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Ein Jahr lang geflattert. Wann hebt es ab?

Flat. Flattr. Flattremendous: Die Anfänge

Eine alte Mail bestätigt es: Es ist knapp ein Jahr her, dass ich meine Bestätigung „Welcome to Flattr!“ erhalten habe. Mir ist es wesentlich länger vorgekommen, aber das liegt vielleicht daran, dass mich diese geniale Idee von Anfang an begeistert und inspiriert hat. Ich bin sicher kein typischer „Early Adopter“, das klingt zu sehr nach Frühaufstehen. Mir war aber klar, dass Flattr ein großes Potential für gemeinnützige Organisationen hat, wo sehr viel „kleine“Arbeit kostenlos und oft im Web geleistet wird und wo es oft an einem einfachen Weg fehlt, den Beteiligten seine Anerkennung zu zeigen.

Gleich nach der Registrierung habe ich folglich die Leute bei Flattr kontaktiert, ob sie nicht für Nonprofits auf die Pflichtzahlungen verzichten könnten. Die gerät nämlich in Konflikt mit dem gemeinnützigen Auftrag, wenn die eigenen Gelder gespendet werden. Und auch die damalige Regelung, die wohl zum Klicken anspornen sollte, stellte mich vor Probleme: Wenn eine Charity den monatlichen Betrag nicht verflatterte, dann ging das Geld an eine andere Charity. Zum Glück hat sich das Flattr-Team sehr konstruktiv und schnell für entsprechende Änderungen entschieden und verzichtet nun bei den „Charity Accounts“ sogar auf ihren Anteil.

Momentan sieht bei mir die Nutzung nun so aus, dass ich einen Charity Account für Burma Center Prague betreibe, von wo aus nicht geflattert wird, sondern die Einnahmen satzungsgemäß für die Arbeit verwendet werden, und einen privaten, den ich mit eigenen Euros füttere und von dem aus ich folglich auch frei flattern kann.

Und wie geht es uns denn eigentlich?

Flattr hat meine Sympathien. Also bin ich an der Entwicklung interessiert. Also finde ich es manchmal etwas frustrierend, immer nur auf Vermutungen angewiesen zu sein, wie es nun eigentlich mit Flattr steht. Und dies umso mehr, als sich Flattr immer gerne als etwas Community-Betriebenes darstellt, wo man sich fast schon persönlich kennt und auf dem selben Niveau miteinander umgeht. Wenn ich also nun meinen analytisch-apokalyptischen Rückblick wage, so habe ich hier schon gleich den ersten Punkt, den ich erwähnen muss: Flattr ist nicht sehr transparent. Und um auch gleich auf den typischen Einwand zu reagieren: Hier geht es nicht um eine Offenlegung von individuellen Nutzerdaten, sondern um allgemeine Indikatoren, die uns etwas darüber verraten, wie sich Flattr entwickelt. Es hat mich oft erstaunt, wie schnell das Team von Flattr auf Anfragen und Anregungen reagiert und wie sehr dieses Idealbild des offenen Büros genährt wird, ohne jedoch jemals zufriedenstellend auf die Gretchenfrage zu antworten: Wie läuft es denn nun eigentlich mit unserem Zögling Flattr? Hat es den Durchbruch geschafft? Oder steht der Zusammenbruch unmittelbar bevor?

Alles ist möglich. Wir wissen es nicht. Aber dennoch: Das Fortbestehen von Flattr baut darauf, dass wir als seine ideellen Aktionäre dran bleiben. Also wäre es gut, wenn wir etwas mehr wüssten.

Ein paar Gedanken

In meinem persönlichen Auf- bzw. Abstieg vom Journalismus zum NGO-Management habe ich u.a. lernen müssen, dass es bei Betrieben, die aufgebaut wurden, um eine Idee zu verwirklichen, oftmals zu existentiellen Krisen kommt, weil irgendwann das Gesamtkonzept nicht mehr stimmt. Das liegt ganz einfach daran, dass die dahinter stehenden Idealisten noch zu sehr von ihrer ursprünglichen (und oft sehr unklaren) Vision getrieben werden und sich nicht klar machen, dass sich inzwischen vieles verändert hat. Die Aufbauphase braucht oft andere Motivationen und treibende Kräfte als später der Normalbetrieb oder die Expansion. Bei NGOs kommt es typischerweise dann zu einer Krise, wenn die Grenze zwischen ehrenamtlichem Freizeitverein, der vom Wohnzimmer oder der Kneipe aus betrieben wird, und einem Betrieb mit Angestellten, geregelter Aufgabenteilung usw. erreicht wird und man sich einfach entscheiden muss, wohin man will. Oft ist es dann hilfreich wenn ein externer Beobachter hinzugezogen wird, jemand der noch nicht involviert war und der die Gründungsmütter und -väter dazu bringt, ein paar Schritte zurück zu treten und auf ihr Werk aus einer gewissen Distanz zu blicken.

Ein paar Sachen fallen mir in dem Sinne bei Flattr auf, die ich jetzt hier einfach mal zusammentrage. Teils handelt es sich um Fragen des Selbstverständnisses, teils aber auch um Ideen, die der Verbesserung dienen können und die mal geäußert wurden und seitdem von Stille umgeben werden.

1. Ehrenamtlich-demokratisch oder gewinnstrebend-exklusiv?

Wie schon oben erwähnt, ist Flattr nicht so ganz stimmig in seiner Außendarstellung, ob es sich nun um ein Community-betriebenes, idealistisches und offenes Projekt (so quasi in virtueller Kumpelschaft) handelt, oder um einen gewinn- und ruhmstrebenden Betrieb, der es mit den Großen aufnehmen will. Sicher ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. Mir kam es jedoch fast schon etwas grotesk vor, als wir Flattr Ambassadors, die wir als besonders engagierte (oder kritische) Nutzer mit Ideen und der Promotion der „Marke Flattr“ beitragen sollten, immer noch keinen Einblick hinter die Kulissen gewährt bekamen. Wir durften also für Flattr werben (was ich an sich gerne mache), aber uns wurde – um es mal provokativ zu sagen – doch immer noch nicht zugetraut, dass wir die geheimen Kenndaten von Flattr so wie das Team richtig verstehen und verwenden können. Da gab es also eine deutliche Grenze von Innen und Außen, und selbst die „Erwählten“, die ohnehin schon viel für Flattr geleistet hatten, waren immer noch in diesem Sinne „draußen“.

Ganz anders die Atmosphäre in diesem Forum der „Botschafter“: Es wurden in kurzer Zeit sehr viele gute Analysen und Ideen eingebracht. Beiträge waren offen und ganz überwiegend konstruktiv. Ganz eindeutig hatten die Anwesenden lange Zeit darauf gewartet, ihre Gedanken zusammenzutragen. Es wurde diskutiert, neue Threads wurden gestartet, abgenagt, liegen gelassen. Das war’s. Das Forum wurde ja bekanntlich geschlossen, nachdem die Diskussion der Flattr-Botschafter auf Emails umverlagert worden war und ich mich abgekoppelt hatte. Mir kam es wirklich so vor, als seien wir dort so eine Art Testgruppe gewesen, die ein neues Produkt ausprobiert, sich darüber äußert, ein wenig Brainstorming leistet, und hinter einem verspiegelten Fenster stehen die Forscher resp. Entwickler und beobachten die Tester und ziehen ihre Schlüsse.

Natürlich kann es sein, dass ich in das technische Forum überwechseln müsste, um zu erfahren, was nun davon umgesetzt wird, ob irgendein Kritikpunkt vielleicht zu Überlegungen geführt hat, wie er vielleicht umzusetzen wäre usw. Aber das sind einfach verschiedene Ebenen und viele der Leute mit hilfreichen Beobachtungen oder aus der Zielgruppe (siehe unten) sind leider keine Programmierer.

Ähnlich mit den 10% Gebühren. Ich nehme an, dass die Menge der Klicks immer noch so gering ist, dass der Anteil für die Betreiber 10% betragen muss, um sie zu ernähren. Klar, ein Projekt wie Flattr kann man nicht per Smartphone von der Hängematte aus betreiben, man braucht da die richtigen Voraussetzungen. So etwa Büros in Städten, die sicher nicht zu den billigsten in Europa gehören. Aber die Wahl war sicher gut, gleich aufs Ganze zu gehen. Verwirrenderweise nur ist TipTheWeb nonprofit. Sicherlich kein ethisches Problem für Flattr, aber vielleicht in Zukunft einmal ein PR-Problem. Flattr hat sich durch die Nutzungsgebühren und eine gewisse Abschirmung von den Unterstützern für eine bestimmte Firmenphilosophie entschieden. Das ist völlig in Ordnung. Aber oft wird es inkonsistent kommuniziert, wenn der Eindruck vermittelt wird, es handle sich um ein offenes und auf Gleichheit beruhendes Projekt, das von uns allen gleichermaßen und aus reinem Idealismus getragen wird und zu dem die Nutzer in so einer Art basisdemokratischem Impetus beitragen. Wieder einmal provokativ: Wenn jemand zu einem Projekt, das 10% des Geldflusses abschöpft, mit Ideen und Analysen beiträgt und somit dessen Wert erhöht, dann ist das keine ehrenamtliche Community-Arbeit mehr.

2. Socialist Bookkeeping oder Social Bookmarking?

Flattr hat entschieden mehr Potential als nur Cents hin und her zu schicken. Die Zahlung ist zwar das gewisse Extra über dem „Like“, aber damit ist ja das „Share“ noch nicht erledigt. Es gibt bei Flattr ein gewisses System an Tags, vermutlich weil jedes Online-Portal, das mit Inhalten hantiert, Tags hat. Es werden aber beim Eintragen der Tags keine Vorschläge angeboten, was eine einheitliche Handhabung verbessern könnte. Und da es bei der Suche offenbar auch keine semantische Toleranz gibt, heißt bei der Suche knapp daneben zu liegen so viel wie voll daneben zu liegen.

Gerade die Tags, zusammen mit den Kategorien und Sprachen, wären eigentlich ideal, um allgemeine und nutzerspezifische Empfehlungen zu erstellen. Wenn ich also immerzu ähnliche Themen flattere, dann könnte ich auf neue Artikel in dem Bereich aufmerksam gemacht werden („hot“, „new“, „undiscovered“ usw.). Ebenso wäre es möglich, die Tags der eigenen Beiträge auszuwerten. Diese Vorschläge könnten die Einbindung der Nutzer immens erhöhen. Newsletter könnten dazu benutzt werden, monatlich eine Palette von individuellen Empfehlungen zu verschicken, statt bloß des warnenden Fingers, dass man noch nicht geflattert habe. Selbstverständlich müsste jeder die Möglichkeit haben, diese Auswertung seines oder ihres Klickverhaltens abzuschalten.

3. Warum keine URLs? Gutschein-Codes? Flat.tr?

Warum können wir keine Subdomains flattern? Das oben erwähnte TipTheWeb scheint das zu schaffen, und auf meine Frage, warum wir das Web nicht flattern können wie bei TipTheWeb, konterte @Flattr, dass ich ja den Twitter-Account von TipTheWeb flattern könnte. Hm … witzige Antwort, aber doch ein wenig so, als halte man sich für gefeit gegen Verbesserungsvorschläge, indem man ja bereits alles geplant habe. Aber vielleicht steht die Neuerung schon bald vor der Tür. Vielleicht können wir ab nächstem Monat Subdomains flattern und die Geflatterten können als Beleg, dass eine Subdomain ihnen gehört, eine Datei mit einem einmaligen Code auf ihr Web hochladen oder einen Meta-Tag einbauen – wie bei den Webmaster Tools. Und voilà, die Flattrs haben ihren Besitzer gefunden.

Ebenso die Idee mit den Gutschein-Codes: Man kann sie ausdrucken und im Café auf dem Tisch lassen, oder einem Straßenmusiker in den Hut werfen. Man kann auch hundert Stück auf seiner Website posten. Oder sie vom Heißluftballon aus über der Stadt abwerfen. Jeder Code ist einen Flattr wert – falls er eingelöst wird. Falls nicht, dann braucht man sie nicht einmal als „pending“ aufzuführen. Die QR-Flattr-Codes waren ein genialer Schritt, aber ohne Smartphones und scanfreudige Passanten sind die Dinger relativ wenig wert, und in ihrem Fall müssen sowohl Spender als auch Empfänger bereits registriert sein. Bei Gutschein-Codes muss nur derjenige registriert sein, der das Geld anbietet – also verlockend für den anderen mit einzusteigen.

Oder wie wäre es mit einem Flattr-eigenen URL-Shortener http://flat.tr? Irgendwelche türkische Bekannte, die Flattr mit der Registrierung helfen können? Yourls erledigt das Technische. Alles schon vorgeschlagen worden … vielleicht in Entwicklung, vielleicht auch nicht. Also, hiermit ist auch dieser Vorschlag aus dem versteckten Ambassador-Forum in die Öffentlichkeit entlassen worden.

4. Spielzeug für erwachsene Lego-Spieler oder Buttons für die Massen?

Abschließend noch eine Hausaufgabe für Flattrs Selbstfindungsprozess: Wer ist die Zielgruppe? Programmierer, Robotik-Fans, Anbieter auf Content-Plattformen? Oder die ganz gewöhnlichen Nutzer, die jedes technische Detail langweilt, belästigt oder sogar abschreckt, die Geräte lediglich benutzen, anstatt sie zu öffnen? Es geht hier nicht nur darum, welche Themen behandelt und welcher Typ Plattform als Partner gewonnen wird. Es ist klar, dass es bei Projekten wie Flattr zu einer „tragischen“ Rückkopplung kommt, wenn die Leute, die es ausdenken und aufbauen, es dann natürlich auch managen und propagieren wollen und dass ihnen die eigene Interessengruppe logischerweise am nächsten ist. Kein Problem. Aber Flattr sollte sich klar machen, was es für wen sein will, und was es folglich erreichen kann.

Wenn eine größere Verbreitung angestrebt wird, dann sollte Flattr eventuell mit einer ausgewogeneren Themenpalette präsentiert werden – Schritte in die Richtung sind bereits zu beobachten: Fotos, Musik, Comics, usw.. Zum anderen aber auch gilt für Flattr wie für jedes andere „Werkzeug“, dass sich Nutzerfreundlichkeit oftmals durch Unsichtbarkeit auszeichnet. Mein bevorzugtes Email-Programm etwa funktioniert einfach nur. Wenn ich es starte, dann möchte ich meine Emails sehen – dafür ist es eine Email-Software. Wenn ich andere Leute durch Minizahlungen beglücken und ihre Artikel propagieren möchte, dann stehen diese Leute und ihre Artikel im Vordergrund.

Wenn ich jedoch das erste Mal bei Flattr ankomme, Flattrs Video ansehe, auf die unten angebotenen Links klicke, dann sehe ich vor allem: Flattr. The amazing Flattr machine. Flattr ist ein Projekt für Flattr. Was ich aber sehen möchte, ist das, was es zu flattern gibt. Oder verallgemeinert: Internetnutzer möchten sich selbst wiederfinden, ihre eigene Welt, ihre Freunde, Gleichgesinnten, ihre Interessen, ihre Werke. Auch die Leute hinter Flattr wollen das. Deshalb überall Flattr, Maschinen, Code und Geeks. Aber Flattr ist nicht die Welt der Millionen von Leuten dort draußen. Flattr ist für sie nicht mehr als ein Dienstleister.

Natürlich lässt sich Flattr wunderbar für alle möglichen Kreationen verwenden. Aber das ist für mich nicht der erste Eindruck. Sicher steht man bei Facebook vor der Anmeldung auch erstmal vor einer demonstrativen Wand. Aber so weit ist Flattr eben noch nicht, dass Leute unbedingt hinein wollen, dass die Marke sich selbst trägt. Bei Digg.com sehe ich Titel, bei Delicious.com Fotos, und beide Male mit Angaben über die Beliebtheit. Hier geht es um die Menschen und ihre Interessen. Für mich persönlich ist Flattr an sich schon ein packendes Thema. Aber die Masse an Nutzern interessiert sich für Social Networking als Dienstleistung, und nicht so sehr für Social Networking als Dienstleister.

Quo vadis, Flattr?

Flattrt uns demnächst die Meldung ins Haus, dass es schön war mit uns, danke für die Unterstützung, aber die Zeit war noch nicht reif für Flattr, man habe sich entschlossen den schweren Schritt zu gehen und Flattr zu schließen? Das wäre wirklich bedauernswert. Insbesondere da mit dem Scheitern eines dezentralistischen Belohnungsystems ein Präzedenzfall geschaffen würde, vor dem sich später alle Leute mit guten Ideen fürchten müssten. Ich schätze, dass die treuen Nutzer von Flattr noch eine gewisse Zeit des Hungerns aushalten können, bis endlich der Durchbruch geschafft ist. Die größte Bedrohung von Flattr besteht jedoch darin, dass inzwischen jemand anderes das Konzept kopiert und es einfach besser macht. Entweder völlig community-driven und verächtlich gegenüber jedem Einkommen, oder umgekehrt mit einer professionellen Strategie, die von Anfang an wie ein globaler Feldzug geplant wird.

Wer weiß, vielleicht stehen die Konkurrenten bereits in den Startlöchern, die Verträge mit den großen Internetportalen in der Tasche. Wie so oft, ist alles unklar.