Notizen
Schreibe einen Kommentar

Die Zumutung eines permanenten virtuellen Nicht-Ichs

Kürzlich ist es schon wieder passiert, dass jemand davon ausging, eine auf Facebook gepostete Nachricht sei mir persönlich zugestellt worden. Immer wieder wird der virtuelle Raum von Netzwerken, die sich im Besitz von Firmen befinden, entweder mit einem allgemeinen öffentlichen oder mit meinem persönlichen privaten Raum verwechselt. Facebook ist nichts von alledem, sondern allenfalls eine disziplinierte Öffentlichkeit mit ein paar Bereichen eingeschränkter Zugänglichkeit.

Zuweilen geht es um „private messages“ in dem Facebook-internen Chat, manchmal aber auch Beiträge in Facebook-Gruppen, die dort für mich und andere hinterlegt wurden. Es wäre natürlich möglich, mich regelmäßig anzumelden und nachzusehen, was dort Neues eingetroffen ist, wie es auch möglich wäre, mir die App auf meinem Smartphone zu installieren, so dass ich virtuell immer „dort“ wäre. Mir käme aber gerade diese permanente Anwesenheit so vor, als trüge ich eine elektronische Fußfessel. Zu der Überwachbarkeit mit meiner Einwilligung käme erschwerend auch die permanente Erreichbarkeit hinzu, wann immer ich das Internet benutze.

home photo

Zuhause ist… wo man unerreichbar sein kann.

Die Standard-Reaktion von vielen Datenschutz-Extremisten ist nun der Ruf, man solle sich entweder völlig abkoppeln oder zumindest auf bessere Angebote umsatteln, und sie hätten es einem als verkannte Propheten ja schon vor Unzeiten gesagt, leider nur eben vergebens. Wie dumm von uns.

Ganz so einfach ist die Sache nun aber leider doch nicht, da soziale Netzwerke auch außerhalb ihrer Grenzen bestimmte Zwänge ausüben, denen man sich nicht immer entziehen kann. Wenn man etwa im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit die Massen ansprechen will, dann muss man seinen Idealismus zunächst einmal zurückschrauben. Viele Informationen sind zudem nur dort erhältlich, wo sich deren Verbreiter und Nutzer aufhalten. Da kann man sich zwar von Facebook informieren lassen, dass eine neue Nachricht eingetroffen ist, allerdings wird einem natürlich vorenthalten, worum es sich handelt – denn man soll ja dort in seinem virtuellen Nicht-Ich erscheinen.

Um Kompromisse wird man oft nicht herum kommen, gerade wenn man mit Menschen in Kontakt bleiben will, die anders nicht erreichbar sind, auf die man aber dennoch nicht ganz verzichten kann oder will. Schließlich suche ich mir meine Bekannten nicht danach aus, wie sie mit sozialen Medien umgehen. Was ich mir von den bedingungslosen Adepten aber doch manchmal erwünschen würde, ist ein bisschen mehr Verständnis für diejenigen, die nicht permanent online sein wollen.

Photo by GioSaccone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*