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Leuchtturmwärter in Prag

Zum 10-jährigen Jubiläum einer deutschsprachigen Zeitung in Prag wurden ehemalige externe Mitarbeiter, die über das ifa (eine im Sinne und auf Rechnung des deutschen Auswärtigen Amtes handelnde Kultur-Institution) dort gewesen waren, dazu aufgefordert, einen Rückblick zu schreiben. Offenbar waren nicht genügend von ihnen dazu bereit, denn die Idee wurde letztendlich nicht umgesetzt. Vielleicht hatten sich einfach auch zu viele Ehemalige negativ über ihre Zeit dort geäußert, so wie es zumindest in Gesprächen mit ihnen immer der Normalfall gewesen war.1

Leuchtturm-Mellumplate. Foto: Wikipedia

Foto: Wikipedia

Ich selbst hatte zum Jubiläum einen Beitrag verfasst, der durchaus die Probleme beim Namen nannte, dabei aber doch bemüht war, nicht alles negativ zu sehen. In dem ganzen komplexen Geschehen waren ohne Zweifel viele nette Leute beschäftigt, die zu treffen ein großer Gewinn für mich war.

Für eine sentimale Schönmalerei habe ich aber dennoch keinen Anlass gesehen, weshalb ich auch abgelehnt hatte, diesen Text zu überarbeiten und die kritischen Stellen zu entfernen oder abzumildern, oder ihn durch den Redakteur umschreiben zu lassen. Also ist er nicht erschienen, so weit ich es weiter verfolgt habe.

Eben bin ich wieder auf diesen Text gestoßen und stelle ihn einfach mal ins Netz, gewissermaßen als Beitrag zur ehrlichen Meinungsäußerung und als verspäteter Kommentar – den ich ja nicht zuletzt erst auf die Nachfrage hin verfasst habe. Beim heutigen erneuten Durchlesen habe ich zumindest nicht feststellen müssen, dass ich irgendwo ungerecht geurteilt hätte.

 

Leuchtturmwärter in Prag – ein Rückblick

Einen Artikel über etwas zu schreiben, das journalistisch betrachtet eigentlich kein Thema hergibt? Das klingt nach LZ.

Meine Zeit als ifa-Medienassistent, wie es damals noch hieß, liegt etwa in der Mitte der vergangenen 10 Jahre. Assistent: Das hat etwas von Helfen, von Unfertigem. Bereits damals ging die Diskussion im ifa-Hauptquartier um eine passendere Neubenennung, denn ein Medienassistent musste sein Fach bereits genügend beherrschen, um seine Aufgabe als Qualitätssicherer, Sprachverbesserer und Wachhund der politischen Korrektheit ausüben zu können.

Um die bisherigen fünf Jahre hatte es damals nicht viel Aufhebens gegeben. Als Neuling erfuhr man zunächst ein motivationsgeladenes Einführungsseminar in Stuttgart, auf dem ich überraschend von den immensen Schwierigkeiten meines Vorgängers erfuhr, auf dem mir aber auch die Einführung der in Russland und Polen erfolgreichen Jugendzeitschrift „Vitamin D“ in Tschechien in Aussicht gestellt wurde.

Nach dem Stuttgarter Enthusiasmus kam dann die Prager Realität. Zusammen mit einem humorvollen Kulturassistenten, dessen Aussehen bereits höchst passend an Kafka erinnerte, bildeten wir unter den ifa-Assistenten die tschechische Minderheit. Was erwartete uns? Überalterte Jugendverbände und verfilzte Strukturen? Ein Kampfeinsatz im kulturellen Krisengebiet?

Wenn man sich erst einmal damit abgefunden hatte, dass die LZ in erster Linie das Sprachrohr eines Verbandes war und als Vorzeigestück tschechischer Minderheiten- und deutscher Kulturaußenpolitik eher symbolischen Charakter hatte, so konnte man mit dem Ergebnis recht gut leben. Die Zeitung eckte selten irgendwo an, dafür sorgte bereits der Chefredakteur, der sich mehr als Wissenschaftler denn als Journalist empfand. Historische und landeskundliche Themen waren ausdrücklich gefragt, das Gebiet war mit Tschechien und Deutschland recht klar abgesteckt.

Aktualität verstand sich im Rahmen des gegebenen Erscheinungsturnus. Es galt, eingesandte Artikel sprachlich zu entwirren und im Kampf gegen eine externe Korrekturleserin eine lebendige journalistische Sprache gegen linguistischen Fundamentalismus zu verteidigen. Kritische Berichterstattung befasste sich dezent mit verbandsexterner Thematik.

Im ifa-Neusprech wurden „Leuchtturmprojekte“ gefordert: sichtbare Landzeichen, Orientierungshilfen, und dies alles zum Schnäppchen-Preis. Das angekündigte Jugendmagazin wurde, trotz meiner positiv ausgefallenen Machbarkeitsstudie und verbaler Unterstützung vom ifa, nicht realisiert. Das Goethe-Institut war schneller gewesen, vielleicht auch finanzstärker, zudem mit immensem Selbsbewusstsein und einem in Gesprächen fühlbaren kulturellen Führungsanspruch begabt, und hatte bereits vor meiner Zeit mit dem damaligen Kulturassistenten eine Jugendzeitschrift gestartet.

Verlockt von der Aussicht auf eine Rückkehr in den Journalismus verließ ich nach etwas über einem Jahr die LZ und ging zum Slowakischen Rundfunk. Inzwischen bin ich wieder in Prag, wo ich mit meiner Frau die Organisation Burma Center Prague aufgebaut habe und mich gemeinnützigen Zwecken widme. Die Projektarbeit macht Spaß, Innovationen sind erwünscht, und Entscheidungen werden dort gefällt, wo die eigentliche Arbeit stattfindet. Ich arbeite in einem Team, in dem viele Nationalitäten zusammen kommen und der Blick in die Ferne bildet einen integralen Bestandteil der Arbeit. Ich lebe in Prag und bin mehr unter Tschechen als je zuvor. Gegenwärtige und vergangene deutsch-tschechische Beziehungen und Beziehungskrisen berühren mich nur noch am Rande.

 

Show 1 footnote

  1. In der Tat fällt mir jetzt auf, dass derjenige Kollege, der nun diese Jubiläumsbeilage entwarf, der erste mir begegnete Kollege war, der auf einem positiven Urteil beharrte.