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Thesen über Flattr

Flattr brauche ich sicher nicht mehr vorzustellen. Entweder weil die Leser hier diesen Service ohnehin gut kennen. Oder weil es keine Rolle mehr spielt.

Mich hatte Flattrs schnelle Bereitschaft, für unsere NGO ein kostenfreies Konto einzurichten, überzeugt, mich etwas mehr als anderswo zu engagieren. Zudem sind die Methode genial und die Möglichkeiten motivierend. Allerdings ist das Ausstellen des grün-orangenen Spendentopfs nun selbst zu einer Art Spende geworden – von mir an Flattr und diejenigen, die sich den Service nutzbar machen konnten.

Flattr hat mich über Monate hinweg konstant beschäftigt. Mal sehr engagiert mit einem Aufwand, als sei ich direkt beteiligt, mal nur sympathisierend. Dieses riesige Sympathie-Plus hat Flattr sicher den meisten anderen Unternehmen voraus. Genug, um sich dann und wann umso tiefere Gedanken zu machen, wo das Ganze nun eigentlich hinführt.

1. Nicht alle Internet-User sind selbstlos

Fünf oder ein paar mehr Podcaster und evt. noch eine Tageszeitung gelten als Beweis, dass Nutzer für gute Inhalte zahlen wollen. Wer nichts bezahlt bekommt, hat demnach wohl entweder nichts von Wert produziert oder sein Angebot ungenügend propagiert.

Mich hat das nie überzeugt. Ich denke vielmehr, dass der Auslöser bei vielen „Konsumenten“ dadurch gegeben ist, dass sie damit programmatisch etwas ausdrücken, also „ein Zeichen setzen“ wollen. Also zum einen eine Nachricht an den Beschenkten, dass man die Produkte zu schätzen weiß, zum anderen an die Welt, dass man eine bestimmte Form von Kapitalismus ablehnt. Ich vermute, dass dies dann auch zu einem Lawineneffekt führt, wenn man eher dort klickt, wo man gute Aussichten hat, dass das Ergebnis dann was hermacht.

Von meiner Arbeit im gemeinnützigen Bereich ist mir bekannt, wie sich Inhalte verschieden gut vermarkten lassen: Je nach Zielgruppe bekommt man Spenden eher durch Fotos von dunkelhäutigen Kindern, die mit großen Augen in die Kamera blicken, oder indem man Kuchen auf einem Open Air Fest verkauft. Entscheidend ist oft eine Art Lokalpatriotismus (den „eigenen“ Flutopfern helfen, nicht denen jenseits der Grenze) und der Empfänger der Spende muss natürlich den richtigen „Stallgeruch“ haben (Rotary vs. Rotes Kreuz vs. Community-Centrum nebenan vs. ein Freund von einem Freund, der ein Dorf im Sudan unterstützt, wo er gerade erst persönlich zu Besuch war).

Für ein Waisenheim, Tierasyl oder den örtlichen Sportverein kriegt man leichter Spenden zusammen als etwa für eine Konferenz. Eine Schale Reis, Decken, Solarlampen und Impfungen sind einfacher zu finanzieren als Personalkosten, Stromkosten, die Übernachtung im indischen Dorf, die Reiserücktrittsversicherungen usw. Relevant ist nicht der Nutzen oder der geleistete Aufwand, sondern die Empfänglichkeit der Zielgruppe für bestimmte Inhalte und für bestimmte Darbietungsformen.

Das ist bei Flattr nicht viel anders: Ein momentaner Eindruck soll (oder kann) eine bestimmte Handlung, also einen Klick und damit eine Spende auslösen. Ein Service wie Flattr wird also immer nur eine bestimmte Gruppe ansprechen und bei bestimmten Inhalten besser funktionieren als bei anderen. Das hat nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Aufwand oder der Einzelartigkeit des Ergebnisses zu tun. Wenn ein bestimmtes Kunstwerk nur von 5 Leuten verstanden wird, dann ist die Zielgruppe eben nicht größer. Wenn jemand anderes dagegen einen Witz hervorkramt, der Tausende zum x-ten Mal zum Lachen bringt, dann ist diese Gruppe entsprechend größer.

Die Frage ist nun, ob diese Gesamtheit der Flattr-Nutzer nun bereits mehr oder weniger ausgeschöpft ist oder ob sich einfach durch Vergrößerung des Nutzerkreises prozentual entsprechend auch der Anteil der zahlenden Nutzer vergrößern ließe. Ich würde vermuten, dass noch andere Länder und Nutzerkreise erschlossen werden können, dass das Potenzial aber überall sehr begrenzt ist und nur sehr gering ausfällt.

 

2. Entweder nennenswert, oder gar nicht

Es gibt diese Unterteilung zwischen Schöpfer von Dingen und Konsument (also Leser etc.). Mir gefällt, dass der Übergang auf Flattr so einfach ist. Aber es gibt ihn eben.

Ich befinde mich vielleicht zu gleichen Maßen in beiden Rollen. Als Leser, Zuschauer oder Software-Anwender mache ich Gebrauch von den Flattr-Buttons. Als Creator habe ich mir für die Einführungsphase etwas geringere Erwartungen gesetzt, da ich ja zunächst zur Verbreitung mit beitrage, bevor noch eine kritische Masse an Adepten gefunden ist.

Aber dennoch, warum soll ich es leugnen: Die Erwartungen sind da. Diese Buttons sind keine bloßen dekorativen Elemente oder Ausdruck meiner Unterstützung für andere Leute, die mit dem selben Aufwand mehr Erfolg haben (z.B. weil sie in einer anderen Sprache publizieren). Und mit Blick auf die Einnahmen sieht es da schlecht aus. Das „Monthly Revenue“ schwankt zumeist zwischen 0.01€ und 0.50€, mit extrem wenigen Ausnahmen, wo es an 2 € herankommt. Ein Gutteil kommt dabei von immer derselben Person, die offenbar nett genug ist, „aus Prinzip“ an sehr viele Leute zu spenden. Solchermaßen bekomme ich regelmäßige Beträge auf lange zurück liegende – und nicht wirklich nennenswerte – Kommentare auf Flattr’s Blog. Ich verbuche diese Zahlungen also nicht so sehr als Zeichen der Wertschätzung, sondern als Dank, dass ich überhaupt (noch) bei Flattr bin.

Wenn ich irgendetwas kostenlos auf der Straße darbiete, dann würde ich vermutlich nicht monate- oder sogar jahrelang einen Teller für Trinkgeld ausstellen, der faktisch leer bleibt. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Selbstachtung. Flattr selbst wirbt für seinen Service damit, dass viele kleine Flüsse einen großen Strom formen können, und verweist dabei auf ein paar Podcaster, bei denen es funktioniert.

Ganz klar: Ich investiere nicht viele Stunden pro Woche in einen Podcast, sondern mal hier, mal dort, und zumeist in viele kleine verstreute Sachen. Ich habe keine attraktive Aussage, was ich mit den gewonnenen 1-2 € pro Monat machen würde. Ehrlich gesagt: Ich würde sie wieder verflattern, aber das ist vermutlich unattraktiv für die Spender, denn das können sie ja selbst.

Wenn ich Blogs schreibe, WordPress Plugins überarbeite oder Online-Wörterbücher programmiere, dann habe ich tatsächlich so eine gewisse Mindesterwartung an Wertschätzung: Entweder es gibt ein Trinkgeld, oder es ist eben ein Geschenk. Beide Alternativen sind völlig ok. Wenn es allerdings so eine Mittelding wird, bei dem es eigentlich nicht um meine Arbeit zu gehen scheint, sondern eher um Flattr oder eine allgemeine Weltauffassung, dann hat es einfach den ursprünglichen Sinn verloren.

In vielen Ländern drückt man im Restaurant sein Missfallen über einen schlechten Service dadurch aus, dass man einen betont geringen Betrag als Trinkgeld gibt. Wie fühlt sich ein Kellner, der einen Cent Trinkgeld bekommt? Vielleicht verarscht? Oder kritisiert? Bei Flattr ist das sicherlich anders, aber dann wiederum: Was soll ich mit den Cents? Was ist ein Like-Buttton ohne finanziellen Nutzen? Vielleicht einfach nur ein Like-Button? Und warum dann all der Aufwand für Flattr, wenn das entscheidende Extra nie stattfindet?

Ich weiß nicht, wie es anderen Creators geht, aber ich lasse noch keine Korken knallen, weil ich die Mitteilung erhalten habe, dass ich für den letzten Monat 1 oder 20 Cent bekommen habe. Ich freue mich jedesmal über die Anzahl der Leute, die geklickt haben, aber der Betrag ist eigentlich eher kontraproduktiv. Geklickt wurde ja zudem nicht dort, wo die meiste Arbeit eingeflossen ist. Der Grund hierfür ist vermutlich einfach, dass meine Zielgruppen kein Interesse an Flattr haben.

Selbstverständlich lässt sich daraus kein allgemeines Urteil über Flattr ableiten, denn für viele Leute funktioniert es ja. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass durch Flattr nun neue Leute endlich und verdientermaßen zu etwas Geld kommen, das sie gut gebrauchen können, um etwa die Kosten zu decken.

Wenn es mir nur um die Klicks geht, dann reicht auch irgendein Star-Rating-Plugin. Auf der WordPress-Support-Seite freue ich mich über ein freundliches „Danke“ wesentlich mehr als über die theoretische Möglichkeit, dass mal in 5 Jahren jemand vorbeikommt, der bei Flattr registriert ist und nicht schon sein monatliches Budget zu infinitesimalen Dimensionen heruntergeklickt hat.

Bislang galt für mich die Hoffnung, dass Flattr noch in die Gänge kommt und mehr Leute zu dem Kreislauf beitragen und neue Mittel einspeisen. Aber momentan sieht nicht so aus.

 

3. Geeks in Aufbruchstimmung, in Aufbruchstimmung, in Aufbruchstimmung, …

Super Idee, wie so viele bei Flattr. Aber wie oft wird es wirklich benutzt?

Offline Flattr: Geniale Idee, wie so viele bei Flattr. Aber wie oft wird es wirklich benutzt?

Das Konzept von Flattr und die durchscheinende Weltsicht sind zwar sympathisch, aber die Selbstdarstellung ist nicht unbedingt erfolgsversprechend. Die Leute bei Flattr haben sich bewusst und sehr deutlich als Geeks präsentiert, also ein bisschen was von einem jungen, unkonventionellen, ewig gut gelaunten Team von Software-Entwicklern, die gerne basteln und experimentieren, es hat viel mit Copyleft und Open Source zu tun, mit sozialer Verantwortung und Idealismus, mit Spaß an der Sache. Passt exakt für eine bestimmte Zielgruppe.

Für normale Internet-User sind irgendwelche Integrationen in Apps über neue APIs, 3D-Drucker und dergleichen eher weniger spannend. Und ich fürchte, dass auch Bitcoin nicht zur allgemeinen Verbreitung beitragen würde.

Ich frage mich, ob erfolgreiche Online-Services wirklich immer nur von Technikern gestaltet werden sollten, die zudem ihren Beitrag und die Maschine hinter dem Service in den Vordergrund stellen. Dieser letzte Aspekt hat sich bei Flattr schon sehr gebessert, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass das Team sehr von jemandem profitieren würde, der oder die mit Software und technischen Gadgets absolut nichts am Hut hat, dafür aber ein Gefühl dafür einbringt, wie man durchschnittliche User gewinnt.

 

4. Unstimmiges Gesamtbild

Was mich bei Flattr immer verwundert, ist diese Unstimmigkeit: Open Source, Offenheit, mit großem Aufwand wurde die „Stimmung im Büro“ kommuniziert, als sei der User mittendrin, häufige direkte Aufforderungen, sich mit Ideen und Kommentaren einzubringen. Dann aber eine erstaunliche Mauer um den eigentlich relevanten Kernbereich: Was passiert mit dem Input? Wie geht es Flattr? Steigen oder fallen die User-Zahlen? Sollen wir weiter investieren und auf bessere Zeiten hoffen, oder – als Creators – die Sache zu Grabe tragen?

Gerade wenn so viele Leute aus „Glauben an die Sache“ zur Popularisierung beitragen, dann sollten sie doch alle paar Monate erfahren, was nun mit ihrer virtuellen Spende passiert ist. Vermutlich hat niemand ein Problem damit, sich in ein Projekt einzubringen, das dann wieder der Allgemeinheit dient. Es ist auch völlig akzeptiert, dass die Hauptmacher nicht auf einen menschenwürdigen Lebensstandard verzichten müssen. Aber momentan ist Flattr einfach ein Start-Up wie irgendein anderes, nur eben vielleicht nicht mit dem selben Erfolg. Das ist kein gemeinnütziger Verein, keine Community. Da wird nichts gemeinsam entschieden, da gibt es keine Transparenz oder Rechenschaft. Vielmehr ist es für den Einzelnen so, dass man zum Aufbau einer Firma beiträgt und hofft, aus deren Betrieb früher oder später irgendeinen eigenen Nutzen zu haben.

Sicher kann Flattr als Verwalter von Geldern nicht völlig ein loses Community-Projekt sein. Das ist sicher gesetzlich stark reguliert und wäre auch sehr riskant und angreifbar. Jetzt ist Flattr so etwas wie Dropbox oder Soundcloud: einfach ein Service, von dem ich mir nehme, was mir nützlich erscheint, so lange bis es sich nicht mehr lohnt oder bis mal ein Konkurrent besser ist.

Mich würde wirklich interessieren, wie viele Creators bei Flattr wirklich erfolgreich sind und wie viele umgekehrt nur aus Glauben an die Sache dabei bleiben und das System für andere am Leben erhalten. Möglicherweise gibt es da eine große Anzahl von Leuten, die glauben, sie gehörten als diejenigen, die es noch nicht geschafft haben, zu einer kleinen Minderheit. Wenn Flattr zu Recht als reale Hilfe für Creators gelten will, dann muss es früher oder später einen nennenswerten Anteil von Creators geben, bei denen mehr als bloß ein paar Cent pro Monat herein kommen.

 

Fazit

Mein eigenes Konto habe ich bislang immer mal wieder aus eigener Tasche aufgeladen – entweder über aFlattr (denen ich wirklich dankbar bin!) oder seltener direkt. Meine Flattrs an andere stellen sicher nur selten einen Beitrag zu einem „großen Strom“ dar, sondern sind eher als symbolische Aufmunterungen gemeint. Mittlerweile muss ich mir aber wirklich überlegen, ob ich damit etwas Gutes tue oder nicht umgekehrt bei den Empfängern eine falsche Hoffnung am Leben erhalte.

Flattr scheint momentan nicht zu expandieren. Global Voices hat die Buttons still wieder entfernt – vermutlich können sie sich keine unbezahlte Extra-Arbeit für die „gute Sache“ leisten. Vielmehr hat sich Flattr (ich spekuliere, da es einfach keine Hinweise für die Unterstützer gibt) offenbar dazu entschlossen, sich voll und ganz auf erfolgreiche Zielgruppen zu konzentrieren. Zu denen gehöre ich nicht, und irgendwo ist ein Punkt erreicht, wo gemessen an meinem Anteil an der Investition in die Idee und das Unternehmen der Anteil am Nutzen – sei es materiell oder ideell – nicht mehr ausreicht.

Schwer zu sagen, wo dieser Punkt liegt. Vermutlich kommt irgendwann ein Tag, wo ich beherzt die Sache zu Grabe trage, um sie einfach aus dem Kopf zu haben. Vielleicht auch nicht. Aus Flattr dringen noch häufig diverse Lebenszeichen, und es kann durchaus sein, dass sich die Prioritäten noch einmal verschieben, oder dass irgendein Wunder geschieht.