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Smartphones für Flüchtlinge?

Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser diese Überschrift als etwas empfinden, was schlecht zusammen passt: Smartphones und Flüchtlinge.

Flüchtlinge haben, so eine verbreitete Vorstellung in der Mehrheitsgesellschaft, die moralische Pflicht zu einem einfachen Lebensstandard – sonst wären sie keine Flüchtlinge. Diese Bescheidenheit seien sie uns gewissermaßen schuldig. Ein Asylant in einem teuren Auto entspricht nicht unseren Vorstellungen, und oft wollen wir auch nicht, dass jemand aus einem der armen Länder kommt und es ihm dann „besser geht als gut ist“ – oder sogar besser als uns. Die Folge wären sonst Ängste, dass wir unseren materiellen Reichtum teilen müssten und in einen Zustand versetzt würden, mit dem umzugehen wir verlernt haben und den wir als „entwürdigend“ zu betrachten uns angewöhnt haben.

Allzu leicht wird dabei vergessen, dass den Flüchtlingsstatus nicht materieller Notstand ausmacht, auch wenn beide oft miteinander einher gehen. Abhilfe besteht dabei oft ganz einfach darin, dass die Betroffenen genügend Möglichkeiten haben, um sich selbst zu helfen. Migranten bilden in vielen Aufnahmeländern wichtige Innovations-Motoren. Wenn auch noch viele andere Faktoren auf allen Seiten mit spielen, so ist die zwanghafte Verbindung von Flüchtlingsstatus und einem unterdurchschnittlichen Lebensstandard ein verhängnisvolles Klischee.

Hier soll jedoch keinem luxuriösen Lebensstil das Wort geredet werden, und ich möchte mich hier auch nicht auf die wenigen Flüchtlinge beschränken, die in die so genannte (und empfundenen) „Ersten Welt“ vorgedrungen sind. Meine persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre konzentrieren sich eher auf Migranten von Birma (Myanmar), die nun in Indien leben (vor allem in Nordost-Indien und in Delhi). Diese Menschen haben dort mit Problemen zu kämpfen, die sie vielfach aus eigener Kraft lösen könnten. Was ihnen dazu fehlt, ist allerdings kein gehobener Lebensstil, sondern ganz einfach die Organisiertheit, das Wissen und, nicht zuletzt, die technische Ausstattung.

Digital Divide: Denjenigen mehr, die weniger brauchen

Technik – wie etwa Internet oder Mobilnetzwerke – lösen an sich noch keine Probleme. Sie können allerdings, richtig angewandt, Werkzeuge darstellen, die Tätigkeiten erleichtern, verstärken oder verbilligen oder die Neues überhaupt erst ermöglichen. Da Migranten ganz überwiegend im Rahmen diasporischer Gemeinschaften aktiv sind, dort Schutz und Unterstützung suchen und auf Vertrauensverhältnissen basierende persönliche Netzwerke aufbauen, spielt für sie die Vernetzung durch Kommunikationsmedien die vielleicht wichtigste Rolle, was ihnen digitale Technik bieten kann.

In Delhi etwa leben die Birmanen (vor allem ethnisch den Chin zugehörig, wobei es auch viele Kachin, Arakan und andere Gruppen gibt) zumeist (groß-)familienweise in Mietwohnungen zwischen Indern und anderen Einwohnern. Eine gewisse Mindestverstreuung inmitten der Mehrheitsbevölkerung ist also immer gegeben, was eine Folge der verfügbaren Wohnungen in dem dicht besiedelten Gebiet ist. Allerdings leben die auf 10 Tausend geschätzte Gruppe doch auf bestimmte Stadtteile im Westen der Stadt zusammengezogen, zumeist in wenigen Minuten Gehentfernung. Sprache und Bekanntschaften, etwa aus dem Dorf daheim, spielen dabei eine wichtige Rolle, die den späteren Wohnort bestimmen.

Internet wird von einigen der Migranten benutzt, soweit das Geld für Hardware und Verbindung verfügbar ist. Diese Vernetzung geht quer durch die diasporische Gemeinschaft über die ganze Welt und verbindet auch das heimatliche Birma, soweit dort eine Verbindung besteht (etwa in Städten). Die Kommunikation zwischen den Menschen innerhalb der Stadt dagegen funktioniert fast ausschließlich über normale Mobiltelefone. SMS ist fast völlig ungebräuchlich, da Mobilfunkgespräche in Indien nicht sehr teuer sind, und wohl auch nicht zuletzt wegen der Analphabeten in ihrer Mitte.

Die Frage stellt sich natürlich, ob nicht auch eine darüber hinaus gehende Nutzung der Mobilfunknetze möglich ist. Aus verschiedenen Ländern Afrikas wissen wir, dass per SMS ein ganzer bargeldloser Zahlverkehr möglich ist, und Feature- oder Smartphones bieten weit darüber hinaus gehende Möglichkeiten.. Nutzversprechende Anwendungen gibt es bereits, allerdings sind die eher für die Oberschicht gedacht, wie schon die folgende Reportage unschwer erkennen lässt:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=XRCMo15bLjY[/youtube]

Natürlich ist auch hier wichtig, ob man nur etwas für Migranten macht oder auch mit ihnen. Das Projekt Handheld Human Rights etwa sieht sehr nützlich aus und war bei seinem Start sicher sehr innovativ, zudem involviert es die Betroffenen. Allerdings scheinen die Daten bereits Ende 2010 zu versiegen. Die Nachhaltigkeit ist also nicht schon damit gegeben, dass man die technische Ausstattung bereitstellt und die Nutzer einweist. Soweit ich von meiner Birma-Arbeit sagen kann, ist diese Webseite nicht hinreichend bekannt gemacht worden. Ich selbst bin nur über fachliche Webseiten für mobile Anwendungen darauf gestoßen. Hier ist wohl ein technisch begeistertes Team einfach der Realität davon gelaufen, vielleicht neuen Innovationen nach. Es ist also darauf zu achten, dass ein Projekt von Anfang an alle Bereiche berücksichtigt, dass man gewissermaßen keine Brücken baut, die dann irgendwo in der Luft enden.

Photos: Project Einstein, Mr. T in DC,  Artikelfoto: Ninja M.