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Über vermeintliche Hochstapler und die WordPress-Community

WordCamp Prag, 2020

Am Ende des Workshops, der gestern zu Beginn des Prager WordCamps stattgefunden hatte, fragte der Seminarleiter, wer denn schon einmal selbst ein Plugin für Gutenberg erstellt habe. Gutenberg war das Thema des Workshops, und es handelt sich dabei nicht etwa um den Herrn mit der Druckpresse, sondern um ein Softwareprojekt. Dieses neue Gutenberg soll zu einer grundlegenden Modernisierung und Vereinfachung der Arbeit mit WordPress führen, aber der Weg dorthin ist gepflastert mit Problemen bei der Umgewöhnung und einem Wust an neuen Technologien, die von den Software-Entwicklern erlernt werden müssen.

Ich habe vor rund einem Jahr den Sprung ins kalte Wasser vollzogen. Es war schwierig, weil alle technischen Dokumentationen und Beispiele vorauszusetzen schienen, dass man diese Sachen bereits beherrschte. Zudem veränderte sich die Materie schneller, als man sie studieren und das Gelernte umsetzten konnte. Im Endeffekt führte es dazu, dass ich nur diejenigen Bereiche wirklich beherrschte, die ich brauchte, ohne jedoch einen generellen Überblick zu haben.

Als frustrierend empfand ich aber vor allem, dass relativ schnell ein großer Aufwand an Investitionen nötig war. Vollzeitbeschäftigte Programmierer sprechen von ein paar Wochen oder Monaten Zeit, die sie einfach nur mit Lernen beschäftigt waren. Das ist alles wahnsinnig spannend für große Agenturen und Konzerne, die ein finanzielles oder zeitliches Budget für Fortbildungen haben. Für Selbstständige jedoch sind es 50, 100 oder 200 Stunden an Mehraufwand und unbezahlter Arbeit. Diese Zeit kann ich nicht einfach in Geld umrechnen und dann auf den Kaufpreis der Software umschlagen, denn bei Gutenberg handelt es sich um kein Feature, für das Kunden mehr bezahlen würden. Zur Zeit der Einführung wurde die Neuerung gerade bei den technisch nicht so begeisterten Nutzern eher als Zumutung empfunden (siehe die Bewertungen für das Plugin), und wenn Gutenberg einmal zum Standard gehören wird, dann wird es als selbstverständlich gelten. Warum also sollte jemand dafür mehr bezahlen?

Immer wieder wird die WordPress-Community als eine Art heile Welt beschworen, die völlig basisdemokratisch ist und auf wunderbare Weise jedem eine Chance bietet. Umso wichtiger sind wohl Projekte wie HeroPress, die erstmals aufgezeigt haben, dass diese Community einen Randbereich aufweist, in dem viele Leute (oft aus wirtschaftlichen oder sprachlichen Gründen, oder weil sie andere Hindernisse zu überwinden haben) festsitzen. Es gibt dort natürlich immer wieder Erfolgs-Storys, aber von den vielen Leuten, die sich bemühen und trotzdem nicht von einer amerikanischen Firma entdeckt werden, hört man im allgemeinen nichts.

Das war jetzt ein kleiner Abstecher, um die Bedeutung von Gutenberg konkret für meine Arbeit und als Symptom für ein tiefer liegendes Problem klarzumachen. Angesichts dieser Situation bin ich wirklich dankbar, dass wir gestern in drei Stunden, in denen die Tastaturen klapperten und sicher auch einige Köpfe rauchten, eine solide Einführung bekommen haben.

Die beiden Vortragenden schienen wirklich aus dem Vollen zu schöpfen. Viele Vorträge auf WordCamps sind sonst von der Art wie “Hört endlich auf, … zu machen!” oder “Wovon ihr noch nie gehört habt, obwohl es so wichtig ist”, und dann werden ein paar Sachen präsentiert, von denen man sich vielleicht eine Notiz im Kopf macht, aber ansonsten handelt es sich zumeist um eine Art Predigt, bei der der Vortragende im Vordergrund steht und der verwertbare Informationsgehalt eher gering ausfällt. Im Gegensatz zu diesen Predigten, die einem die Sünden aufzählen und Besserung verlangen, gibt es aber auch wirklich inspirierende Präsentationen. So etwa hörte ich einen exzellenten Vortrag mit einem ganz unprätentiösen Titel über die Wirkung von eigenen Inhalten auf Blogs.

Diese Frage, wer denn schon praktische Erfahrung mit Gutenberg habe, hätte ich vielleicht zu Beginn des Workshops erwartet, aber so am Schluss war sie eigentlich viel angenehmer, dann zu dem Zeitpunkt wussten alle Anwesenden bereits, auf welchem Niveau sich die Erwartungen bewegten. Und hier komme ich nun zu dem kleinen, aber prägenden Erlebnis: So weit ich sehen konnte, war ich unter den vielleicht 10-15 Teilnehmern der einzige, der sich gemeldet hatte. Das ist natürlich nichts, worauf ich mir etwas einbilden kann, da ich einfach nur früher an die Sache herangetreten bin. Aber es ist für mich eine typische Lehre, die einen nur das Leben zu erteilen vermag.

Meine feste Erwartung war nämlich die gewesen, dass ich dort unter lauter Cracks sitzen würde, die alle ein Informatikstudium absolviert haben und darum topfit sind, so dass sich das Workshop-Niveau nach 10 Minuten bereits weit über meinem Kopf bewegen müsste. Kurz vor dem Workshop hatte ich noch Node aktualisiert, und als der Workshop anfing, sah ich, dass bei dem Ablauf eines Skripts eine Fehlermeldung erschien (was aber dann gar nicht relevant war), für die ich erst einmal auf Google nach einer Lösung suchen musste.

Interessant war für mich dann zu sehen, dass selbst diejenigen, die ihr Fach entschieden beherrschten, nach Lösungen googelten. Der Code, den wir im Workshop verwendeten, war fast durchweg vorgegeben, so dass ich auch nie vor dem Problem stand, dass mir die Syntax von XY nicht einfallen wollte. Zuhause kopiere ich solche Schnipsel aus anderen Dateien oder aus dem Internet und muss oft etwas ganz Gängiges nachschlagen. Nur gut, dass es niemand sieht, denke ich dann … und völlig unnötigerweise.

In der Psychologie gibt es den Begriff Hochstapler-Syndrom (auf Englisch Impostor Syndrome). Beschrieben wird damit die Erscheinung, dass man sich nicht mit seinen Errungenschaften und Fähigkeiten identifiziert, sondern glaubt, sie eher zufällig und ungerechtfertigt erhalten zu haben und somit mehr Anerkennung zu genießen, als man eigentlich verdient hätte. Die Folge der Zweifel an seinen wahren Fähigkeiten ist natürlich, dass man befürchtet, jederzeit wie ein Hochstapler aufzufliegen – daher der Name. Streng genommen wäre man natürlich kein solch dreister Hochstapler wie jemand, der sich sein Diplom fälscht, aber doch fühlt man die Verpflichtung, alle Anerkennung abzulehnen.

Dieses Phänomen wurde zuerst bei Frauen festgestellt, die in typischen Männerberufen erfolgreich geworden waren. Für mich ist es natürlich interessant zu überlegen, wo die Sache ihre Wurzeln hat. Mir ist klar, dass ich nicht der Einzige bin, auf den das zutrifft. Die vor Selbstbewusstsein und oft auch Selbstüberschätzung strotzenden Figuren, die ebenfalls auf Konferenzen zu finden sind, führen da sicher zum Ausblenden einer beträchtlichen Zahl von Leuten, die sich vorsichtshalber ganz still verhalten, um sich nicht zu blamieren. Symptomatisch ist ja allein schon die Belegung der Sitze in Workshops: Die hinteren Reihen füllen sich zuerst, und einige Leute sitzen ganz extrem an der Wand, so als würden sie am liebsten von draußen durch ein Guckloch teilnehmen, wenn es möglich wäre.

Ein wichtiger Grund liegt meiner Ansicht nach einfach darin, dass viele Programmierer im WordPress-Umfeld alleine für sich arbeiten. Von seinen Kollegen sieht man im Internet natürlich nur die vorzeigbaren Informationen. Schließlich geht es, wie überall in der Wirtschaft, auch darum, sich zu vermarkten. Kein Geschäft stellt in sein Schaufenster die misslungenen Produkte und kein Handwerker schreibt sich auf die Ladentür, dass er sich mit den neuen Armaturen noch nicht so gut auskennt.

Umso wichtiger sind darum die Treffen hinter den Kulissen. Und wichtig ist vor allem, dass dort keine Atmosphäre herrscht, in der man das Gefühl hat, man könne sich keine Schwäche erlauben. Zum Teil liegt das in der Hand der Kursleiter, wie sie die Anforderungen kommunizieren, und der Veranstalter, die unter den Teilnehmern statt Imponiergehabe ein Klima der Offenheit fördern sollten, wo selbst anerkannte Fachleute klarstellen, dass sie einmal klein angefangen haben. Zum Teil aber muss man sich selbst von dieser kognitiven Verzerrung befreien, indem man etwa bewusst diese Kommunikation hinter den Kulissen sucht. Und natürlich kann man es auch ähnlich situierten Kollegen leichter machen, indem man ihnen ehrliche Einblicke in die eigene „Werkstatt“ erlaubt.

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