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Eine kurze Betrachtung des Fremden in Prag

new york café photo

Prag. Wenn ich über Prag nachdenke, muss ich zuerst eine dicke Schicht an Kitsch beiseite schieben, die von wohlmeinenden Besuchern, Suchenden nach einer heilen Welt auf Böhmisch, und auch den Einheimischen in einer erfolgreichen Selbststilisierung angereichert wurde. Wenn man Bier, Knödeln, Weihnachtsmärkten und einer etwas verschrobene Lebensart, ähnlich dem bayerischen „Mir san mir“, eine Absage erteilt, hat man sich schon überall Feinde gemacht. Böhmen ist so eine Art unantastbares Elysium.

Prag ist eine Großstadt, Hauptstadt, Metropole. Daran will ich es messen, nicht an Švejk-Bierstuben und den ewigen Promofotos von der Burg im Morgendunst, Idylle über Idylle, und alles ist nicht nur schön, es ist das Schönste der Welt, wie auch das tschechische Bier das beste Bier der Welt sein muss, sonst ist alles verloren. Mir geht es gar nicht darum, irgendwelche Ranglisten umzustoßen, sondern einfach diese Notwendigkeit, die Nummer Eins zu sein, und zwar die Nummer Eins als Dogma. Da wird nichts Anderes probiert, da wird auch nicht die alternative Meinung willkommen geheißen, weil sie von einer Vielfalt zeugt und von der Bevorzugung der Menschen dessen, was ihnen gewohnt und lieb ist. „Das Beste“ ist eine persönliche, subjektive, lokale Kategorie, und als solche liebenswert, und ansonsten anmaßend.

In Prag wurde längst das Hipstertum als Geschäftsmodell entdeckt. Vollbärtige, tätowierte, baseballkappentragende Männer in Holzfällerhemden servieren Craft Beer und einen leichten Salat auf Tischen aus angemalten Paletten, wo früher noch versiffte Spielhallen regungslos vor sich hin gedämmert hatten. Auf einmal kommt das Geld herein, und die Kunden sind bereit, fast die doppelten Preise für das Lebensgefühl zu zahlen. Das neue Prag fühlt sich wohl von Brooklyn inspiriert, mit MacBook im Bistro und Community-Garten auf dem Dach.

Aber dann jedes Wochenende wieder das gleiche Schauspiel: Freitagnachmittag fliehen die Prager aus der Stadt, um Sonntagabends wieder zurück zu strömen. An Sonntagen haben viele Kneipen geschlossen, auf den Straßen sieht man die gesellschaftlich Abgehängten, Gruppen an Roma stehen an den Haltestellen, und fast erwartet man einen Steppenläufer über die Straßen trudeln.

Wenn ich an die letzten zehn Jahre zurück denke, hat sich in Prag unglaublich viel getan. Aber irgendetwas fehlt da noch. Vielleicht die kritische Masse an Leuten mit Ideen? Ich glaube, was mir fehlt, ist die Internationalität. Ich spreche nicht von Touristen, und auch nur begrenzt von Langzeitgästen wie Austauschstudenten und dergleichen. In Prag herrscht immer noch ein ethnisch definiertes Primat des Tschechischen, wo sich alles Fremde nur dort niederlassen kann, wo ansonsten Brachland wäre. Also sprießen vietnamesische Bistros und Spätläden, und indische Restaurants, und was sonst noch so an Fremdem herumschwirrt, findet sich in den Großraumbüros großer Firmen, wo man auf Englisch kommuniziert und das billige Bier nach Feierabend genießt. „Ethnische“, also vor allem Bewohner mit außereuropäischen Vorfahren, scheinen irgendwie alle mit Lebensmitteln ihr Geld zu verdienen, und zwar zumeist in ausgesprochen bedienenden Positionen. Oder sie sind unsichtbar, unscheinbar, überhaupt nicht interessiert, dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Die einzige Ausnahme bildet das touristische Zentrum, eine riesige Parallelwelt in einer parasitären Symbiose.

Wenn man in Läden und Bistros merkt, dass der Kunde nicht von hier ist, wird er auf Englisch angesprochen. Und wenn er auf Tschechisch begann, wird er vielerorts wieder in „seine“ englischen Schranken zurück verwiesen – wobei Englisch nun wirklich nicht die Muttersprache eines jeden Ausländers ist. Warum kann man nicht die Vielfalt (und dazu zähle ich selbst europäische Kulturen) als Bereicherung empfinden, statt etwas, das bewältigt und geregelt werden muss? Bis dieser Schritt geschafft ist, fehlt Prag das entscheidende Stück zur Metropole.

Photo by willbeeps

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