Alle Artikel in: Reisen

Ehemaliger Hochofen in Ostrava

Ostrava, überraschend

Unter und über der Erde. Beides gleichermaßen beunruhigend, beklemmend, berauschend. Der Mensch neben der rohen Wucht der Maschinen, der Materie. Vor den riesenhaften Anlagen, wie ein gestrandetes, vergangenes Raumschiff, erfasst mich ein fast schon religiöses Erschauern, eine Ehrfurcht vor dem unbekannten Gott der Maschinen. Aus den rostbedeckten Ruinen erhebt sich hier und da etwas absurd Neues, etwas Stahl- und Glasglänzendes, wie Blüten auf einer toten Pflanze.

Prag im Herbst - Tor

Das magische Prag

Prag ist ein Ort der Magie. In kaum einer anderen Stadt trifft man auf eine solche Fülle an bezaubernden Bildern, verborgenen Gassen und Tälern, finden sich prächtige Villen und geheimnisvolle Bauten aus vielen Jahrhunderten, die kaum auf einer Karte zu erfassen sind, geschweige denn in Worten zu beschreiben. Eine Erkundung durch Prag ist ein Unternehmen ohne Ende. Prag birgt somit aber auch die Gefahr, sich hier in den endlosen und atemberaubenden Details zu verlieren und den Rest des Landes nicht mehr wahrzunehmen. Wie der Bote in Kafkas Parabel „Eine Kaiserliche Botschaft“ verliert sich der Betrachter in der labyrinthischen Stadt. Der Bote ist immer unterwegs, und vielleicht würde sein Eintreffen bereits die Botschaft zunichte machen, handelt ihr Inhalt, gesendet vom sterbenden Kaiser, doch vielleicht gerade von der Unendlichkeit.

Das Geheimnis einer „verspäteten Übergabe aus dem Ausland“

Es ist Freitag, ich sitze im Eurocity 172 von Prag nach Dresden. Die Fahrt ist bisher glatt verlaufen, abgesehen von den zahlreichen Reisenden, die im Gang stehen müssen. Viele Tschechen verlassen Prag über das Wochenende, um am Sonntagabend zurück zu fahren. Dieses Mal sind es besonders viele überzählige Fahrgäste, da der Montag ein Feiertag ist. Während wir im Bahnhof von Děčín halten, ertönt eine Durchsage der tschechischen Zugbegleiterin – dreisprachig, wohlgemerkt: Die Weiterfahrt des Zuges würde sich leider um zwanzig Minuten verzögern, da wir noch auf das deutsche Zugpersonal warten müssten. Ich überlege mir, warum die Übergabe des Zuges nicht einfach im nächsten Bahnhof, in Bad Schandau, stattfinden kann. Die Fahrt dorthin dauert bloß 15 Minuten, also weniger als die angekündigte Verzögerung. Aber vielleicht befand sich der Zug mit dem DB-Personal bereits auf der Strecke zwischen Bad Schandau und Děčín, so dass die einzige Option war, sich auf tschechischer Seite zu treffen. Die Eurocity-Züge sind theoretisch so aufeinander abgestimmt, dass immer zwei entgegen kommende Züge im Grenzbereich aneinander passieren und somit das Personal jeder Bahn …

Sanfter Tourismus nach Birma / Myanmar

Wir haben nun Anfang Juni unser neues Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt, siehe www.ecoburma.com. Es soll dazu dienen, sanften Tourismus („responsible tourism“) nach Birma zu stärken. Obwohl Tourismus in diesem Land vor allem aufgrund der politischen und menschenrechtlichen Lage noch verhältnismäßig unterentwickelt ist, wird es hier wohl bald zu einem Boom kommen. Die Frage war immer gewesen, ob Reisende im Land nun unentrinnbar das Regime unterstützen oder auch gezielt der Bevölkerung helfen können, und ob das eine das andere aufwiegen kann. Offenbar besteht eine mögliche Lösung auf diese ethischen Fragen darin, die Reisenden, die ohnehin gehen, über die Situation in Birma und über die Folgen ihrer Entscheidungen aufzuklären und ihnen Ratschläge zu geben, wie ihre Reise nicht zum Ego-Trip (mit dem guten Zweck als Gewissensselbsttäuschung) werden muss. Unser Konzept sieht vor, Geschichten von ehemaligen Reisenden zu veröffentlichen und Seite an Seite mit Texten von Birmanen zu den gleichen Themen anzubieten. Damit wollen wir die beschriebenen Probleme von allen Seiten beleuchten und zudem solche, die von Reisenden gar nicht erst wahrgenommen werden, ans Licht bringen. Zudem möchten …

Unerwartetes Treffen vor dem Abflug

Der Flughafen hat sich sehr verändert. Im Frühjahr letzten Jahres quälte man sich noch durch eine große „Bahnhofshalle“, in der die Völker Indiens ihr Lager bezogen hatten. Heute schreitet man durch glänzende Wunderwerke postkapitalistischer Megalomanie. Vollklimatisierte Hallen in geschickter Beleuchtung, Beton, Glas und Marmor: Neu Delhi hat mit seinem Flughafen Indira Gandhi International den Anschluss an die internationale Gesichtslosigkeit mit Bravour gemeistert. Dann die nächste Erkenntnis: Das Gebäude ist neu, das Personal jedoch ist das selbe geblieben. Niemand erwidert einen Gruß, ein Thank You. Finstere Mienen vom Check-In über die Pass- bis zur Sicherheitskontrolle. An der langen Reihe der Pulte für die Passkontrolle, seitlich hinter den Angestellten, finden sich seltsame Pfosten, auf ihnen Kästchen mit der Aufschrift „Namaskar“. Eine nette Geste, denke ich. Erst später, als ich auf Sabe warte, merke ich, dass diese Kästchen Kameras beherbergen und von jedem am Schalter Stehenden versteckt ein Foto machen. Warum diese Heimlichtuerei? Das Durchleuchten des Handgepäcks geht recht zügig voran. Ich werde abgeklopft und von einem Metallprüfer abgefahren. Dann legt der Mann sein Gerät zur Seite, dreht …

Selbstauferlegter Kolonialismus in der Exil-Bewegung

Demokratiebewegungen im Exil sind etwas ganz Eigenes und zudem, bei all ihrem Idealismus, oft mit seltsamen Schrullen und Eigenheiten versehen, die ihre Ursprünge vielleicht in gesellschaftlichen Gewohnheiten ihres Heimatlandes haben oder die als Folge des Migrationsschicksals entstanden sind. Burmesische Aktivisten bilden da keine Ausnahme, und schon gar keine rühmliche. Zu den in meinen Augen hervorstechendsten Seltsamkeiten unter Burmesen, sowohl im Land als auch außerhalb, gehört eine immer wieder zu beobachtende Ungleichbehandlung von Landsleuten und Menschen aus dem Westen, oder dem „globalen Norden“, wie man auch oft zu sagen pflegt. Vielleicht könnte man hier auf kulturelle Gewohnheiten schließen, die ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben. Es erinnert mich immer daran, dass weiße Ausländer im Burmesischen unabhängig von ihrer Herkunft häufig als „Engländer“ bezeichnet werden.