Leben

Zwischen dort und hier

Berge in den Vogesen

Inzwischen sind es rund vier Jahre, dass ich in Frankreich lebe. Ehrlich gesagt hätte ich die Zeit länger geschätzt. Es war eine ruhelose Zeit, könnte man sagen. Auf jeden Fall war es eine lohnende Zeit. Ich habe viel zurück gelassen, viel, das ich mir in Jahren und Jahrzehnten aufgebaut hatte, um viel zu gewinnen, aber auch viel neu aufbauen zu müssen. In vielerlei Hinsicht immer wieder von vorne zu beginnen, war vielleicht der schwierigste Aspekt daran gewesen.

Für mich mit einem früheren Fokus auf Mittel- und Osteuropa, auf Myanmar und auf Japan, war die Wendung um 180° in Richtung Westen ein Sprung in ein eher unbekanntes Wasser gewesen. Und nun liegt auch mein früherer Rückblick auf die Gegenwart schon über drei Jahre zurück.

Frankreich gehört eigentlich zu den bekannteren Ländern, und nicht zuletzt sind auch die Franzosen bestrebt, ihre kulturellen Eigenheiten zum globalen Allgemeinwissen zu machen. La Grande Nation soll auch heute noch eine Strahlkraft bis weit jenseits ihrer Grenzen ausüben.

Trotz allen realen oder stereotypischen Vorabwissens habe ich das Land jedoch als etwas überraschend Fremdes erfahren. Ich spreche nicht von einer Fremdheit im Sinne einer Ablehnung, einer von den Ansässigen gepflegten Fremdheit aller Neuankömmlinge.

Der Kontrast zu Tschechien könnte wirklich nicht größer sein, wo ich selbst nach über zehn, fünfzehn Jahren zuallererst “der Deutsche” war.

Ich erinnere mich daran, dass sich jemand in einer tschechischen Gruppe zunächst bei mir entschuldigt hatte, bevor er über Kaufland herzog. Der Grund dafür war mir sofort klar: Kaufland und ich waren beide aus Deutschland.

Ich als Deutscher galt als nationaler Repräsentant, der nicht bei Rot über die Ampel gehen durfte und der sich für alles zu schämen hatte, was Deutschland jemals an Schlechtem und Peinlichem verbockt hatte. Ähnlich wurde von mir erwartet, dass ich die typisch deutschen Tugenden hochhielte – protzige Autos, Ordnung, Disziplin, Ernst, Pünktlichkeit und, natürlich, Qualität, Qualität, Qualität. Es konnte kaum das Wort kvalita benutzt werden, ohne nicht zugleich Deutschland mitzudenken

Ça geht’s ?

Gerade in Ost-Frankreich finde ich oft Spuren der beiden Weltkriege. Ein bisschen Napoléon hier, ein bisschen 1870/71 dort kommen noch hinzu. Gustave Eiffel hatte sich ja umbenannt, da ihm “Bonickhausen” zu deutsch klang. Das war damals. Heute testen die Elsässer begeistert ihr Deutsch an mir, betonen aber auch, um es nicht zu Missverständnissen kommen zu lassen, dass sie Franzosen seien. Die Spuren früherer Feindschaft sind so zahlreich wie die Zeugnisse freundschaftlicher Beziehungen und gegenseitiger Faszination.

Wenn ich als Mieter, als Kunde in der Post oder als Kollege sage, dass ich aus Deutschland bin, dann erfahre ich nur freundliches Interesse. Viele hier sind beglückt, meine Herkunft aus meinem Akzent erraten zu haben. Das Klima ist international und die Franzosen bewerten fast nur, wie man sich als Individuum verhält. Ein paar Regeln gilt es zu beachten, aber es wird keine Assimilation erwartet, um dazuzugehören. Im Verein fühle ich mich als der betrachtet, wie ich mich verhalte: Ich bin der mit meinem Humor, mit meinen Interessen und meinen Projekten, und da bilden sich Gruppen und Überschneidungen mit anderen Personen. Die Herkunft ist dort eher zweitrangig.1

Warum war das in Tschechien so anders? Ich denke, dass sich zum einen die tschechische Identität gerade in Abgrenzung zu den Deutschen2 definiert. Sie setzt hierfür, normativ und deterministisch, die Existenz eines eindeutig abgrenzbaren Volkes voraus. Tschechien wird von seinen Bewohnern als “kleines Land” empfunden, das viel Energie in die nationale Identität investieren muss, damit die Grenzen des zu Behauptenden nicht zerfließen. Die Idee eines nationalen Wesens muss dabei immer wieder an greifbaren und abgrenzenden Eigenheiten festgemacht werden, in einem Wort, an češství.

Mir fallen hier die Slowaken ein, die Fast-Gleichen, aber doch eben nur fast. In vielen Ländern würde man die beiden Länder, mit Verlaub, zu Regionen mit eigenen Dialekten erklären, so wie Bretonen oder Korsen etwa. Aber im mitteleuropäischen Nationalismus der slawischen Gruppen wird überall vermintes Gebiet gewittert: Wenn jeder Zugezogene ein “echter Tscheche” werden könnte, dann drohe sich dieser Begriff aufzulösen, und mit ihm die kleine Nation.

Was mir im Rückblick zunehmend auffällt, ist das Phänomen, dass ich bereits vor langer Zeit aus meinem Land aufgebrochen, dabei aber noch nicht vollständig woanders angekommen bin. Es ist kein Wechsel, wie wenn man eine Glühbirne durch eine neue ersetzt. Sprachlich lebe ich noch sehr im Deutschen, aber was in Deutschland vor sich geht, ist mir oft sehr, sehr fremd.

Politische Prioritäten und gesellschaftliche heilige Kühe verwundern mich, moralische Kriterien für Entscheidungen erscheinen mir willkürlich, der Mainstreamhumor macht mich ratlos, die Aktualitäten sind mir nicht mehr geläufig und mein Deutsch kommt mir im Vergleich zum dortigen Sprachgebrauch altmodisch vor, vielleicht weil ich so wenig verschwenderisch mit Anglizismen umgehe.

Ehrlich gesagt, interessieren mich viele dortige Probleme kaum noch. Zunehmend empfinde ich die Verantwortung für ein zurückgelassenes Heimatland als eine Pflichtübung, die ich mir nicht ausgesucht habe und die ich mir auch zeitlich nicht mehr leisten kann.

Allein schon die geographische Entfernung entfremdet. Die Menschen in meiner Umgebung wissen wenig von jenem Land und reden nicht darüber. Ich muss mich selbst darum kümmern, um informiert zu bleiben. Ich kann kaum beeinflussen, was dort passiert, weder auf nationaler, noch auf persönlicher Ebene. In welchem deutschen Ort könnte denn auch mein persönlicher Einfluss wirken?

Wenn ich für deutsche Behörden einen Nachweis erbringen muss, dann brauche ich für alle aktuellen Dokumente eine beglaubigte Übersetzung ins Deutsche, was nicht billig ist. Wofür ich in Deutschland zu Fuß zum Rathaus gehen würde, dafür muss ich mir hier einen Termin im nächsten Konsulat nehmen. Straßenverkehrsregeln, Arbeitnehmerrechte und Gesundheitsversorgung sind für mich dort relevant, wo ich tatsächlich lebe. Ich zahle französische Preise, französische Steuern und wähle mein Essen von französischen Menüs. Das hat nichts mit Grande Nation zu tun. Wenn ich in Slowenien leben würde, dann wäre alles eben slowenisch.

Was mir im Rückblick einfällt

Frankreich ist anders. Es war mir fremd. Jetzt ist es mir vertraut. Aber ich bin noch Jahre davon entfernt, mich als Kenner zu bezeichnen. Zu steil ist noch die Lernkurve, und das betrifft verschiedene Gebiete, wo ich derzeit überhaupt nur feststellen kann, dass hier vieles anders läuft.

Sprache

Ach, hätte ich doch früher begonnen, Französisch zu lernen! Ja, mich reuen oft ungünstige Entscheidungen in ferner Vergangenheit, obwohl es natürlich Unsinn ist. Jetzt habe ich also rund fünf Jahre Kontakt mit dieser Sprache, wenn ich alle früheren Bruchstücke mit dazurechne. Und ich drücke mich noch immer vor Telefonaten, in denen ich in wenigen Worten etwas beschreiben oder meine Rechte behaupten muss.

Ich habe als einziger Fremdsprachler im Kurs mehrtägige Schulungen durchgestanden, etliche Verträge entschlüsselt, behördliche Informationen durchkämmt, Romane beendet und Steuererklärungen überlebt. Schließlich habe ich auch den TEF bestanden, und sogar überraschend gut, was sich überhaupt nicht mit der alltäglichen Selbstwahrnehmung deckt. Die Telefonate zum Testen des Hörverständnisses waren allerdings hochartifiziell, da alle Sprecher deutlich artikuliert haben, und unter Studiobedingungen, also ohne Straßenlärm im Hintergrund, auf drei Sekunden komprimierten Rückrufnummern und genuschelten Hinweisen, wo mein Päckchen hinterlegt wurde.

Was ich wirklich genieße, ist die französische Höflichkeit3. Zugpersonal überschüttet einen mit guten Wünschen für die Reise, die Bedienung im Café und die Verkäufer am Markt fragen mich lächelnd, wie es mir geht, und wenn man sich auf der Straße im Weg steht, dann entschuldigen sich beide Seiten. In E-Mails wird nicht bloß darum gebeten, dass ich etwas mache, ich werde dazu eingeladen. Und am Ende wünscht man mir “einen exzellenten Tag”.

Viele Leute in Deutschland würden das als gekünstelt empfinden, aber das ist es nicht. Es ist so, wie man sich fühlt, und weil es freundlich ist und freundliche Reaktionen hervorruft, bestimmt es umgekehrt auch, wie man sich fühlt. Es ist sicher eine Frage der Mentalität, aber wenn ich mich an die Bäckerei in Dresden erinnere, wo etliche Kunden ohne Gruß kamen und gingen und dazwischen einfach nur “drei Doppelte” sagten, so fällt mir die Wahl nicht schwer.

Haltung

Vor langer Zeit wartete ich einmal mit etlichen anderen Flugreisenden in einer langen, langen Schlange. Nebenan wurde ein Schalter geöffnet, und zwar ohne Bänder zur Serpentinenführung. Wie sich aber herausstellte, stand der Schalter doch nicht zur Verfügung, was natürlich all diejenigen verärgerte, die dort ihr Glück versucht hatten.

Die Reaktionen waren umso interessanter, als die Reisenden aus verschiedenen Ländern stammten. Sofort hallte eine deutsche Stimme durch die Abflughalle: “Das ist eine Unverschämtheit! Mit uns kann man’s ja machen!” Das war offenbar ein Tourist, im ärmellosen Shirt, und vermutlich mit Schnäppchenticket. Er schrie noch eine Weile herum, lautstark und mit einem Akzent, auf den ich jetzt nicht eingehen werde, und ein paar andere Reisende pflichteten ihm bei.

Die französischen und, ich vermute, türkischen Reisenden grinsten mit gesenktem Blick. Sie wirkten ähnlich beschämt oder belustigt wie ich. Das Verhalten dieses Reisenden hatte dort einen völlig anderen Eindruck hinterlassen, als wohl bezweckt worden war, nicht viel anders als ein Wort, das in verschiedenen Sprachen etwas Entgegengesetztes bedeutet.

In Frankreich geht man mit Zugverspätungen oder Missgeschicken von Angestellten anders um. Im Grunde führt man vor, dass es nicht der Rede wert sei und dass es einen nicht behellige. Nach einem winzigen Anlass seine schmerzende Wunde vorzuführen, würde hier sicher als Schwäche und mangelnde Lebenserfahrung empfunden. Vielmehr bewahrt man seine Contenance.

Das geht bis hin zu einer Exkursion im Wald, wo ein älterer Herr mit Stock, der immer wieder auf eigene Faust abschweifte, etwas verspätet zwischen den Bäumen hervor gehumpelt kam, ein entschuldigendes Lächeln auf den Lippen. Später erfuhren wir, dass er gestürzt war und sich ein Bein gebrochen hatte.

Negative Erfahrungen werden in Frankreich oft “weggelacht” oder zumindest mit einer ironischen Bemerkung kleiner gemacht, als sie sind. Man würde nicht so leicht zugeben, die Kontrolle über sich und die Situation verloren zu haben. Die deutsche Gewohnheit, sich kathartisch zu befreien, indem man das Ärgernis laut beim Namen nennt und keinen Hehl daraus macht, wie sehr es einem persönlich zusetzt und somit zu Ansprüchen berechtigt, wird hier sicher nur mit Verwunderung registriert.

Ich vermute, dass in Deutschland oft das Grundempfinden herrscht, dass es eine Obrigkeit (den Fürsten, den Kanzler, den allmächtigen Vater, die Eltern) gibt, der gegenüber man brav und loyal ist und deren Regeln man folgt und von der man umgekehrt gerechterweise erwarten kann, das sie alles bereitstellt, was über das Private hinausgeht. Die Reaktion auf Mängel sind Beschwerden, Bockigkeit und Wutbürgertum, und sie richten sich an diese Obrigkeit, die ihren Teil der Abmachung schuldig geblieben ist.

Wenn man eine Weile außerhalb Deutschlands und Tschechiens gelebt hat, dann empfindet man diese Empörung vieler Leute über Kleinigkeiten, einfach aus Prinzip, als Unreife. Es erinnert an kleine Kinder, die lautstark protestieren, wenn sie den Spielplatz verlassen müssen, weil ihr persönliches Hier und Jetzt die Welt bedeutet. Als Erwachsener beginnt man, die größeren Zusammenhänge zu begreifen, die Dimensionen korrigieren sich und man gewinnt die Erfahrung, dass es auf längere Sicht oft vorteilhafter ist, eine Methode zu finden, die die Bedeutung eines kleinen, persönlichen Verlustes verringert, statt sie aufzublasen, in der Hoffnung, man könne dadurch die Hilfe einer höheren Macht mobilisieren.

Geselligkeit

Eines der Lieblingsworte der Franzosen ist Convivialité, also etwa Geselligkeit. Dieses Wort findet sich oft in Ankündigungen von Veranstaltungen, die eben nicht zu steif sein sollen. Man muss es wohl offen sagen: Franzosen reden gerne. Nicht alle, aber zu reden gilt eindeutig als Tugend. Man kommuniziert und löst Probleme zusammen. Schweigend beim Essen zusammen zu sitzen machen hier nur Langweiler.

Auf Wanderungen passiert es oft, dass ich lange Zeit ein näher kommendes Geplapper höre, bis dann endlich eine Wandergruppe auftaucht, wo mindestens eine Person den Mund auf Autopilot geschaltet hat. Natürlich gibt es auch andere Leute, Einzelgänger und Grübler. Man wird nicht geächtet, wenn man allein sein will. Das hatte mich zuweilen in Deutschland und Tschechien gestört, dass in einigen Gruppen der Wunsch, auf eine Party zu verzichten, als Angriff gegen die Gruppe gedeutet wurde.

In Frankreich ist die Schwelle sehr niedrig, um ein paar Worte mit Umstehenden, Passanten oder Mitreisenden zu wechseln. Es herrscht immer ein heiterer Ton und es muss schon viel schief gehen, dass jemand versucht, durch Jammern oder Empörung eine Gruppensolidarität herzustellen, gegen “die da oben”. Das bleibt eigentlich nur Protesten vorbehalten, aber das ist ein anderes Kapitel.

Extreme Auswüchse nimmt die Geselligkeit dann an, wenn im August gefühlt ganz Frankreich in den Urlaub verschwindet. Man macht nichts alleine, und man liegt ganz bestimmt nicht alleine am Strand. Wenn die Schulen für den Sommer schließen, dann sind auch Restaurants, Cafés, Bäckereien, Läden, Werkstätten und Büros geschlossen. Man geht zusammen.

Selbstverantwortung statt starrer Regeln

Wie schon bei der Contenance erwähnt, wird in Frankreich längst nicht so viel persönlich genommen, was um einen passiert. Jemand geht auf dem Radweg, also fährt der Radfahrer um die Person herum. Das war’s auch schon.4 Dafür benutzen die Radfahrer auch die Fußwege. Das wird aber nicht als Prinzip akzeptiert, es ist also keine neue Regel, die die alte außer Kraft setzt, denn es hängt alles davon ab, wie man sich konkret verhält.

Wenn die Straße leer ist, dann überquert man sie bei Rot. Das ist kein Anarchismus und keine Mutprobe, sondern Pragmatismus. Die Ampel ist hier ein Hilfsmittel, das manchmal nützlich, manchmal aber auch überflüssig ist, denn in vielen Situation sieht man ohnehin, was Sache ist. Die Ampel hat zum Ziel, Konflikte zu verhindern und einen sicheren Fluss der Verkehrsströme zu ermöglichen. Wenn dieses Ziel auch ohne Ampel erreicht werden kann, dann wird sie in Frankreich ignoriert.

Dies gilt allerdings nur für Fußgänger und Fahrradfahrer, und natürlich kommt es zuweilen doch zu riskanten Situationen, vor allem mit E-Scootern. Wo ist also die Grenze, was ist noch sinnvoll und wo ist es zu viel? Es ist nichts von der Art, was sich als Regel formulieren ließe. Es wird erlernt und erfahren, und verschiedene Personen haben unterschiedliche Grenzen.

Ähnlich verwirrend war für mich auch die gesetzliche Lage zum wilden Zelten. Es gibt Gesetze, die ein solches Bivouac grundsätzlich erlauben, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, die aber in der Praxis eher unklar sind. Im Endeffekt also bleibt es den Individuen überlassen, die Lage einzuschätzen.

Die Grenze befindet sich dort, wo man von einem Besitzer angesprochen wird, dem es nicht passt, dass man dort sein Zelt aufgeschlagen hat. Dieser Disput wird umso einfacher, je weniger offenkundige Verstöße man sich hat zuschulden kommen lassen und je freundlicher man auftritt. Je nach Komposition dieser und anderer Ingredienzien wird man also eine Erlaubnis bekommen oder man wird das Feld räumen müssen, vielleicht in Ruhe, vielleicht in Eile. Das sieht man dann, wenn es so weit ist.

Humor

Humor gehört sicher zu den Sachen, über die man schlecht streiten kann. Mir ist aber doch aufgefallen, dass der französische Humor oft gut in Deutschland ankommt, dass dort aber nur selten ähnlich (für mich und für Franzosen) lustige Werke geschaffen werden.

Ich vermute mal, dass (neben meinem persönlichen Geschmack) ein Grund darin liegt, dass in Deutschland vieles sehr institutionalisiert ist, mit etlichen Hürden, Qualitätsprüfern, Rentabilitätskriterien und Fachleuten, die das Bewährte hüten. In Frankreich wird etwas Verrücktes beim Glas Wein ausgeheckt, während man in Deutschland ein Konzept erstellt, das dann der Kommission vorgelegt wird, und unterwegs korrigiert jemand die Rechtschreibfehler.

In Frankreich können selbst alltägliche chemische und physikalische Phänomene das Thema für ein Chanson bilden. Ici, c’est normal.

Engagement

In Deutschland sitzt man etwas ratlos vor den Fernsehern, während in Frankreich alte revolutionäre Reflexe wiederaufflammen. Ohne Ordnung, das kann doch nicht gut gehen, denkt man sich da. Aus einem Problem entwickelt sich bald ein spektakulärer Protest, dessen Gewalt mit dem ursprünglichen Problem schon nicht mehr erklärt werden kann.

Vielleicht liegt es daran, dass in Frankreich auch ein institutionell oder politisch bedingtes Gefühl von Ohnmacht und die Unfähigkeit, seine Probleme wie gewohnt diskursiv zu lösen, als Erfahrung von Gewalt empfunden werden. Daher kann auch eine zerstörerische Reaktion adäquat erscheinen, obwohl natürlich auch hier die Meinungen auseinander gehen. Der Unterschied zu Deutschland besteht jedenfalls nicht nur in der Bewertung von Protestformen, sondern auch im Vorhandensein von Alternativen. Das beginnt in der Tradition und geht hin zu der Frage, wie viele Wähler den Präsidenten nur als kleinstes Übel gewählt haben und wie viel Konsens er dann anstrebt, um zu regieren.

Ich habe hier oft gehört, dass Franzosen nationale Entscheidungsträger als etwas sehr, sehr Fernes wahrnehmen. Gerade der Gegensatz zwischen Paris und dem, was vom Land sonst noch übrig ist, kommt tatsächlich oft zum Vorschein.

Die SNCF etwa legt seit Jahrzehnten kleine Strecken still, was die Autoabhängigkeit der Landbewohner noch verstärkt. Dafür fährt man dann von einer Region in die andere mit dem Hochgeschwindigkeitszug über Paris und hat eine Stunde Zeit, um von einem Pariser Bahnhof zum anderen zu gelangen. Es ist absurd, aber allein schon für Fernreisen zwischen Mittelmeer und Grand Est lohnt sich die Anschaffung einer Pariser Metro-Karte.

Der deutsche Föderalismus hat doch viel für sich, auch wenn Kleinstaaterei dem Fernverkehr nicht immer zuträglich sein muss. Hier treffen sich auf verschiedenen Wegen zwei Autonationen.

Zu früh für ein Résumé

Für ein gutes Schlusskapitel ist das ganze Projekt viel zu unabgeschlossen. Ich bin unterwegs und habe noch viel vor. Vier Jahre sind ein Grund, um eine Rast einzulegen, den Blick zurück und nach vorne zu wenden. Und was mir da durch den Kopf geht, ist wesentlich mehr, als ich hier beschrieben habe.


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  1. Das ist natürlich keineswegs für alle so.
  2. was dort “deutschsprachig” bedeutet, also auch Österreicher und Sudetendeutsche umfassen kann
  3. Auch hier rede ich nicht von Paris.
  4. zumindest außerhalb von Paris