Aikido, Budo
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Symbolischer Neuanfang

Mein erster aktiver Kontakt mit Budo war Anfang 1994, als ich in England Aikido begann. Nach etlichen Wechseln von Wohnorten und Stilrichtungen bin ich schließlich im Herbst 2008 in einem Prager Verein gelandet, wo ich Nishio Senseis Aikido begegnet bin. Zwar habe ich dort ein neues Zuhause gefunden, allerdings zu dem Preis, dass ich fast völlig von vorne beginnen musste. Die Unterschiede zu allem bisher Erlernten waren einfach zu groß, und hinzu kamen noch etliche neue Schwert- und Stockkatas und Aikitoho1.

Nach 8 ½ Jahren im neuen Verein und insgesamt rund 17 Jahren habe ich kürzlich die Prüfung zum Shodan abgelegt. Die Erleichterung, es hinter mir zu haben, ist unzweifelhaft. Allerdings kann ich nicht sagen, jetzt besonders in Feierlaune zu sein. Die Erwartungshaltung hat sich in der doch recht langen Zeit einfach abgenutzt, und schließlich stellt sich für mich nun auch die Frage, wofür dieser Titel eigentlich steht.

In unserem Dachverband ist unser Verein bekannt dafür, dass er seine Schüler sehr lange warten lässt. Vermutlich liegt dem die Auffassung zugrunde, dass ein langer Zeitabschnitt für mehr Können stehe. Allerdings stellt sich dann aber die Frage, wie sich diese hohe Messlatte rechtfertigt. Soll hier irgendjemandem etwas präsentiert oder bewiesen werden? Mir erscheint es wie eine künstlich aufgewertete Währung, die aber ohnehin nie als Zahlungsmittel verwendet wird.

Daneben habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine lange Zeit der Stagnation eher zu einem Motivationsverlust führt. Man fühlt sich vergessen und zu Unrecht zurückgesetzt, also braucht man sich auch keine solche Mühe zu geben. Kümmert es jemanden, wenn man überhaupt nicht mehr zum Training kommt? Die Rolle des Lehrers als aufmerksamer Begleiter und erfahrener Förderer ist gerade bei Budo extrem wichtig.

Ich gehöre sicher nicht zu den Leuten, die ihre Auszeichnungen zur Schau tragen. Umgekehrt halte ich es aber auch nicht für richtig, wenn Schüler sehr lange und oft auf unabsehbare Zeit auf Eis gelegt oder sogar vergessen werden, damit sie irgendwann einmal so wie ein edler Wein präsentiert werden können. Wenn es einem Lehrer nur um erlesene Qualität geht, warum pfeift er dann nicht konsequenterweise ganz auf Titel und Ränge – seinen eigenen eingeschlossen?

In der Prüfungsvorbereitung2 wurde mir oft gesagt, dass eine Prüfung keine umfassende Leistungsschau, sondern eine Präsentation darstelle. Mir wurde jedoch bald klar, dass sie für mich eine völlig andere Funktion erfüllte: Sie war der Abschluss einer langen Phase, die 1994 begonnen hatte. Und je länger er sich hinauszögert, umso wichtiger und notwendiger wurde er.

Für mich zählte letztendlich nur, die Prüfung würdevoll, ohne Abstriche und mit genug Reserven zu absolvieren. So verzichtete ich auf die Möglichkeit, besonders körperlich anspruchsvolle Teile der Prüfung auszulassen. Mit meinen 45 Jahren kann ich nicht mehr so lange auf den Knien gehen wie vor 20 Jahren, und ich bin allgemein auch weniger gelenkig und ausdauernd. Es war mir also klar, dass ich keine ästhetischen Höhen erschwingen würde, aber ich habe die Prüfung im vollen Umfang, mit zwei sehr kraftvollen Angreifern und sicher auch mit solider Leistung absolviert.

Für mich bedeutet der Shodan so etwas wie einen Abschluss, und damit auch einen Neuanfang in der nächsten Runde. Auf jeden Fall bin ich aus den letzten Jahren als Skeptiker hervorgegangen, was die Klassifizierung in Grade anbelangt.

Die inkonsistente Handhabung über verschiedene Vereine oder Verbände hinweg nimmt solch groteske Ausmaße an, dass jegliche Aussagekraft verloren geht. Das betrifft nicht nur die Zeit bis zur Erreichung oder die damit verbundenen Fähigkeiten, die um Größenordnungen divergieren können, sondern auch die Auffassung davon, ob für den Titel auch eine persönliche Reife und Lebenserfahrung eingefordert wird, die einen zum Lehren und Führen befähigt. Manche Budoka sind ganz wörtlich noch Kinder oder charakterlich so unreif, dass ich mich frage, was eigentlich ihre Lehrer all die Jahre gemacht haben. Glücklicherweise bilden diese Fälle aber sicher die Seltenheit.

(Anmerkung: Die Fotos sind einem Video entnommen.)

Show 2 footnotes

  1. gewissermaßen Aikidotechniken als Iaido
  2. Unser Leiter weigert sich (bis auf wenige Ausnahmen), seine Schüler auf Prüfungen vorzubereiten, weil das normale regelmäßige Training ausreichend sei.

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