Alle Artikel mit dem Schlagwort: Tschechien

Gedanken nach der Wiederwahl des Unwählbaren

Man muss nicht mit allen Positionen von Václav Havel übereinstimmen, aber ohne Zweifel steht er für einen Abschied der damaligen Tschechoslowakei vom Eisernen Vorhang und für eine Stärkung der Zivilgesellschaft, in der Annahme dass die Bürger mündig genug seien, um Verantwortung übernehmen zu können. Seitdem hat sich das Land langsam empor gearbeitet, auch durch Krisen hindurch. Momentan geht es ihm so gut wie kaum zuvor, und man lebt hier so sicher und in Frieden mit den Nachbarn wie selten in der Geschichte der Region. Tschechien scheint seinem nationalen Ziel von einem Märchenland so nahe gekommen zu sein wie nie zuvor. Ich lebe hier seit nunmehr 15 Jahren. Ich bin mit einer guten Portion Naivität, Abenteuerlust und Mittel-/Osteuropa-Verklärung gekommen, und ich habe es nach einem ersten, ernüchternden Jahr in den 90ern später noch einmal etwas pragmatischer versucht. Es fanden sich Jobs, Wohnungen, und sogar eine Ehefrau, die aber nicht ursprünglich von hier war. Es gab jedoch nie einen Grund, weshalb ich gerade hier wohnen sollte. Tschechien war immer ein schönes Reiseziel für Kurzurlaube, um mal alles …

Photo by PIRO4D (Pixabay)

Definition von Zuhause

Zuhause ist dort, wo man sich nicht sagen lassen muss: Wenn es dir nicht gefällt, dann kannst du ja gehen.   Diese Definition ist mir gerade eingefallen. Sie ist sicher nicht erschöpfend, aber sie steht neben zwei weiteren, die ich sehr treffend finde:   Zuhause ist dort, wo man sich nicht erklären muss.   – vielleicht die bekannteste und treffendste Definition.   Zuhause ist dort, wo man sich am meisten über die Politik ärgert.   – eine Weisheit von meiner Großmutter.   Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Definitionen mehrdeutig oder widersprüchlich. Aber darin besteht eben auch ihre Stärke, dass sie nichts reduzieren. Die Suche nach weiteren Definitionen geht natürlich weiter.   Photo by PIRO4D (Pixabay)

Ehemaliger Hochofen in Ostrava

Ostrava, überraschend

Unter und über der Erde. Beides gleichermaßen beunruhigend, beklemmend, berauschend. Der Mensch neben der rohen Wucht der Maschinen, der Materie. Vor den riesenhaften Anlagen, wie ein gestrandetes, vergangenes Raumschiff, erfasst mich ein fast schon religiöses Erschauern, eine Ehrfurcht vor dem unbekannten Gott der Maschinen. Aus den rostbedeckten Ruinen erhebt sich hier und da etwas absurd Neues, etwas Stahl- und Glasglänzendes, wie Blüten auf einer toten Pflanze. photos © by Christoph Amthor

Prag im Herbst - Tor

Das magische Prag

Prag ist ein Ort der Magie. In kaum einer anderen Stadt trifft man auf eine solche Fülle an bezaubernden Bildern, verborgenen Gassen und Tälern, finden sich prächtige Villen und geheimnisvolle Bauten aus vielen Jahrhunderten, die kaum auf einer Karte zu erfassen sind, geschweige denn in Worten zu beschreiben. Eine Erkundung durch Prag ist ein Unternehmen ohne Ende. Prag birgt somit aber auch die Gefahr, sich hier in den endlosen und atemberaubenden Details zu verlieren und den Rest des Landes nicht mehr wahrzunehmen. Wie der Bote in Kafkas Parabel „Eine Kaiserliche Botschaft“ verliert sich der Betrachter in der labyrinthischen Stadt. Der Bote ist immer unterwegs, und vielleicht würde sein Eintreffen bereits die Botschaft zunichte machen, handelt ihr Inhalt, gesendet vom sterbenden Kaiser, doch vielleicht gerade von der Unendlichkeit.

Tschechien Reiseblog

In den letzten Tagen habe ich daran gearbeitet, einen neuen Blog auf die Beine zu stellen. Hier ist er nun: Unterwegs in Tschechien. Im weiteren Sinne handelt es sich um einen Reiseblog, allerdings mit einer Einschränkung: Ich reise durch das Land, in dem ich lebe. Damit begegne ich zwar einerseits Vielem, das mir selbst unbekannt ist, kann aber zudem auch von langjährigen eigenen Erfahrungen als Fremder und Reisender in der Tschechischen Republik zehren. Die Idee dafür lag schon lange in der Luft. Dank verschiedener Seminare, privater Treffen oder einfach Neugierde bin ich immer wieder unterwegs – über die Grenzen oder im Land selbst. Oft sind es Tagesreisen, manchmal aber auch Übernachtungen. Es gibt zwar bereits viele Reiseführer, sie sind aber doch in aller Regel bewusst unpersönlich gehalten und können sich die Sehenswürdigkeiten nur begrenzt nach dem subjektiven Empfinden des Autors auswählen. Als Blog-Autor ist es mir immerhin möglich, persönliche Empfehlungen auszusprechen und vielleicht auch Stimmungen besser zu schildern. Schließlich erfährt kein Reisender ein Land als bloße Ansammlung von Fakten. Statt neue Massen von Touristen herbeizuführen, …

Die Zumutung eines permanenten virtuellen Nicht-Ichs

Kürzlich ist es schon wieder passiert, dass jemand davon ausging, eine auf Facebook gepostete Nachricht sei mir persönlich zugestellt worden. Immer wieder wird der virtuelle Raum von Netzwerken, die sich im Besitz von Firmen befinden, entweder mit einem allgemeinen öffentlichen oder mit meinem persönlichen privaten Raum verwechselt. Facebook ist nichts von alledem, sondern allenfalls eine disziplinierte Öffentlichkeit mit ein paar Bereichen eingeschränkter Zugänglichkeit. Zuweilen geht es um „private messages“ in dem Facebook-internen Chat, manchmal aber auch Beiträge in Facebook-Gruppen, die dort für mich und andere hinterlegt wurden. Es wäre natürlich möglich, mich regelmäßig anzumelden und nachzusehen, was dort Neues eingetroffen ist, wie es auch möglich wäre, mir die App auf meinem Smartphone zu installieren, so dass ich virtuell immer „dort“ wäre. Mir käme aber gerade diese permanente Anwesenheit so vor, als trüge ich eine elektronische Fußfessel. Zu der Überwachbarkeit mit meiner Einwilligung käme erschwerend auch die permanente Erreichbarkeit hinzu, wann immer ich das Internet benutze. Die Standard-Reaktion von vielen Datenschutz-Extremisten ist nun der Ruf, man solle sich entweder völlig abkoppeln oder zumindest auf bessere Angebote …

Leuchtturmwärter in Prag

Zum 10-jährigen Jubiläum einer deutschsprachigen Zeitung in Prag wurden ehemalige externe Mitarbeiter, die über das ifa dort gewesen waren, dazu aufgefordert, einen Rückblick zu schreiben. Offenbar waren nicht genügend von ihnen dazu bereit, denn die Idee wurde letztendlich nicht umgesetzt. Vielleicht hatten sich einfach auch zu viele Ehemalige negativ über ihre Zeit dort geäußert, so wie es zumindest in Gesprächen mit ihnen immer der Normalfall gewesen war.