Aikido

Gedanken über ein Paradox

Wenn Nishio Sensei auch so einiges an den tradierten Aikido-Techniken verändert hat, so versucht er dadurch aber umgekehrt, zu der ursprünglichen Idee von O Sensei Morihei Ueshiba zurück zu finden. Dies geht sehr schön aus den folgenden Interviews hervor:

Auffallend ist für mich immer diese seltsame Paradoxie, die mir oft bei Aikido aufgefallen ist, wenn ich die Philosophie der Gründerväter mit dem Trainingsalltag und der verbal geäußerten oder indirekt erschließbaren Einstellung zahlreicher heutiger Praktizierender vergleiche.

Aikido erhebt den Anspruch, in Konflikten die Gewalt eliminieren zu können und somit den Schaden auf das Minimum zu reduzieren, welches infolge der Aggression unvermeidbar ist. Dabei liege den Techniken und auch der nötigen Geistesthaltung 1 ein Prinzip zugrunde, das sich allgemein auf soziale Interaktionen übertragen lasse.

Umgekehrt entstammen aber die Techniken nicht nur einer sehr martialischen feudalen Tradition, sondern beinhalten immer noch auffällig blutrünstige Reminiszenzen. So etwa gibt es bei Aiki-Toho – ähnlich wie bei Iaido allgemein – diese Bewegung namens Chiburi, mit der man das Blut des Gegners von der Klinge schüttelt. Ursprünglich sicher ein Ausdruck der Überlegenheit und der Geringschätzung des Gegners, wenn der Reinhaltung des Schwertes sichtbar die erste Stelle eingeräumt wurde, ist es nun zur ästhetischen Interpunktion im Ablauf einer Kata geworden. Vermutlich lässt sich auch kein wirksamer Hebelgriff erlernen, ohne zugleich zu wissen, auf welche Weise er wirklich schaden anrichten könnte. Es ist ganz ohne Zweifel verlockend, sich als Tori (der die Technik Ausführende) in eine überlegene Situation hinein zu träumen, in der man einen bedrohlichen Gegner zum guten Ende lustvoll vernichtet. Schließlich ist das ein beliebtes Motiv zahlloses Spielfilme, nicht nur aus dem Kampfsportgenre, und gehört solchermaßen zum Grundrepertoir unserer Kultur.

Ist es also wirklich so, dass es, wie sein genialer Gründer O Sensei Morihei Ueshiba einst sagte, in Aikido überhaupt nicht erst zu einem Wettkampf komme, dass es somit weder Gewinner und Verlierer geben könne?

Nishio Sensei spricht oft davon, dass das japanische Schwert lange Zeit ausschließlich ein Werkzeug und Symbol des Tötens gewesen sei, dass sich aber die Zeiten geändert hätten und die Vernichtung des Gegners nun nicht mehr Ziel sein dürfe. Man sollte also erwarten, dass diese vorbelasteten Waffen nun folgerichtig beiseite gelegt und in Museen verbannt würden. Statt dessen benutzt man deren stumpfe Imitate und versucht sie so handzuhaben, als seien sie noch gefährlich. Ist es also das selbe, als würde man mit Plastikpistolen aufeinander losgehen? Offenbar nicht. Worin aber liegt der Unterschied? In einer glorifizierten Tradition, die modernen Japanern einen Halt in der Vergangenheit bietet und den Westlern in einer Spielart von Orientalismus eine Flucht in das verklärte Ferne? In der notwendigen Körperbeherrschung, in der wir die unserer Kultur eigene Dualität von Körper und Geist zu überwinden glauben? In der unmittelbaren Nähe zum Gegner, in welcher der Verteidiger sein Atmen eins werden lässt mit dem des Aggressors, wie es einmal gelehrt wurde?

Das Schwert ist nun, in Nishios Worten, ein Lehrer, indem es die richtige Ausführung der Techniken beibringt, selbst wenn diese dann mit der Hand ausgeführt werden. Das ist etwas, was sich leicht an einem selbst beobachten lässt, denn diese Verbindung kommt ganz von selbst.

Die Gründerväter scheinen nicht gemeint zu haben, dass man sich zunächst Überlegenheit verschafft und dann, als der zum Handeln befähigte, Gnade walten lässt. Denn auf diesen Moment des Triumphes besteht kein Anrecht. Aufschlussreich finde ich an dem Punkt die Anekdote aus dem Nishio-Interview: Der in Aikido bereits renommierte Tohei Sensei brachte von einer Reise eine wertvolle Jacke mit, die ihm dann gestohlen wurde, was ihn in verständliche Wut versetzte. O Sensei Ueshiba jedoch urteilte, dass er, Tohei, derjenige sei, der für den Diebstahl verantwortlich zu machen sei: „Diejenigen, die Budo2 praktizieren, sollten nicht diese Art von Geisteshaltung pflegen. Man sollte nicht mit etwas angeben, was andere begehren. Man kann mit etwas angeben, was sich hergeben lässt. Ansonsten sollte man es bleiben lassen.“ Nishio berichtet, dass etwa in der selben Zeit das Haus des berühmten Mifune Sensei ausgeraubt worden sei, woraufhin dieser öffentlich verkündete, dass er das nächste Mal den Dieb fassen werde, und sollte es ihn sein Leben kosten. Diese verwegenen Worte aus dem Mund eines beinahe Siebzigjährigen klangen zunächst imposant. Nishio aber erkannte, dass Mifune im Unterschied zu Ueshiba trotz all seiner Künste nicht über eine gewisse Entwicklungsstufe hinaus gekommen war: „Zwischen diesen beiden Geisteshaltungen lagen Welten.“

Aikido lehrt eine Weise des Umgangs mit Konflikten, bei der man im Umlenken des Gegners aus dem Konflikt heraus ganz bewusst auch die eigene Veränderung zulässt. Verbunden damit ist die Erkenntnis, dass man nur lenken kann, was man begleitet. Dazu aber muss als Voraussetzung die eigene Selbstsicherheit gegeben sein, die Fähigkeit zur Selbst-Balance, die einem Aggressor standzuhalten vermag, da man schließlich nicht irgendwohin gedrängt werden will, wo man nicht hin will. Man könnte auch von Standfestigkeit sprechen, wenn dieser Begriff nicht so statisch geprägt wäre, von Selbst-Kontrolle, die im Gegner den Menschen anerkennt, seine Andersartigkeit zulässt, aber letztendlich von ihm seine Aggression absondert und diese in einer kreisenden Bewegung umlenkt, aufbraucht und neutralisiert. Es hat also nichts mit Rache oder mit einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zu tun, welches immer ein Gefälle impliziert und die Gefahr von Überheblichkeit mit sich bringt.3

Es ist ein wenig schwer zu fassen, dass zwar ein klares ethisches Bewusstsein herrscht, ein Wissen um Gut und Böse, das die Grenzen kennt, dass aber in diesem Moment des unmittelbaren gewaltsamen Konflikts lediglich die Aggression neutralisiert wird. Die Differenz bleibt also bestehen. Der Aggressor wird nicht vernichtet oder bestraft, sondern zur zu der Einsicht geführt, dass er zu anderen Wegen finden sollte, um mit der Differenz umzugehen. Ihm wird auch keine andere Meinung aufgezwungen. Genauso wenig, wie die Differenz in Belanglosigkeit aufgeht. Vielleicht überdenkt eine der beiden Seiten ihre Position, vielleicht aber auch nicht.

Gleichzeitig erkennt aber selbst der Lehrende seine natürliche Neigung zu ängstlicher Überreaktion und zu Vergeltung, seine Verletzlichkeit und die Freude an herablassender Belehrung, und er erfährt die Versuchung, seine eigene Überlegenheit auszukosten, indem er Kontrolle ausübt, und sei es nur in der Genugtuung, den anderen die Niederlage fühlen zu lassen, während man nicht nur seine Macht, sondern auch die moralische Überlegenheit des Angegriffenen auskostet. Ungemein wichtig ist hier dieser andauernde Rollentausch im Training. Durch das ritualisierte ständige Vertauschen der „Masken“ tritt die Erkenntnis zutage, dass der Aggressor eine Rolle ist, und nicht etwas, das bestimmten Menschen zu eigen ist. So wie im Training auf bestimmte Rollenverteilungen mit geeigneten Techniken reagiert wird, so lässt sich dieses Vorgehen auf Verhalten in Konfliktsituationen allgemein übertragen. Der Gegner als Mensch wird „leben gelassen“, die Differenz bleibt bestehen, aber dem Konflikt wird seine gewaltsame Komponente genommen, den Willen jemandem zu schaden.

Was bleibt, ist die Frage, welche Rolle darin die Kampfkunst als stumpfe und virtuos geführte Waffe spielt. Was die Antwort noch schwieriger macht, ist Nishios Begründung, warum er es für nötig hielt, diesen neuen Stil zu entwickeln, mit dem er einerseits zurück zu O Senseis ursprünglicher Auffassung von Aikido als friedliches Lebensprinzip wollte, andererseits aber dessen Techniken durch ein erneutes Anknüpfen an ihre Wurzeln im Schwertkampf  weiter zu entwickeln suchte .4 Laut Nishio war in vielen Aikido-Schulen der Kampfkunstaspekt verloren gegangen. Die Techniken entsprächen nicht mehr den Erfordernissen, auf reale Angriffe adäquat zu reagieren. Aikido sei inzwischen oftmals nicht mehr als ein Tanzen und laufe somit Gefahr, zum einen von anderen Kampfkünsten nicht mehr ernst genommen zu werden, zum anderen aber auch seinen besonderen Wert einzubüßen. Dabei tritt Nishio nicht als Missionar auf, der die Gesamtheit von Aikido nach seinem Gutdünken reformieren möchte, vielmehr fordert er in seinen Lehrvideos lediglich die Vertreter anderer Stile auf, sich ein fundiertes Bild von seiner Methode zu machen, bevor sie ein Urteil fällen.

Die Verankerung in den Kampfkünsten bei einer bewussten Bewertung und Weiterentwicklung der Techniken gehört demnach offenbar zu den Voraussetzungen der oben beschriebenen Geisteshaltung von Aikido. Es ist nicht nur mit Meditation getan, die einen vielleicht mit sich selbst versöhnt, in die aber jederzeit von außen ein Konflikt hereinbrechen kann. Es geht genauso wenig um ein Rollenspiel, bei dem man abwechselnd den Starken und den Schwachen spielt, bei dem es also, ein wenig provokativ gesprochen, lediglich darum ginge, in einem künstlichen Mikrokosmos eine Illusion der eigenen Stärke zu erzeugen, wobei der eigentliche Trick darin besteht, dass der Angreifer perfekt synchronisiert den Unterlegenen spielt. In manchen Vereinen hatte ich tatsächlich das Gefühl, es ginge nur um ein wechselseitiges psychisches Aufbautraining, und nur die Ranghöheren hätten das Recht, als Angreifer hier und dort ihre Kooperation zu versagen, wenn etwas nicht genau nach ihren Vorstellungen lief.


Show 4 footnotes

  1. Diese charakterliche Reife wird in meinen Augen in Europa fast kaum im Training vermittelt. Vielleicht trauen sich die westlichen Sensei nicht zu, überzeugend über idealistische Konzepte zu sprechen, während vor ihnen die Schüler mit einer gewissen Erwartungshaltung sitzen, was Unterhaltungswert und Selbstbestätigung betrifft. Oder sie haben einfach eine andere Idee von Aikido. Es würde letztendlich Nishios Kritik über den „westlichen Ritter“ Recht geben, die er in den genannten Interviews geäußert hat.
  2. japanisch Kampfkunst, metaphorisch als „Weg“ begriffen, also die eigene Entwicklung in den Vordergrund stellend.
  3. Natürlich besteht banalerweise ein Lehrer-Schüler-Verhältnis im Unterrichten der Techniken und der Geisteshaltung. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die hier angesprochene Konfliktsituation.
  4. O Sensei Morihei Ueshiba hatte Nishio zufolge von seinen Schülern sogar ausdrücklich verlangt gehabt, Aikido nach seinem Ableben weiter zu entwickeln.