Beruf, Reisen

Selbstauferlegter Kolonialismus in der Exil-Bewegung

Demokratiebewegungen im Exil sind etwas ganz Eigenes und zudem, bei all ihrem Idealismus, oft mit seltsamen Schrullen und Eigenheiten versehen, die ihre Ursprünge vielleicht in gesellschaftlichen Gewohnheiten ihres Heimatlandes haben oder die als Folge des Migrationsschicksals entstanden sind. Burmesische Aktivisten bilden da keine Ausnahme, und schon gar keine rühmliche.

Zu den in meinen Augen hervorstechendsten Seltsamkeiten unter Burmesen, sowohl im Land als auch außerhalb, gehört eine immer wieder zu beobachtende Ungleichbehandlung von Landsleuten und Menschen aus dem Westen, oder dem „globalen Norden“, wie man auch oft zu sagen pflegt. Vielleicht könnte man hier auf kulturelle Gewohnheiten schließen, die ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben. Es erinnert mich immer daran, dass weiße Ausländer im Burmesischen unabhängig von ihrer Herkunft häufig als „Engländer“ bezeichnet werden.

Dieses Verhalten betrifft etwa die Angewohnheit von burmesischen Exil-Aktivisten, auf ihren Lobby-Reisen durch Europa und Amerika zunächst Termine mit Regierungen, Ministerien und großen Institutionen des jeweiligen Landes anzuberaumen und für die dort tätigen Landsleute höchstens nur ganz kurzfristig den letzten Abend frei zu nehmen, falls sie nicht gerade schon früher jemanden als Übersetzer brauchen. Die Folge davon ist natürlich, dass erstens die reisenden VIP-Aktivisten nicht davon unterrichtet sind, was in dem Land gerade vor sich geht und wie sie ihren Besuch am besten für ihre Ziele nutzen können, und dass zweitens die burmesischen Aktivitäten „am Boden“ nicht die nötige Unterstützung erhalten, etwa um Zugang zu ihren lokalen Ministerien und Institutionen zu erhalten.

Kürzlich bin ich auf ein weiteres Beispiel gestoßen, bei dem eine geradezu groteske Verrenkung vollführt wird, um diesem „Kotau vor dem weißen Mann“ treu zu bleiben, so dass man eigentlich schon fast wieder darüber lachen muss.

Unsere Organisation, die unter Burmesen immer als im Kern burmesisch (mit europäischen Unterstützern) wahrgenommen wird, hatte im Jahr 2009 eine Sammelaktion gestartet, und zwar unter anderem mit einer Ausstellung über die Hungersnot, die den Gegenstand bildet. Wir haben dafür eine Medienpartnerschaft mit dem Prager Radio Wave ins Leben gerufen und, unabhängig davon, auch eine internationale Konferenz abgehalten. So jedenfalls sehen diese Aktivitäten aus meinem Blickwinkel aus. Wie jedoch bieten sie sich dem Auge der Exil-Gemeinschaft dar?

Kürzlich bekamen wir von einer burmesischen Organisation, mit der wir für die genannte Sammlung zusammenarbeiten, den Jahresbericht für 2009 in die Hand. Dort steht für deren Aktivitäten zu lesen: 1. Teilnahme an einer Konferenz, die von der tschechischen Regierung gesponsort wurde. 2. Interview für Radio Wave. 3. Auftritt auf der Vernisage im Unijazz.

Was haben nun also diese drei Veranstaltungen gemeinsam, bei denen zuerst der Hauptsponsor, dann eine Rundfunkanstalt und zuletzt sogar der Betreiber des Veranstaltungsraumes genannt werden, nicht jedoch der Veranstalter? Ganz einfach: Es handelt sich bei den Dreien um Ortsansässige. Es ist grotesk, dass  sogar der Veranstaltungsraum, der Verein mit Café „Unijazz“, gut genug ist, wenn sich so die Nennung des burmesischen und alleinigen Organisators vermeiden lässt.

Über diese Mentalität kann ich wirklich nur staunen, auch wenn, mit Blick auf die anfangs genannten Gründe, wohl keine einfache Schuldzuschreibung möglich ist. Emanzipation, so scheint mir, setzt zunächst einen Glauben an Egalität voraus. Wer das Prinzip der Gleichheit unter den Seinigen nicht anerkennt, der wird es schwer haben, die Rechte seiner Gruppe nach außen hin zu verteidigen.

Um die Evidenz noch zu bestärken, sei abschließend erwähnt, dass die Konferenz eigentlich zwei Sponsoren hatte – der zweite war eine burmesische Organisation mit Sitz in Brüssel. Auch sie hat in dem Jahresbericht keine Erwähnung gefunden.