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Unerwartetes Treffen vor dem Abflug

Der Flughafen hat sich sehr verändert. Im Frühjahr letzten Jahres quälte man sich noch durch eine große „Bahnhofshalle“, in der die Völker Indiens ihr Lager bezogen hatten. Heute schreitet man durch glänzende Wunderwerke postkapitalistischer Megalomanie. Vollklimatisierte Hallen in geschickter Beleuchtung, Beton, Glas und Marmor: Neu Delhi hat mit seinem Flughafen Indira Gandhi International den Anschluss an die internationale Gesichtslosigkeit mit Bravour gemeistert.

Dann die nächste Erkenntnis: Das Gebäude ist neu, das Personal jedoch ist das selbe geblieben. Niemand erwidert einen Gruß, ein Thank You. Finstere Mienen vom Check-In über die Pass- bis zur Sicherheitskontrolle. An der langen Reihe der Pulte für die Passkontrolle, seitlich hinter den Angestellten, finden sich seltsame Pfosten, auf ihnen Kästchen mit der Aufschrift „Namaskar“. Eine nette Geste, denke ich. Erst später, als ich auf Sabe warte, merke ich, dass diese Kästchen Kameras beherbergen und von jedem am Schalter Stehenden versteckt ein Foto machen. Warum diese Heimlichtuerei?

Das Durchleuchten des Handgepäcks geht recht zügig voran. Ich werde abgeklopft und von einem Metallprüfer abgefahren. Dann legt der Mann sein Gerät zur Seite, dreht sich ein wenig wie gelangweilt zur Seite und verharrt. Was jetzt? denke ich, während ich mit meinen ausgestreckten Armen dastehe und wohl wie eine Vogelscheuche aussehen muss. Nach etwa zehn Sekunden kann ich der ungeduldigen Bewegung des Mannes entnehmen, dass ich meine Bordkarte von seinem Pult nehmen und verschwinden soll.

Dann trete ich inmitten eine Shopping-Mall voll leuchtender Läden, die noch strahlender und reicher aussehen, als alles, was ich zuvor sehen durfte! Parfümerie, Geschenkartikel, ungehörte Marken, ich habe nicht genau hingesehen, alles sehr edel. Ich folge einem leicht geschwungenen Pfad, ein einfacher Reisender im Wunderland.

Und plötzlich sehe ich ihn direkt vor mir: Mahatma Gandhi! Lebensgroß, braunhäutig in seinem spärlichen weißen Gewand, so wie im Film. Gandhi? Der exilierte Gandhi? Der aus dem indischen Wertekanon auf 100-Rupee-Scheine verbannte Gandhi?

Ja, er lebt. Man wird ihn vergeblich in der Politik oder im Bewusstsein der Bürger suchen, zumindest im Straßenverkehr oder den Commonwealth Games. Hier aber, in diesem Tempel des Konsums und der patriotischen Selbstinszenierung, hier sitzt er und lächelt.

Ich weiß nicht, ob man ein Anrecht auf Gandhi haben kann, ob er sich besitzen lässt. Vermutlich muss man ihn sich erst erwerben und wird ihn doch nie erreichen können.

Und jetzt fällt mir endlich ein, was Gandhi auf dem Flughafen von Neu Delhi zu suchen hat: Ich denke, er wartet auf seinen Flug. International Departures.

Fotos von Wikipedia