Beruf, Sonstiges

Invertiert reproduzierte Internetzensur

Seit einigen Wochen versuche ich vergeblich, die Seiten der burmesischen Exilzeitung Mizzima zu öffnen. Was ich dann zu sehen bekomme, ist folgendes:

Error message - forbiddenZunächst bin ich von Instandhaltungsarbeiten oder einem erneuten DDoS-Angriff ausgegangen, der diese Seiten außer Betrieb gesetzt hat. Dann schließlich habe ich mich gestern abend bei dem Chefredakteur erkundigt, ob bei ihnen alles in Ordnung ist – Gründe könnten ja auch finanzielle Schwierigkeiten oder Probleme mit den indischen Behörden sein.

Was ich heute Morgen in der Antwort zu lesen bekam, verschlug mir dann doch den Atem: Angeblich hätten sie viel Spam aus der Tschechischen Republik bekommen und daher kurzerhand das ganze Land blockiert.

Über einen hohen Anteil von Spamern hier ist mir nichts bekannt, zumal dazu theoretisch ein vireninfizierter Computer irgendwo auf der Welt reicht. Mitteleuropa ist zudem nun auch kein rechtsfreier Raum. Wenn im Internet eine getrennte Behandlung nach Nationalstaaten durchgeführt wird, dann frage ich mich, was außer nationaler Gesetzgebung, die innerhalb der EU innerhalb gewisser Grenzen verlaufen sollte, den ausschlaggebenden Unterschied ausmachen könnte.

Der Chefredakteur hat mir in seiner Antwort freundlicherweise angeboten, meine IP-Adresse von dem Generalverbot auszunehmen. Mich hat das jedoch nicht überzeugen können, denn es klingt ein wenig nach Kollektivstrafe für ein Land mit Ausnahme derjenigen, die gute Kontakte zur Entscheidungsebene haben.

Es erinnert mich ungut an die Situation in Burma, wo Bürger eines Landes nur dann Zugriff auf bestimmte Internetmedien haben, wenn sie sich indirekt über ausländische Proxies verbinden. Besonders irritierend ist dabei, dass es sich hier bei dem blockierten Medium gerade um ein solches handelt, das infolge von Medienzensur im Exil betrieben wird. Der vorliegende Fall entspricht natürlich nicht ganz demjenigen eines Landes hinter der „Firewall“, da der zensierte Bezugspunkt nicht die Empfänger sind, sondern der Sender.

Abschließend noch eine Bemerkung: In burmesischen Exildissidentenkreisen fällt hin und wieder der Vorwurf, dass autoritäre und undemokratische Strukturen und Gewohnheiten selbst unter den Regimegegnern reproduziert würden. Es wäre eine interessante Parallele, wenn nun ein Medienbetreiber − oder vermutlich nur ein übereifriger Webmaster − unbewusst der Logik einer zuhause angeeigneten „Normalität“ entsprechend handelt.

Mir erscheint dieses Blockieren eines Landes sehr rigide. Zu begründen wäre es wohl, wenn man im Online-Shop seine Waren nur in einem bestimmten Land verkauft und dann etwa vorsichtshalber pauschal andere Regionen blockert, weil sich dort ohnehin keine Zielgruppe befindet und es vielleicht auch Probleme mit der Anwendbarkeit nationaler Gesetzgebung gäbe. Das wäre dann etwa so, wie wenn man auf seinem Computer vorsichtshalber alle Port schließt, von denen man weiß, dass man sie nicht benötigt.

Seltsam ist es aber, wenn ein Land wie Burma in Tschechien den vermutlich treusten, wenn auch nicht den mächtigsten Interessenvertreter hat, dem nun kurzerhand das „Abonnement“ gekündigt wird. Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, wie viele Projekte für Dissidenten und Kontingentflüchtlinge und wie viele Regierungserklärungen von hier ausgehen, nicht zu vergessen die Nominierung von Aung San Suu Kyi für den Friedensnobelpreis, und das gemessen daran, dass sich Tschechien selbst noch wirtschaftlich emporarbeiten muss, was vor allem steigende Preise bei stagnierendem Einkommen bedeutet, so dass den Steuerzahlern das Engagement für ein fernes Land erst einmal erklärt werden muss.

Wäre diese These der Reproduktion dikatatorischer Eigenheiten unter den Regimegegnern zutreffend, so ergäbe sich nach meiner Beobachtung ein interessanter Unterschied etwa zu einigen ehemaligen europäischen Ostblockstaaten, wo die Zwänge im Land eher dazu geführt haben, dass nach Erlangen der Freiheit alle Regeln, Mitgliedschaften und generell alles als einengend Empfundene pauschal abgelehnt wurde, und das oft in einer Überreaktion.

Die einen fliehen aus der Disziplinierung so weit sie können, die anderen reproduzieren sie.