Forschungen, Sonstiges

Auf dem Weg nach ganz weit weg: Zwischenbilanz eines externen Doktoranden

Nach rund einem halben Jahrzehnt an teils begeistertem, teils eher zähflüssigem Engagement für die Wissenschaft, für die Karriere und für die Eigenfinanzierung, wage ich hier nun einen ersten geordneten Rückblick. Auf einer scheinbar unendlich langen Geraden wirkt jeder Punkt willkürlich, und so hätte ich dies hier wohl auch vor x, oder erst in y Jahren schreiben können.

Neben selbsttherapeutischen Motiven und der Genugtuung einer genüsslichen Aufrechnung, möglicherweise und hoffentlich voll sarkastischen Selbstmitleids, könnten diese wirren Worte wohl daneben auch der gütigen Belehrung ähnlich Betroffener dienen, oder eher noch meiner Selbstverteidigung angesichts der Diskrepanz zwischen Erwartungen und Leistungen, oder viel mehr noch der Heraufbeschwörung eines Gefühls der Solidarität zwischen ähnlich vorläufig Gescheiterten an den Anforderungen externen Doktorandentums.

Nach dieser Einleitung zum Zwecke der Leserführung komme ich nun endlich zur Sache:

1. Finanzen und Zeit

Beruflich stecke ich in einer gemeinnützigen Organisation, die ich selbst mit aufgebaut (sprich: verbockt) habe und aus der ich also nicht so einfach weg kann oder will. Da sie per Gesetz keinen Gewinn machen darf, leben wir Beteiligte je nach Laune der Geldgeber manchmal mittelmäßig, in letzter Zeit aber eher bescheidener. Spenden dürfen ganz überwiegend ausschließlich für Zielgruppen, Aktivitäten, nachhaltige Outputs usw. ausgegeben werden, nur begrenzt jedoch für die eigene Organisation und ihre Mitarbeiter. Diese Auffassung ist wohl eine Folge des kulturellen Umfelds. In manchen anderen Ländern geht man davon aus, dass jemand, der gute Arbeit leistet, dies nicht ohne ein angemessenes Gehalt machen sollte. Hierzulande gilt Idealismus jedoch als Indiz einer Selbstverschuldung und insbesondere als verpflichtende Vorausleistung für gemeinnützige Tätigkeit, die jedes Projekt – aus Sicht der Geldgeber – uneingestanden zu einem Schnäppchen werden lässt.

Es klingt paradox: Je weniger bezahlte Arbeit man im Non-profit-Sektor hat, desto mehr arbeitet man. Man entwirft nämlich neue Projekte, schreibt Anträge und bringt potentielle Aktivitäten oft schon in eine Rohfassung – und dies zusätzlich zu der Arbeit an denjenigen Projekten, die man voll bewältigen muss, auch wenn sie nur zu Bruchteilen bezahlt werden. Erst wenn eine Organisation auf absehbare Zeit genügend Einkünfte hat, kann sie sich leisten, nahezu ausschließlich für laufende Projekte zu arbeiten.

Anders als in der Wirtschaft investiert man als gemeinnützig Selbständiger nicht etwa in die Möglichkeit zukünftigen eigenen Wohlstandes, sondern in das Wohl einer Gesellschaft, die es einem eigentlich jetzt schon vergelten könnte, oder zumindest überhaupt irgenwann einmal.

Der finanzielle Aspekt hängt eng mit dem zeitlichen zusammen. Die Zeit, die man zum Geldverdienen benötigt, fehlt einem für andere Tätigkeiten, so etwa fürs Promovieren. Ein möglicher Ausweg besteht darin, den Beruf mit den Forschungen so weit es geht überlappen zu lassen. Man macht etwa beruflich eine Reise und führt nach der Konferenz noch ein paar Interviews für seine Forschungen durch, wobei man sich schuldig fühlt, den Interviewpartnern die verdiente Freizeit nach der Arbeit weg zu nehmen. Eine gewisse Trennung von NGO-Beruf und Forschung ist natürlich unabdingbar, das folgt einfach aus der Verschiedenheit von Weltverbessertum und Wissenschaft. Allerdings ist es auf der anderen Seite naiv und irreführend zu behaupten, dass Doktorarbeiten nichts mit den persönlichen Interessen der Doktoranden zu tun haben sollten. Ohne Begeisterung für ihre Gegenstände würden es auch die Hohenpriester unserer Wissenschaft in der unhinterfragbaren anwendungs- und profitorientierten Forschung nicht schaffen, sich produktiv zum Nutzen von Medizin, Rüstung und Unterhaltungselektronik einzubringen.

Ein Stipendium? Nach dem Blick auf die Rhetorik von „jungen Wissenschaftlern“, „Juniorprofessoren“ und einer Ausbildung im Schnellverfahren kann es einen nicht überraschen, dass fast alle Programme Altersobergrenzen vorsehen. Ist es eine Strafe dafür, sich nicht früher darum gekümmert zu haben? Der Uni für einige Zeit den Rücken gekehrt zu haben? Ist es der Auffassung verschuldet, dass ein Stipendium eine Investition in ein Individuum darstellt, die sodann genügend lange Zeit zurück gezahlt werden soll? Und was ist also mit der Investition, die dieses Individuum bereits im voraus geleistet hat, wenn es erst Mitte dreißig ankommt, nach etlichen Jahren beruflicher Tätigkeit? Nun ja, die wurde eben zu früh geleistet, und somit ohne Gegenleistung. Naiv und dumm gehandelt. Wer schlau ist, der nimmt sich zuerst vom Staat und gesellschaftlichen Institutionen was nur geht – das ist der Sinn und Zweck der viel beschworenen Jugend. Im hohen Alter (also in den späten „30ern“) zahlt man dann zurück. Umgekehrt geht es nicht.

2. Die Uni-Atmosphäre

Für meine Motivation spielt es eine große Rolle, immer wieder begeisterte Leute und begeisternde Themen zu treffen, mich von der Vielfalt der Forschungen mitreißen zu lassen. Das bekomme ich nicht aus Büchern und nur ganz begrenzt aus dem Computer.

Wissenschaft lässt sich zudem nur dort betreiben, wo für sie ein gewisses Verständnis herrscht. Gerade weil viele Wissenschaftler das machen, was sie persönlich interessiert, sieht es für Außenstehende oft wie ein Sich-Drücken vor der eigentlichen, beschwerlichen Arbeit aus, wenn sie etwa mit einem Buch auf dem Sofa sitzen und dabei zufrieden lächeln.

Der direkte Kontakt mit den Gleichgesinnten bildet also, mathematisch gesprochen, eine notwendige Bedingung für die Forschungen. Im Anschluss daran ein bisschen Arithmetik:

Meine Fahrtzeit per Bahn vom Wohnort zum Studienort beträgt pro Strecke planmäßig 5 Stunden und 26 Minuten. Hinzu kommen hier etwa 20 Minuten zum Bahnhof und dort etwa eine halbe Stunde Weg zur Uni, also lassen wir es 6 ½ sein (plus Verspätungen und lange Wartezeiten auf zugigen Bahnsteigen bei Minustemperaturen, woran ich mich jetzt nicht gerne erinnere). Der Witz ist, dass es laut Online-Fahrtenplaner per Auto lediglich 2:42 h wären. Aber wie kommt man als externer Doktorand an ein Auto?

Meine Bekannten hier können ihr gutes Stück leider nicht verleihen, da sie es jeden Tag beruflich brauchen. Mit Autovermietungen habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, und die Verpflichtungen sind kompliziert und ärgerlich, falls das Seminar ausfällt und ich auf dem reservierten Auto sitzen bleibe. Car Sharing? Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich in Prag lebe. Verkehrspolitisch leben wir in den 70ern: Hier werden gigantische Straßentunnel und immense Parkplätze gebaut für eine Utopie, wo jeder freie Bürger seine Freiheit im eigenen PKW erfahren kann. Hier und dort gibt es sporadisch Fahrradspuren (vor allem Bremsspuren) auf den Straßen, dann und wann wird ein neues Straßenbahnmodell angeschafft, dessen Fahrwerk auf den Weichen bedrohlich scheppert. Es ist ein interessantes Zeitalter, dessen Zeuge sein zu dürfen ich den Entscheidungsträgern zweifellos hoch anrechne.

Ein eigenes Auto? Fehlanzeige. Ein Motorrad zumindest? Das selbe Problem wie mit dem Fahrrad: Man kann es nicht mit in die Wohnung hinauf nehmen, außer dass man die steile Treppe hinauf fährt. Also öffentliche Verkehrsmittel. Also sechseinhalb Stunden zur Uni und sechseinhalb Stunden zurück. Wenn man für zwei Präsentationen hinfahren soll und dann kurzfristig krankheitsbedingt eine davon ausfällt, dann wäre man also einen halben Tag lang unterwegs, um sich anderthalb Stunden Vortrag anzuhören. Vielleicht noch einen Vortrag, den man sehr, aber sehr ähnlich bereits im letzten Semester gehört hat.

Arbeiten im Zug: Problematisch, wenn man extrem früh aufgestanden ist. In einem dieser Züge bin ich einmal eingenickt, und als ich aufwachte, blickte ich dem Gesicht eines Taschendiebs direkt in die freundlich zwinkernden Augen – sein Kumpan direkt hinter ihm, ich also eindeutig in der Minderheit. Er hielt dann überraschend statt eines Messers eine Zigarette in der Hand – eine exit strategy im Geiste eines ultimativen Gewaltverzichts, von der so manche Afghanistan-Unternehmungen was lernen könnten – und bat um Feuer.

In Bummelzügen gibt es natürlich auch keine Steckdosen für den Laptop, und dessen Batterie reicht nur für vier Stunden. Inklusive Schienenersatzverkehr sind es 5 Mal Umsteigen, und die Anschlüsse warten beileibe nicht immer auf einen 5 Minuten später eintreffenden Zug, so dass man zuweilen 55 Minuten im atemberaubenden Kirchenlaibach verbringt, wohl wissend, dass man gerade 55 Minuten seines Seminars verpasst, und das nur 15 Minuten vor seinem Ziel nach einer mehrstündigen Reise.

Nachbemerkung: Ist es im Zeitalter von Web 2.0 nicht möglich, die persönliche Anwesenheit virtuell im Internet – vielleicht nicht gerade zu ersetzen, aber doch zumindest zu verlängern? Entsprechende Versuche habe ich gemacht: Diskussionsforen, gemeinsame Forschungsblogs der Doktoranden, eine Plattform für Veranstaltungen und begleitende Lektüre. Leider hängt die Nutzung letztendlich davon ab, wie intensiv dieses Angebot in das Programm mit eingebunden wird und wie viel sich die anderen Promovenden davon versprechen. Wenn diese vor Ort leben und eigentlich keinen rechten Bedarf für mehr gruppenbildendes Engagement sehen, oder einfach dem Web 2.0 gegenüber eher passiv eingestellt sind (so weit es sich nicht um das Versenden von Teddybären auf Facebook handelt), dann fehlt einfach die kritische Masse, um es zum Laufen zu bringen.

3. Was habe ich bloß damit gemeint?

Eine Bekannte, geschiedene Mutter, Doktorandin in London, aber mit bezahlten Lehrverpflichtungen, riet mir einmal dazu, dass ich zumindest ein paar Seiten pro Tag lesen solle. Auch wenn es noch so wenig sei, ich solle einfach dabei bleiben. Also dann Abends, nachdem man stressige Emails mit schwierigen Grassroots-Organisationen in den Armenvierteln von New Delhi hinter sich gebracht, ein Security-Update unserer CMS-Software aufgespielt, die fachbezogenen Nachrichten gesichtet und ein paar Anfragen auf Tschechisch und Englisch beantwortet hat, nach dem Abendessen noch den Aufsatz von gestern, pardon, vorgestern hervorholen, die Bleistiftmarkierung suchen (hoppla, so dicht hinter der vorangegangenen?) und weiter lesen. Es geht. Oft. Meistens nicht. Zunehmend sitze ich dann doch am Computer und flicke zunächst die nervigen Probleme am Web-Layout, die das Security-Update verursacht hat, oder ich schreibe eine Mail an meinen Bruder, lese einen witzigen und völlig sinnlosen Artikel im Internet, sehe einen Film im Fernsehen an. Die produktive Zeit des Tages, an der ich mich konzentrieren kann, ist einfach weg. Da ist abends nicht mehr viel zu wollen.

Also dann am Wochenende: Ein Text mit Fragmenten, offenbar aus meiner eigenen Hand. Einige Sachen nicht verständlich ausformuliert. Ein paar geniale Bemerkungen, aber doch nicht ganz so originell, ziemlich viel Wirrwarr. Eine Tabelle an Daten. Einige tausend Datensätze lang. Viele Tabellen.

Die einstmals begeisternden Forschungen von beschwingender Leichtigkeit haben nun allmählich etwas von einem stückweisen Ausmeißeln eines Durchbruchs im endlosen Gestein bekommen. Diese Arbeit steht in natürlicher Opposition zu einem Wochenende mit Picknickkorb am sonnigen Flussufer, zu einem Besuch bei lang nicht mehr gesehenen Freunden mit Tratsch über die alten Zeiten oder einfach mal mittags gut essen und den Nachmittag verschlafen. Eine dem Verderben geweihte Konstellation.

4. Betreuung

Über meine Betreuung kann ich nicht klagen. Beide Betreuer kennen vermutlich aus eigener Erfahrung das Problem, dass es mit gutem Willen allein noch nicht getan ist. Neben Bayreuth und Prag ist mit dem Zweitbetreuer nun auch Wien hinzugekommen. Oft jedoch habe ich das Gefühl, dass man als externer Doktorand von seinen ortsansässigen Kollegen durch ein Übermaß an Vertröstungen und Entschuldigungen hervorsticht, die zwar alle völlig stichhaltig sind, aber dennoch weit weniger zur allgemeinen Partystimmung beizutragen vermögen als zum Beispiel regelmäßige Erfolgsmeldungen. Auch die Fakultäten stehen unter Erfolgsdruck, ich weiß. Es bleibt keinem erspart.

Ich habe nie verstanden, warum im zeitgenössischen Europa immer wieder diese Mobilität von Arbeitskräften (europäischer Herkunft, versteht sich) gepriesen und gefordert wird, ohne jedoch auch nur annähernd adäquat die Bedingungen dafür zu zu schaffen. Schließlich werden keine Maschinen, Ideen oder Produkte verschoben, sondern Menschen. Hier ist Europa nicht über den Anspruch hinaus gekommen. Vielleicht vereint mich das mit Europa.

Fazit

Natürlich hat jeder externe Doktorand seine (oder jede externe Doktorandin ihre) ganz persönliche Mixtur aus Uni, hausgemachter Forschung und Brotberuf. Bei vielen Leuten fließt dann noch ein Kind mit in die Rechnung ein. Fahrtzeiten sind oft kürzer, Querfinanzierung durch einen mitfühlenden Partner möglich, gute Brotberufe als Halbzeitstellen im Angebot, manchmal kann man seine Mutter zum Babysitten einspannen oder die Eltern in Rente lassen einen billig wohnen oder man findet einen DB-Gutschein in der Kuchensendung. Zuweilen schreibt man zwei Wochen an einem Aufsatz, der einem etwas Geld einbringt, so dass man eine ganze Woche lang ohne Gelderwerb auskommt, die man dann völlig seinen Forschungen widmen kann.

Habe ich „Fazit“ geschrieben? Es gibt kein Fazit. Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Jeden Monat kann etwas Neues passieren. Vielleicht schafft es ein neuartiger Zug mit schepperndem Fahrgestell in nur 4 Stunden von Prag nach Bayreuth. Vielleicht bleibt der Bahnhof von Bayreuth in Zukunft auch nach Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Vielleicht steigen die Taschendiebe aufs Auto um. Vielleicht legen die größten 10 deutschen Stiftungen zusammen und veranstalten jedes Wochenende eine Lotterie für Promovierende jenseits der Altersobergrenze. Vielleicht auch erhält jede Uni in Zukunft als Zeichen ideologischer Transparenz ein Campus-Casino: Alma Fortuna.

Es bleibt also noch alles offen.