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Gedanken nach der Wiederwahl des Unwählbaren

Man muss nicht mit allen Positionen von Václav Havel übereinstimmen, aber ohne Zweifel steht er für einen Abschied der damaligen Tschechoslowakei vom Eisernen Vorhang und für eine Stärkung der Zivilgesellschaft, in der Annahme dass die Bürger mündig genug seien, um Verantwortung übernehmen zu können. Seitdem hat sich das Land langsam empor gearbeitet, auch durch Krisen hindurch. Momentan geht es ihm so gut wie kaum zuvor, und man lebt hier so sicher und in Frieden mit den Nachbarn wie selten in der Geschichte der Region. Tschechien scheint seinem nationalen Ziel von einem Märchenland so nahe gekommen zu sein wie nie zuvor.

Ich lebe hier seit nunmehr 15 Jahren. Ich bin mit einer guten Portion Naivität, Abenteuerlust und Mittel-/Osteuropa-Verklärung gekommen, und ich habe es nach einem ersten, ernüchternden Jahr in den 90ern später noch einmal etwas pragmatischer versucht. Es fanden sich Jobs, Wohnungen, und sogar eine Ehefrau, die aber nicht ursprünglich von hier war.

Es gab jedoch nie einen Grund, weshalb ich gerade hier wohnen sollte. Tschechien war immer ein schönes Reiseziel für Kurzurlaube, um mal alles zu machen, was man zu Hause wegen äußerer und innerer Zwänge nicht machen konnte. Nie aber war ich wirklich angekommen. Es war immer so, als hätte die Gesellschaft keinen Platz vorgesehen für Fremde, die kamen und länger als ein paar Jahre blieben.

Ein Jahr gesellte sich zum anderen. Wer mal in der Fremde gelebt hat, der kennt vielleicht den Unterschied: Man bleibt nicht, weil man sich dazu entscheidet, sondern weil einem die Kraft und die Alternativen fehlen, weil man zu abgelenkt ist. Dann ist es plötzlich Winter, und Sommer, und man ist immer noch da.

Typischerweise reagieren meine Bekannten aus Deutschland mit Oh! und Ah!, Prag sei doch sooo schön, Tschechien so idyllisch. Und Probleme gebe es doch überall, nicht wahr? Mir kommt es immer so vor, als sähen sie mich in der Pflicht, ihnen dieses Märchen zu erhalten, diese schillernde Seifenblase.

Wenn man hier lebt, dann spielen jedoch völlig andere Dinge eine Rolle: Landespolitik, Behörden, der Umgangston im Haus, ob Postpakete bei Nachbarn hinterlegt werden können oder spurlos verschwinden, Umweltschutz, Solidarität unter Mitbürgern und zu anderen Staaten, die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen, unverhohlene Interessenkonflikte bei führenden Politikern, überteuerte und minderwertige Lebensmittel, handfest gegängelte Medien, alkoholisierte und vulgäre oder kleptomanische Staatsoberhäupter, Angriffe auf Ausländer und anders Aussehende, und bei all dem, was die Öffentlichkeit darüber denkt, ob sie beunruhigt, gleichgültig oder sogar stolz darauf ist.

Der Reiz Tschechiens nicht nur für viele Reisegruppen, sondern auch viele Einheimische ist, dass man sich hier gehen lassen kann, dass man nicht erwachsen werden muss, dass man sich von seinen unmittelbaren Wünschen leiten lässt und alle Klugheit, Rücksicht und Voraussicht in den Wind schlägt. Diese Unwerte verkörpert Präsident Zeman wie kaum ein anderer. Und er macht es überzeugend wie ein versierter Talkshowgast, der mit seinem selbstbewussten Danebenbenehmen die Mengen zum Johlen bringt.

In seinem immensen egoistischen Fahrwasser breitet sich etwas aus, was man als eine neue Ära der Normalisierung bezeichnen könnte. Seine gestrige Wiederwahl ist vielleicht nur das Symptom einer tiefer sitzenden Misere, aber sie bestärkt und ermöglicht ein Denken, das in die Tschechoslowakei der 80er gehört.

Es geht in kleinen Schritten bergab, und der gestrige Schritt war definitiv eine große Enttäuschung, eine vertane Chance für das Land und seine Zukunft. Als Ausländer, als Migrant aus dem Nachbarland, der hier nicht wählen darf, der aber umso mehr auf die Gastfreundschaft der Gastgeber angewiesen ist, auf eine Würdigung langjähriger Investitionen, wird man diese gestrige Wahl als wichtigen Faktor verbuchen, mit dem man dieses ewig aufgeschobene Fast-Zuhause bewerten wird. Das abschließende Urteil wird je nach Persönlichkeit und individuellen Lebensumständen verschieden ausfallen, aber diese Wahl wird sich, wie so vieles Andere, darin widerspiegeln.

Tschechien wird letztendlich seinem Traum von einem Märchenland, in dem nichts Neues droht und nur noch Bewunderer vorhanden sind, immer näher kommen. Die Welt wird hier wieder am schönsten sein, weil sie an den Grenzen aufhört.

Der Wiedereintritt eines Landes in seine Pubertät.

 

 

 

Foto: Spartakiada – typische Massenveranstaltung aus der Ostblock-Zeit by footysphere

2 Kommentare

  1. Lisa Moravek sagt

    Vielen Dank für diesen schönen Text. Ich finde mich in vielen Bildern und Vergleichen wieder und habe es als harmoniebedürftiger Zuwanderer genossen, einmal etwas über die politische und gesellschaftliche Situation Tschechiens zu lesen, dass sich mit meinen Erfahrungen deckt. Sehr erfrischend und wohltuend, wenn auch „leider wahr“.

    • Vielen Dank! Aber es ist zumindest hilfreich, andere Leute zu treffen, die es ähnlich empfinden und die auch als Zuwanderer stark davon abhängig sind, was so in der Gesellschaft passiert. Als harmoniebedürftig empfinde ich mich da auch.

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