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Das Geheimnis einer „verspäteten Übergabe aus dem Ausland“

Es ist Freitag, ich sitze im Eurocity 172 von Prag nach Dresden. Die Fahrt ist bisher glatt verlaufen, abgesehen von den zahlreichen Reisenden, die im Gang stehen müssen. Viele Tschechen verlassen Prag über das Wochenende, um am Sonntagabend zurück zu fahren. Dieses Mal sind es besonders viele überzählige Fahrgäste, da der Montag ein Feiertag ist.

Während wir im Bahnhof von Děčín halten, ertönt eine Durchsage der tschechischen Zugbegleiterin – dreisprachig, wohlgemerkt: Die Weiterfahrt des Zuges würde sich leider um zwanzig Minuten verzögern, da wir noch auf das deutsche Zugpersonal warten müssten.

Karte

Das Stück zwischen Děčín und Bad Schandau. Dazwischen treffen Länder, und manchmal sogar Welten aufeinander.

Ich überlege mir, warum die Übergabe des Zuges nicht einfach im nächsten Bahnhof, in Bad Schandau, stattfinden kann. Die Fahrt dorthin dauert bloß 15 Minuten, also weniger als die angekündigte Verzögerung. Aber vielleicht befand sich der Zug mit dem DB-Personal bereits auf der Strecke zwischen Bad Schandau und Děčín, so dass die einzige Option war, sich auf tschechischer Seite zu treffen.

Die Eurocity-Züge sind theoretisch so aufeinander abgestimmt, dass immer zwei entgegen kommende Züge im Grenzbereich aneinander passieren und somit das Personal jeder Bahn einfach nur in die Gegenrichtung umzusteigen braucht. Dieser Wechsel findet zuweilen in Děčín, zuweilen aber auch auf deutscher Seite in Bad Schandau statt, während die tschechische Lokomotive, die mit beiden Betriebsspannungen zurecht kommt, bis Dresden fährt.

Nach einer Weile folgt die Durchsage, dass die Verspätung nun 30 Minuten betrage. Dann aber trifft bereits der Gegenzug ein. Ich sehe die ungarischen Wagengarnituren vor meinem Fenster halten. Es dauert nur wenige Minuten, und unser Zug kann seine Fahrt fortsetzen.

Die nächste Durchsage kommt bereits vom deutschen DB-Personal, und sie verschlägt mir den Atem: Der Schaffner vermeldet die bekannte Verspätung, jedoch nun „aufgrund verspäteter Übergabe von der Tschechischen Bahn“! Ich nehme an, dass diese Schuldzuweisung ins Ausland der Bahn hilft, Rückerstattungen und unangenehme Diskussionen mit Fahrgästen zu vermeiden. Hier allerdings handelte es sich offenbar um eine bewusste Fehlinformation,1 die umso peinlicher ist, als die Reisenden im Zug nicht nur die andere Version der Geschichte kennen, sondern zudem eben noch die deutschen Zugbegleiter haben einsteigen sehen.

Photo by solarnu

Show 1 footnote

  1. Insofern nicht das verspätete Eintreffen der deutschen Kollegen durch die Tschechische Bahn verursacht worden ist, was aber angesichts der kurzen Entfernung zur Grenze – etwa 10 min bis Schöna – und der häufigen Verspätung der aus Deutschland kommenden Eurocitys extrem unwahrscheinlich ist.

2 Kommentare

  1. Rengschburger sagt

    Gestern lief es „ehrlich“: Der EX 353 kam pünktlich gegen 20:12 Uhr in Furth im Wald an, wo der Stationslautsprecher informierte, dass das deutsche Personal erst mit dem ALX 357 eintreffen werden, der leider mit 40 Minuten Verspätung gegen 20:33 Uhr eintraf. Bis München hatte der ALX 353 dann gut 40 Minuten Verspätung, so dass internationale Nachzüge warten mussten (es waren zum Beispiel Fahrgäste nach Venedig im Zug).

    Die Ansage im Zug lautete dann korrekterweise auf „verspätete Übernahme“, denn die „Übergabe“ der tschechischen Kollegen war ja pünktlich.

    • Rengschburger sagt

      Das sollte natürlich „Nachtzüge“ und nicht „Nachzüge“ heißen… 🙂

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