Monate: September 2010

Unerwartetes Treffen vor dem Abflug

Der Flughafen hat sich sehr verändert. Im Frühjahr letzten Jahres quälte man sich noch durch eine große „Bahnhofshalle“, in der die Völker Indiens ihr Lager bezogen hatten. Heute schreitet man durch glänzende Wunderwerke postkapitalistischer Megalomanie. Vollklimatisierte Hallen in geschickter Beleuchtung, Beton, Glas und Marmor: Neu Delhi hat mit seinem Flughafen Indira Gandhi International den Anschluss an die internationale Gesichtslosigkeit mit Bravour gemeistert. Dann die nächste Erkenntnis: Das Gebäude ist neu, das Personal jedoch ist das selbe geblieben. Niemand erwidert einen Gruß, ein Thank You. Finstere Mienen vom Check-In über die Pass- bis zur Sicherheitskontrolle. An der langen Reihe der Pulte für die Passkontrolle, seitlich hinter den Angestellten, finden sich seltsame Pfosten, auf ihnen Kästchen mit der Aufschrift „Namaskar“. Eine nette Geste, denke ich. Erst später, als ich auf Sabe warte, merke ich, dass diese Kästchen Kameras beherbergen und von jedem am Schalter Stehenden versteckt ein Foto machen. Warum diese Heimlichtuerei? Das Durchleuchten des Handgepäcks geht recht zügig voran. Ich werde abgeklopft und von einem Metallprüfer abgefahren. Dann legt der Mann sein Gerät zur Seite, dreht …

Ein Blick zurück

Letzter Tag für dieses Mal. Über Nacht bringt uns das Flugzeug zurück nach Prag, Die Journalisten fliegen später eine andere Route, über Helsinki. Zeit für einen Rückblick. Wir haben so viele Initiativen und Organisationen gesehen, so viele Eindrücke gewinnen können, dass es sich wirklich schwer im Kopf sortieren lässt. Mich wundert daher auch nicht besonders, dass ich ebenso mit meinen Berichten kaum hinterher gekommen bin. Wir haben jungen Journalisten der unabhängigen Medien zugehört, die bereits viel erlebt hatten und die allein für ihre idealistischen Ziele mit solch einer lächelnden Selbstverständlichkeit ungeheure Risiken eingehen, dass mein Leben mit all dem anerzogenen Sicherheitsbedürfnis den Vergleich nicht standhält. Man trifft hier unauffällige Menschen mit beeindruckenden Biographien. Man sieht andererseits auch Großtuer und Schwätzer, auch die gibt es. Viele Flüchtlinge und Aktivisten sind zu stolz um zuzugeben, dass sie noch viel zu lernen haben. Wir haben hier sehr viele herzliche und hilfsbereite Inder erlebt. Gerade gestern auf der Konferenz waren ein paar (ein sehr schnelles Englisch sprechende) Journalisten, die sich den burmesischen Nachbarn verbunden fühlen. „Der indischen Politik zufolge …

Sonntag in Vikaspuri

Nach einer größtenteils durchwachten Nacht fühle ich mich eigentlich wenig imstande, selbst die Erinnerungen der letzten Tage zu sortieren. Vom vergangenen Regen ist  keine Spur mehr zu sehen. Es ist heiß (laut Internet 31 Grad, „Feels like 37°“) und während der Nacht dröhnen Deckenventilator und die Lüftung der Klimaanlage, deren Kühlung wir aus Energiespar- und Lärmgründen ausgeschaltet lassen. Frische Luft kommt trotzdem nicht ins Zimmer, dafür aber winzige Stechmücken, deren Gelächter über unsere wirkungslosen Sprays und Abwehrcremes ich mir gut vorstellen kann. Ich sitze auf dem Balkon, ein paar Meter über dem Gehupe, hin und wieder streicht ein angenehmer Luftzug über meine Arme. Meine Kollegen sind unterwegs in Agra und beim Chefredakteur von Mizzima, Soe Myint, um dort bei der Erstellung einer Radiosendung zuzusehen. Heute Nachmittag werde ich den beiden Redakteuren von Matu Harold News helfen, ihnen eine simple Webpräsenz aufzubauen. Momentan verbreiten sie ihre Zeitung nur als kopierte Exemplare kostenlos an die Matu-Gemeinschaft in Delhi, und per PDF an die Abonnenten einer Newsgroup, was etwa 4000 Empfänger ausmacht, ein paar gedruckte Exemplare gehen ins …

Eine winzige Schule an einem riesigen Sumpf

In den engen Gassen von Vikaspuri wurden wir zu einer Schule geführt, wo morgens kleine Kinder unterrichtet werden, deren Eltern noch nicht vom UNHCR anerkannt worden sind. Nachmittags finden zudem Nähkurse an zwei Maschinen statt und dann später abends Englischkurse für Erwachsene. Diese Aktivitäten konnten mit unserem Projekt für relativ wenig Geld ins Leben gerufen werden. Der Raum, in dem dies alles stattfindet, ist nur etwa 3 mal 3 m groß. Ich war nicht wenig erstaunt zu erfahren, dass abends durchaus mal 15 Erwachsene hier auf dem Boden kauern und nach der Arbeit ihre verbleibenden Energien mobilisieren, um Englisch zu lernen. Es ist nicht nur erstaunlich wegen der schieren Kleinheit des Raumes, sondern auch wegen der schlechten Luft. Vor dem Raum, der über ein paar Stufen direkt ins Freie führt, befindet sich ein kleiner Platz. Dieser Platz ist überschwemmt mit einer schlammigen und schaumigen Mischung aus allerhand Unrat, worunter meinem Geruchssinn zufolge ganz sicher auch Fäkalien sind. An der Straße verläuft eine Art Abwasserkanal entlang, in den dieser Platz wohl entwässert werden soll, der aber …

Die Qual der Wahl in Burma

Was wird sich mit den Wahlen, die am 7. November in Burma abgehalten werden, ändern? Politisch nicht viel. Es handelt sich um keine demokratischen Wahlen. Die Sieger stehen bereits fest, die Partei der Junta, die USDF, kann sich als einzige die Anmeldegebühren für Kandidaten in allen Wahlbezirken leisten. Zudem hatte ihre Vorgängerorganisation, die USDA, bereits Bürgermeisterposten und dergleichen kontrolliert. Wer sich mit Marketing auskennt weiß, dass Infrastruktur einen immensen Faktor darstellt. Die Unterstützer der USDF bekommen günstige Kredite, und so wird es wohl nicht überraschen, wenn die völlig verarmte Landbevölkerung, die in Jahrzehnten Diktatur sehr passiv und fatalistisch geworden ist, dann einfach die Partei des Regimes unterstützt. Desweiteren gehören 25% der Sitze im Parlament ohnehin dem Militär. In den Gebieten, wo ethnische Armeen Waffenstillstandsabkommen mit dem Regime geschlossen haben und sich nun weigern, ihre lukrative Autonomie für eine schäbige Rolle als Grenzschutztruppe aufzugeben, werden überhaupt nicht erst Wahlen abgehalten werden. Sie wurden dort einfach abgesagt. Die politische Opposition, die von Rechts wegen eigentlich gar keine Opposition, sondern Regierung sein sollte, hat sich ins Exil gerettet …

EIN PAAR WORTE ZUM STRASSENVERKEHR IN DELHI

Entschuldigung, dass ich schreie, aber dieses massive Sturmgehupe bei jedem Umspringen der Ampel auf Grün und ein todsicheres Dauerhupen hinter langsamen Rikschafahrern haben wirklich mein Gehör, ja vielleicht sogar meinen Geist  in Mitleidenschaft gezogen: Mir kommt es so vor als habe sich das markdurchdringende Gellen der Hupen so tief in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich es inzwischen selbst nachts und weit weg vom Verkehr wahrnehme. Wenn es ginge, dann würde hier jeder Fahrer mit Sirene und Blaulicht durch die Straßen rasen.