Annahme, dass die unhintergehbare Grenze zwischen Mensch und Maschine in der Fähigkeit zu Emotionen begründet liegt und sich dies mit geeigneten technischen Hilfsmitteln nachweisen lässt. Eine solche Einzigartigkeit menschlichen Wesens, die zudem empirisch belegbare wäre, bildet offenbar eine beruhigende Vorstellung unter dem Eindruck, dass einer Angleichung der künstlichen an die menschliche Intelligenz allein technische Hürden entgegen stehen und der Verlust der menschlichen Sonderstellung als vernunftbegabtes Wesen somit nur eine Frage der Zeit ist.

Schwere Frage: Strichmännchen-Kollege oder IBM PC XT?

Schwere Frage: Strichmännchen-Kollege oder IBM PC XT?

Entscheidend für das Zustandekommen eines Touring-Tests ist ein Verbergen der Probanden vor den Augen des Testers, wobei nur eine eingeschränkte Bandbreite von Informationen durch diese selektive „Wand“ gelassen wird. Die Art der Filterung wird durch den Versuchsaufbau bestimmt. Der an dem Maßstab des einen Probanden zu messende andere Proband soll dabei die Möglichkeit haben, dem Tester durch hinreichende äußere Ununterscheidbarkeit vorzutäuschen, mit dem anderen Probanden wesensgleich zu sein. Er weiß also von der Herausforderung.

Eine Übertragung dieses Testverfahrens auf virtuelle Gemeinschaften ist sicher nicht ganz einfach. Denkbar wäre allerdings eine Befragung von einserseits Mitgliedern realweltlicher Gemeinschaften, die hierbei als Maßstab dienen, zum anderen online konstituierter Gruppen. Dabei seien keine Fragen bzw. Antworten zugelassen, die direkt darauf schließen lassen, ob die Mitglieder online oder offline interagieren. Die Mitglieder beider Gruppen sind zudem angehalten, wahrheitsgetreu zu antworten. Als Trennwand fungiert ein neutraler Moderator, der solche Fragen, die eine physische Umgebung voraussetzen, auf virtuelle Umgebungen überträgt und die entsprechenden Antworten rückübersetzt. Derart etwa könnte die Frage „Sehen Sie Ihre Bekannten mindestens einmal pro Woche?“ auch von Mitgliedern eines Chatrooms bejahrt werden, wenn der Übersetzer sie zu der Frage umformuliert, ob man mindestens einmal pro Woche den Avatar seiner Bekannten auf dem Bildschirm sieht.

Dieser Übersetzer ist sicherlich ein erheblicher Störfaktor in diesem Experiment. Allerdings trifft diese Kritik meines Erachtens auch auf den ursprünglichen Test für künstliche Intelligenz zu, denn auch hier ist eigentlich ein Moderator notwendig, der etwa menschliche Emotionen oder unbewusste Reflexreaktionen herausfiltert, welche eine Identifikation des Computers unabhängig von der Bewertung seiner Intelligenz zulässt. Tatsächlich erfasst auch der Turing-Test lediglich die Schnittmenge zwischen menschlichem und intelligentem Verhalten.

Vielleicht ist die hier angedachte Testabwandlung nicht so sehr geeignet, um virtuelle Gemeinschaften zu verifizieren, als vielmehr dazu, um durch die vom Tester gestellten Fragen eine Ahnung davon zu bekommen, was intuitiv für relevant gehalten wird, um etwas als Gemeinschaft zu bezeichnen. Zurück also zu dem Satz notwendiger Kriterien?

Turing-Test: Alltag in der Schule

Turing-Test im Schulalltag: C ist der Lehrer und A und B sind Schüler. Oder umgekehrt.

Interessant finde ich, abschließend erwähnt, im Turing-Test die Paradigmenumkehr dessen, was wir als richtiges Verhalten in der Schule gelernt haben: Denn letztendlich dient die gelungene Täuschung als Indiz für Intelligenz. Man braucht sich statt der Probanden nur zwei Schüler zu denken, von denen der eine seine Hausaufgaben gemacht hat, der andere jedoch nicht. Den Test führt der Lehrer durch.

Und ganz zum Schluss eine Einladung zur Interaktion: Wer einmal an einem Turing-Test teilnehmen will, allerdings auf der Seite der Probanden im Wettbewerb gegen Spambots, der kann hier seine kognitive Überlegenheit beweisen. 😉