Sonstiges

Nonprofit: Profit im Minus

Es ist schon paradox, dass man im Nonprofit-Bereich per Definition keinen Profit machen darf, dafür aber mit betriebswirtschaftlichem Elan komplett Pleite gehen kann, oder eigentlich als Dauerzustand immer pleite ist, gewissermaßen die fortgesetzte Bauchlandung als Fortbewegungsmittel zu nutzen gezwungen ist. Wir bekommen mit unserer Organisation ab und zu Unterstützung von staatlichen Stellen, wobei nur 70 bis 80 Prozent der planmäßigen Kosten gedeckt werden. 1 Diese Kosten sind schon eine grobe Untertreibung, vor allem wenn die veranschlagte mit der wahren Arbeitszeit verglichen wird. In den letzten Wochen ging es bei mir morgens um 8 los und in der Zeit bis 1 Uhr nachts gönnt man sich am späten Nachmittag ein Mittagessen, was dann die tägliche Ruhepause darstellt, und das war’s. Am Sonntag fängt man natürlich etwas später an. Die Drittmittel muss man dem Geldgeber nachweisen, d.h. es müssen die Projektaktivitäten erbracht und die Ausgaben belegt werden, die Gelder dürfen aber nicht aus den vorhandenen Beihilfen geschöpft werden. Hier in Tschechien gibt es auch keine Spenderkultur. Zu manchen Zeiten waren wir froh, wenn die Spenden reichten, um die Bankgebühren zu decken. Hierzulande wird selbst für eingehende Überweisungen eine Gebühr erhoben, und die Kontoführungskosten sind für gemeinnützige Organisationen höher als für Individuen. Oligopol macht offenbar erfinderisch und Tschechien ist kein so großes Land. Wenn doch jemand etwas spendet, so wird vom Gesetz ein Spendervertrag vorgeschrieben, der etwa zwei Seiten umfasst und nicht gerade anziehend wirkt. Für die Mitgliedsbeiträge an eine gemeinnützige Organisation etwa gibt es keine Bescheinigung, das wird nicht als Spende gewertet. Mit viel Mühe nimmt man im Jahr vielleicht sagenhafte zehntausend Kronen ein, das sind etwa 400 Euro, während man an Personalkosten pro Kopf gut das vierfache im Monat ausgibt. Zur Jahreshälfte also merkt man, dass man die Drittmittel nicht findet, man hat als Mini-Organisation auch kein freies Personal, um einen Fundraiser herum zu schicken. Überhaupt wird nur bezahlt, was direkt mit Projektaktivitäten zu tun hat. Mehrmals pro Woche bin ich dabei, irgendwelche Online-Office-Programme upzudaten, Backups von MySQL und per FTP vom Web zu erstellen, ein Mailaccount funktioniert nicht richtig, eine Festplatte gibt den Geist auf und dergleichen mehr. Man liest Fachpublikationen, um das für seine Arbeit notwendige Hintergrundwissen auf aktuellem Stand zu halten, und irre Mengen an Newslettern in einer Freizeit, die keine mehr ist. Mehrmals pro Woche gibt es Mails von interessierten „Passanten“, die zu beantworten man irgendwo Informationen heraussuchen muss. Für all das ist in den Projekten genauso wenig bezahlte Arbeitszeit vorgesehen wie für das Ersinnen, Ausrechnen und Verfassen der Projekte selbst. Selbst wenn man alte Ideen „recycelt“, sitzen doch zwei Leute einige Tage in konzentrierter Arbeit daran und formulieren Texte und rechnen lange Tabellen durch – natürlich unbezahlt, denn es lässt sich nicht „ex post“ in das Projekt einbauen. Dann schreibt man also zwanzig Projektanträge und einer kommt durch, hurra, aber das Budget wurde auf die Hälfte gekürzt, womit man leben muss. Grotesk: Man bekommt nur das halbe Geld, darf aber nicht etwa die Logos der Sponsoren zur Hälfte abschneiden. Vielleicht also muss man zur Jahreshälfte anfangen, sein Gehalt zum Großteil zurück zu spenden, damit man das Projekt nicht ganz aufgeben und das gesamte Geld zurück erstatten muss. Fragt sich folglich, wovon man eigentlich lebt. Einige NGO-Betreiber nehmen zinslose Kredite von ihren Großeltern auf, andere vergessen, warum sie das alles vor fünf oder zehn Jahren einmal aufgebaut haben, und fangen an, ihre Projekte aussichtsreichen Geldquellen auf den „Leib“ zu schneidern. Meistens jedoch handelt es sich schlichtweg um eine private Investition, die von Beihilfen gebremst aufgebraucht wird. Dann kommen andere.

Ab und zu erinnere ich mich, dass ich da noch eine Dissertation laufen habe, aber wenn man eben die Altersobergrenze von Stipendiaten überschritten hat und Stiftungen offenbar niemanden gern fördern, der zwischendurch ein paar Jahre berufstätig war (ironisch gefragt: etwa als Strafe dafür, dass man Steuern eingezahlt hat?), so bleibt einem nur das Schicksal des Selbstversorgers. In der freien Wirtschaft habe ich nicht viele Teilzeitstellen gefunden, die einem Zeit für die Uni lassen. Man endet früher oder später erzwungenermaßen bei der Idee, sich seinen Beruf selbst zu gestalten. Früher war ich im Journalismus tätig gewesen, aber da verteilt sich der Stress fein dosiert auf die ganze Woche. Journalismus ist inkompatibel mit ruhigen Tätigkeiten. Vielleicht gilt das nicht für Reiseberichte. Sollte ich von meinen Reisen zur Uni schreiben?

Ganz offen gestanden, es ärgert mich nicht wenig, dass im gemeinnützigen Bereich (und ich verstehen die Bezeichnung „gemeinnützig“ ganz naiv und wörtlich) nur überleben kann, wer so einiges an persönlichem Nachteil in Kauf nimmt, was dann im nächsten Schritt als Beleg dafür gewertet wird, dass dort ja nur Leute zu finden seien, die es ganz offensichtlich rein aus Überzeugung, also quasi als Hobby machen, und warum soll man jemanden für sein Hobby bezahlen, nicht wahr?

Es ist eine wohlbekannte Situation: Es wird öffentlich Geld gesammelt, vielleicht für humanitäre Hilfe. Der Spender – und davon nehme ich mich nicht aus – hat dabei das Bedürfnis, nach Möglichkeit 100% seiner Spende der Zielgruppe, also den Bedürftigen zukommen zu lassen. Hier in Tschechien darf eine Organisation maximal 5% einer Sammlung für administrative Zwecke verwenden. Administration, das klingt so nach sinnlosen Aktenstößen im Schreibzimmer und verdächtigen Dienstfahrten mit Chauffeur. Gemeint ist allerdings zunächst einmal das Dach über dem Schreibtisch, der Second-Hand-Computer, die Internetverbindung, Beiträge für Telefenkosten, und derjenige, der die Sammlung plant, propagiert, durchführt und die richtige Verwendung der Gelder verifiziert. Wir haben uns für eine Sammlung umgerechnet 4000 Euro zum Ziel gesetzt. 200 Euro sind somit für uns, davon müssen wir Webseiten gestalten, Slogans texten, mit Banken streiten, Telefonate nach Indien führen usw. – ein Jahr lang. Seltsamerweise wirkt man als gemeinnützig Tätiger immer ein wenig wie einer Veruntreuung verdächtig, wenn man von einem Spender beim Bier angetroffen wird und das Bier wurde – via Gehalt – von dessen Spenden bezahlt. Jeder Unternehmer, der in die eigene Tasche wirtschaftet, erntet dagegen Respekt für die Früchte seiner Arbeit. Wenn die durch Spenden eingenommenen Mittel irgendwo im Handel eingesetzt werden, um Dinge für die Notleidenden zu kaufen, so kommt selten jemand auf die Idee, dass hier der Lieferant ein Minus in Kauf zu nehmen oder auch nur Waren zu Einkaufspreisen abzugeben hätte. Statt dessen gilt es als ausreichend, wenn der günstigste auf dem Markt verfügbare Preis berechnet wird. Warum also diese Strenge nur bei denjenigen, die unmittelbar im gemeinnützigen Bereich tätig sind? Die Beschäftigten und Führungskräfte gewinnstrebender Betriebe stehen offenbar in keiner moralischen Pflicht, die ihnen vorschriebe, persönliche Opfer zu erbringen und auf jede materielle Sicherheit zu verzichten. Es wird im allgemeinen sogar akzeptiert, dass nicht einmal über Gewerbesteuern ein verlässlicher Rückfluss in die Staatskasse stattfindet, die zudem nur in einem lächerlichen Maß gemeinnützigen Zwecken zukommt.2

Jetzt wäre es eine Wohltat, wenn sich zum Abschluss düster prophetisch der Untergang der Menschheit prophezeien ließe, falls in unserer Gesellschaft nicht ein Umdenken stattfindet, eine Umwertung von Tätigkeiten für das Gemeinwohl. Dass dem jedoch nicht so ist, zeigen jüngste Beispiele aus mehreren Regionen der Welt, wo Eigennutz als Triebkraft bewundert wird. Engagement ist und bleibt etwas Merkwürdiges, Regelwidriges, etwas Stromlinienunförmiges im Gerangel um Ressourcen, das weder durch Erfolg noch durch besonderen gesellschaftlichen Respekt dazu ermutigt wird, einen höheren Stellenwert einzunehmen.

Aber vielleicht besteht der Reiz gerade in dieser Widrigkeit.


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  1. In einigen Ländern bekommt man nur 50 Prozent, hat aber Einkünfte aus Mitgliedsbeiträgen, von Firmensponsoren und bekommt manchmal etwas von Gerichten zugeteilt, wenn jemand zu Zahlungen an eine gemeinnützige Organisation verurteilt wird.
  2. Das könnte jetzt in einer ideologischen Diskussion münden. Hier nur in Kürze: Meinem Empfinden nach hilft die Staatsmacht entschieden mehr den Besitzenden und Einflussreichen – was eine ganz logische Folge der stattfindenden Kräftespiele ist.