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Mein WordPress Plugin ist acht Jahre alt

Am Dienstag, den 19. Juni 2012 habe ich um 16 Uhr 9 den ersten „Commit“1 meines ersten öffentlichen Plugins gewagt. Als Namen habe ich mich für eine kurze, sachliche Beschreibung entschieden: Tag Groups. Wie so vieles habe ich auch diese Entscheidung eher aus dem Bauch heraus getroffen, ohne vorangegangene Forschungen.

Damals hatte es ein ähnliches Plugin gegeben, das jedoch nicht das zu leisten vermochte, was ich gebraucht hatte. Meine Neuschöpfung war eine Sonderanfertigung für das jetzt stillgelegte Projekt EcoBurma gewesen.

Vor acht Jahren hatte also der erste von 276 Commits stattgefunden.

Es ist kein rundes Datum, und inzwischen habe ich auch den eigentlichen Tag verpasst. Trotzdem habe ich beschlossen, ein paar verstreute Gedanken dazu aufzuschreiben.

1. Geringe Verbreitung

Die Anzahl der aktiven Installationen steigt nur extrem langsam. Manchmal oszilliert die Kurve, die das Wachstum bezeichnet, um den Nullpunkt. Das ist umso erstaunlicher, als die Bewertungen eigentlich sehr gut sind und WordPress insgesamt expandiert.

Entweder handelt es sich um ein extremes Nischenprodukt, oder die Leute, die es gebrauchen könnten, wissen nichts davon. Wenn es einfach schlecht wäre, dann müsste es sich auch in den Bewertungen niederschlagen.

Es ist ein bisschen frustrierend zu sehen, dass schlecht dokumentierte Plugins, die seit Jahren nicht mehr instand gehalten werden und wo sämtliche Supportanfragen unbeantwortet bleiben, die nicht einmal etwas Besonderes bieten, oft ein Vielfaches an Nutzern haben. Insgesamt trägt es zu dem Eindruck bei, dass Arbeitsaufwand und der Grad der Verbreitung nicht unbedingt zusammenhängen.

Natürlich könnte ich jetzt in Werbung investieren (einige Hundert oder Tausend Dollar, mit völlig ungewissem Ergebnis), aber dafür fehlen mir Geld und vielleicht auch das nötige „Business-Bewusstsein“. Ich habe sehr oft Veränderungen eingebracht, die das Produkt nutzerfreundlicher machen, so etwa den „Setup Wizard“, wo man nur mehrmals auf „Weiter“ klicken muss, um dann loslegen zu können. Es bringt was für den Prozentsatz der Leute, die dann zur bezahlten Premium-Version wechseln, aber die Statistik für das kostenlose Plugin bleibt etwa gleich.

2. Nervosität vor jeder neuen Version

Jede neue Version lässt bei mir das Adrenalin in die Höhe schießen: Anspannung, Zittern, und danach doch zumeist Feierlaune. Kaum ist eine Version draußen, da entdeckt man schon etwas, was noch verbessert werden könnte oder repariert werden müsste. Also kommt es auf die Liste für die nächste Version.

In den ganz üblen Fällen ist etwas kaputt gegangen. Bei irgendwem ist Gutenberg deaktiviert und der Debug-Modus ein, und dann meldet die Software, dass eine Funktion nicht existiert. Da hätte ich natürlich testen müssen, hatte aber bei den vielen möglichen Konstellationen nicht daran gedacht. Solche Fälle sind aber extrem selten (an den einen erinnere ich mich, vielleicht waren es auch zwei). Eigentlich sind sie erstaunlich selten, wenn man bedenkt, wie viele Versionen die kostenlose Version schon gesehen hat, und auch bei der Premiumversion ist es jetzt schon eine ganze Reihe von Versionen.

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Ein „Bug“ in Japan

In solchen Fällen denke ich mir oft, dass es toll wäre, Tester zu haben. Natürlich teste ich selbst nach einer immer besser werdenden Checkliste und habe (derzeit noch unvollständige) Unit-Tests, aber vier Augen sehen immer mehr als zwei und es kommt auch die berühmte Betriebsblindheit hinzu.

Tester kann ich nicht bezahlen. Bei meiner Verkaufsplattform Freemius kann man neue Versionen zunächst als Beta markieren, so dass diejenigen Kunden, die sich dafür interessieren, eine Vorabversion bekommen. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass jemand ein neues Feature unbedingt um ein paar Tage früher haben wollte. Also bleibt der Anreiz dafür, warum jemand ein Tester werden sollte, eher schwach.

3. Zu kompliziert, historisch bedingt

Weder das kostenlose Plugin noch die bezahlten Versionen sind Resultate einer vorangegangenen Planung. Sie sind einfach über die Wochen, Monate und Jahre gewachsen. In manchen Zeiten ist alle zwei Wochen eine neue Funktion hinzugekommen, etwas wurde benutzerfreundlicher, indem ein paar Einstellungen einfacher wurden, oder flexibler und damit schon wieder komplexer.

Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es sehr viel sinnvoller gewesen, ein extrem simples Programm anzubieten, bei dem man drei Sachen einstellen kann und das dann irgendwelche Bilder oder Effekte zeigt. Die Kunden wären begeistert gewesen. Bei Tag Groups läuft unglaublich viel unsichtbar in der Verarbeitung von Daten ab. Das muss zu überhaupt keinem sichtbaren Ergebnis führen, denn man kann die so organisierten Daten auch einfach nur im Backend verwenden.

Beispielsweise kann die Autorin eines Beitrags Schlagwörter in verschiedenen Feldern hinzufügen, von denen ein jedes einer Schlagwortgruppe entspricht. Beim Speichern des Beitrags muss sich nun das Plugin an der richtigen Stelle einklinken und dann feststellen, ob sich ein gespeichertes Schlagwort an der vorherigen Stelle befindet, oder verschoben wurde, oder in einer Gruppe belassen und zusätzlich in einer neuen Gruppe hinzugefügt wurde, oder in einer Gruppe verwendet wurde, in der es vorher noch nicht war, oder überhaupt völlig neu generiert.

Die Logik dafür ist so einigermaßen komplex. Inzwischen funktioniert sie so, wie sie soll, aber auch das nur, wenn man sie lässt. Das große Problem der Plugins (also Erweiterungen) ist nämlich, dass sie sich zuweilen gegenseitig in die Wege kommen, vor allem wenn irgendwo eines einen Fehler verursacht.

Ich habe erlebt, dass ein sehr verbreitetes Plugin, das die besten Bewertungen hatte, einen JavaScript-Fehler verursachte, der dazu führte, dass bestimmte Funktionen meines Plugins nicht mehr funktionierten. Die Folge war, dass die Anfragen und Beschwerden dann bei mir eingingen. Ich hatte zeitweise sogar eine schlechte Bewertung deswegen.

Ich hatte daraufhin versucht anzuregen, dass Bewertungen erst dann abgegeben werden sollten, nachdem die Benutzer überhaupt versucht hatten, das Problem zu melden und zu lösen, aber das wurde von einem Forum-Moderator schnell und in etwas überheblichem Ton abgeschmettert. Dieser Moderator war übrigens (soweit ich es aus den Namen erkennen konnte) einer der Autoren desjenigen Plugins, das den Fehler überhaupt erst verursacht hatte. Ja, in der Position hat man gut Lachen!

Die viel beschworene WordPress-Community hat mich da nicht immer überzeugt. Es herrschen einfach zu verschiedene Bedingungen. Wenn man nur ein relativ unbekanntes Plugin zur Verfügung stellt, dann ist man ziemlich auf sich selbst gestellt. Sobald man versucht, etwas Geld damit zu verdienen, so ist es bei manchen Leuten fast wie ein Tabubruch, als hätte man etwas Unehrenhaftes gemacht. Aber auch meine Rechnungen müssen irgendwie bezahlt werden, daran führt kein Weg vorbei.

4. Diverse Kundenkontakte

Der mit Abstand schwierigste Aspekt sind unfreundliche Kundenkontakte. Stellen wir uns vor, 20 oder vielleicht sogar 50 Prozent aller Kunden einer Bäckerei kommen wieder zurück in den Laden. Ein paar wollen nur, dass man ihnen das Brot schneidet, was kein Problem ist. Ein paar aber werfen die gekauften Backwaren auf den Boden, trampeln darauf herum und sagen, dass sie eigentlich eine Pizza gewollt hätten.

Natürlich ist man als Verkäufer durch die AGBs geschützt, aber diese Kunden können einen jeden Tag 20 Minuten und sehr viele Nerven kosten. Das geht dann soweit, dass man sich nach der Arbeit erschöpft auf den Balkon setzt oder sich was zu Essen macht, und da ist das Problem wieder im Kopf und man überlegt, wie es am nächsten Tag oder nach dem Wochenende weiter gehen könnte. Irgendwo ist dann der Punkt, wo man sich entscheidet, auf die ohnehin schon sehr knappen Einkünfte zu verzichten, einfach nur, um die Sache loszuwerden und die finanziellen und gesundheitlichen Verluste einzugrenzen.

Der Rat liegt nahe, dass man diese Konflikte nicht emotional an sich herankommen lassen sollte, aber in solchen Sachen sind die Menschen eben sehr verschieden. Wenn ich einem Kunden bei dessen Projekt helfe, dann entwickle ich in dem Moment ein sehr persönliches Interesse daran, dass es erfolgreich wird, und ich freue mich ehrlich, wenn ich sehe, wie zufrieden die Leute sind, die meine Software verwenden. Umgekehrt verletzt es mich, wenn meine Arbeit mit Füßen getreten wird. Wer sie nicht will, braucht sie ja nicht zu kaufen. Es gibt ein 7-tägiges kostenloses Trial, während dessen also alle Funktionen ausprobiert werden können. Wer nicht zufrieden ist, der storniert es, bevor er etwas zahlen muss. Und fertig!

Ich hatte vorhin mit Absicht das Beispiel eines Bäckers gewählt. Natürlich sind dort die Produkte sehr viel billiger, aber bei Software lockt man mit niedrigen Preisen nur minderwertige Kunden an. Ja, auch Kunden haben Qualitätsmerkmale. Ich habe keine Ahnung wie viele Kunden im Lebensmittelgeschäft oder im Restaurant etwas zurück geben, weil sie sich nach dem Verzehr anders entschieden haben. Das kommt vor, aber ich vermute, dass es sich im einstelligen Prozentbereich bewegt. Als Verkäufer wird man vielleicht abschätzen wollen, ob es sich um einen „vorsätzlichen Serientäter“ handelt, aber dann lässt man die Sache gut sein, da die Beschäftigung damit teurer ist als die Erstattung. Das gilt vor allem für große Firmen, die einfach einen bestimmten Prozentsatz Remittenden einkalkuliert haben. Indem sie das Rückgaberecht anbieten, steigt ja auch die Zahl der Käufer, was unter dem Strich einen Vorteil bringt.

Im Internet ist alles irgendwie „unwirklich“. Wer im Restaurant die Zahlung verweigert, muss dem Kellner, der gerade für einen gearbeitet hat, ins Gesicht sehen. Vielleicht kommt auch noch der Koch aus der Küche. Software dagegen ist für viele Leute ein Teil eines großen digitalen Universums, in dem sehr viel kostenlos erhältlich ist. Man kauft eigentlich nur die Berechtigung, es in einer bestimmten Weise zu verwenden, und es läuft auf einen abstrakten Lizenzschlüssel hinaus.

Die Dokumentation braucht man nicht zu lesen, denn man kann ja eine Mail schreiben, das geht schneller. Man schickt einfach mit jeder Mail fünf verschiedene Fragen, wie dieses und jenes konfiguriert werden soll, um am Ende dann zu konstatieren, dass die Software doch nicht genau das kann, was man will. Und außerdem sei sie viel zu teuer. Dabei hat der Kunde mit seinen drei Mails bereits mehr an Kosten verursacht, als er überhaupt bezahlt hat. Das ist für ihn okay. Wenn es ein All-You-Can-Eat-Buffet gibt, dann isst man eben auch über den Hunger hinaus.

Als Verkäufer, der mit seinen Einnahmen gerade so seine Rechnungen bezahlen kann, entwickelt man dann ein Frühwarnsystem. Wenn eine Vorab-Anfrage eintrifft, wo ein Kunde sein kompliziertes Projekt schildert und in Aussicht stellt, dass er dann, bei Erfüllung aller 20 Punkte, gnädig gewillt wäre, 30 Euro auf den Tisch zu legen, dann kann ich nur lachen. Die Antwortet lautet natürlich: Nein. Sorry. Dieses Produkt kann Ihnen auf keinen Fall helfen helfen. Und das ist oft gelogen. Denn dieser Kunde würde sonst nach dem Kauf seine 20 Punkte durchgehen, würde eine persönliche Betreuung einfordern und mich dafür verantwortlich machen, wenn etwas nicht funktioniert.

Die Lösung wäre dabei ganz einfach: Er müsste sich einen Experten leisten, den er nach Arbeitszeit bezahlt. Aber das ist nicht im Produkt enthalten.2

Da hilft nur sortieren und dann die umgänglichen Kunden entsprechend engagiert versorgen und die destruktiven loswerden. Kunden sind keine Könige, sondern Gäste.

Fazit?

Die Arbeit ist, um es mal neutral zu sagen, unglaublich vielseitig. Es ist ein tolles Gefühl, etwas gebaut zu haben, was unter Alltagsbedingungen funktioniert, zuverlässig und zum Teil als „Hauptattraktion“ einiger Websites. Ich habe WordCamps besucht und einige Hürden überwunden, so etwa „Gutenberg“, einen neuen WordPress Editor, für den ich einige neue Software-Kenntnisse erwerben musste.

Das Projekt ist somit auch darin besonders, dass es kaum in meinem Leben eines gibt, in das ich so beständig investiert habe, das also einen solchen persönlichen Wert erworben hat.

Andererseits gibt es immer noch eklatante Probleme, wie etwa die Verbreitung oder besagte destruktive Kunden, die vielleicht nie zu lösen sein werden. Ein paar Dinge ließen sich durch eine „betriebsinterne“ (klingt komisch, wenn man nur eine Person ist) Reorganisation verbessern, durch Schulungen, einen besseren Workflow und dergleichen. Ein paar Anregungen bekommt man von Kollegen oder auch aus anderen Branchen.

Ich bin da bei keinem endgültigen Urteil angelangt.

Software ist allgemein nicht sehr langlebig. Acht Jahre sind da nicht so schlecht. Es ist als ein kurzlebiger Versuch entstanden und dann einfach, wie eine Pflanze auf dem Balkon, jedes Jahr weiter gewachsen, ohne dass ich irgendeinen Plan dafür hatte. Inzwischen ist es zunehmend zur Nutzpflanze geworden, um bei der Metapher zu bleiben. Ich werde sehen, ob und wie es sich weiter entwickelt.

WordCamp Prag, 2020

Über vermeintliche Hochstapler und die WordPress-Community

Am Ende des Workshops, der gestern zu Beginn des Prager WordCamps stattgefunden hatte, fragte der Seminarleiter, wer denn schon einmal selbst ein Plugin für Gutenberg erstellt habe. Gutenberg war das Thema des Workshops, und es handelt sich dabei nicht etwa um den Herrn mit der Druckpresse, sondern um ein Softwareprojekt. Dieses neue Gutenberg soll zu einer grundlegenden Modernisierung und Vereinfachung der Arbeit mit WordPress führen, aber der Weg dorthin ist gepflastert mit Problemen bei der Umgewöhnung und einem Wust an neuen Technologien, die von den Software-Entwicklern erlernt werden müssen.

Ich habe vor rund einem Jahr den Sprung ins kalte Wasser vollzogen. Es war schwierig, weil alle technischen Dokumentationen und Beispiele vorauszusetzen schienen, dass man diese Sachen bereits beherrschte. Zudem veränderte sich die Materie schneller, als man sie studieren und das Gelernte umsetzten konnte. Im Endeffekt führte es dazu, dass ich nur diejenigen Bereiche wirklich beherrschte, die ich brauchte, ohne jedoch einen generellen Überblick zu haben.

Als frustrierend empfand ich aber vor allem, dass relativ schnell ein großer Aufwand an Investitionen nötig war. Vollzeitbeschäftigte Programmierer sprechen von ein paar Wochen oder Monaten Zeit, die sie einfach nur mit Lernen beschäftigt waren. Das ist alles wahnsinnig spannend für große Agenturen und Konzerne, die ein finanzielles oder zeitliches Budget für Fortbildungen haben. Für Selbstständige jedoch sind es 50, 100 oder 200 Stunden an Mehraufwand und unbezahlter Arbeit. Diese Zeit kann ich nicht einfach in Geld umrechnen und dann auf den Kaufpreis der Software umschlagen, denn bei Gutenberg handelt es sich um kein Feature, für das Kunden mehr bezahlen würden. Zur Zeit der Einführung wurde die Neuerung gerade bei den technisch nicht so begeisterten Nutzern eher als Zumutung empfunden (siehe die Bewertungen für das Plugin), und wenn Gutenberg einmal zum Standard gehören wird, dann wird es als selbstverständlich gelten. Warum also sollte jemand dafür mehr bezahlen?

Immer wieder wird die WordPress-Community als eine Art heile Welt beschworen, die völlig basisdemokratisch ist und auf wunderbare Weise jedem eine Chance bietet. Umso wichtiger sind wohl Projekte wie HeroPress, die erstmals aufgezeigt haben, dass diese Community einen Randbereich aufweist, in dem viele Leute (oft aus wirtschaftlichen oder sprachlichen Gründen, oder weil sie andere Hindernisse zu überwinden haben) festsitzen. Es gibt dort natürlich immer wieder Erfolgs-Storys, aber von den vielen Leuten, die sich bemühen und trotzdem nicht von einer amerikanischen Firma entdeckt werden, hört man im allgemeinen nichts.

Das war jetzt ein kleiner Abstecher, um die Bedeutung von Gutenberg konkret für meine Arbeit und als Symptom für ein tiefer liegendes Problem klarzumachen. Angesichts dieser Situation bin ich wirklich dankbar, dass wir gestern in drei Stunden, in denen die Tastaturen klapperten und sicher auch einige Köpfe rauchten, eine solide Einführung bekommen haben.

Die beiden Vortragenden schienen wirklich aus dem Vollen zu schöpfen. Viele Vorträge auf WordCamps sind sonst von der Art wie „Hört endlich auf, … zu machen!“ oder „Wovon ihr noch nie gehört habt, obwohl es so wichtig ist“, und dann werden ein paar Sachen präsentiert, von denen man sich vielleicht eine Notiz im Kopf macht, aber ansonsten handelt es sich zumeist um eine Art Predigt, bei der der Vortragende im Vordergrund steht und der verwertbare Informationsgehalt eher gering ausfällt. Im Gegensatz zu diesen Predigten, die einem die Sünden aufzählen und Besserung verlangen, gibt es aber auch wirklich inspirierende Präsentationen. So etwa hörte ich einen exzellenten Vortrag mit einem ganz unprätentiösen Titel über die Wirkung von eigenen Inhalten auf Blogs.

Diese Frage, wer denn schon praktische Erfahrung mit Gutenberg habe, hätte ich vielleicht zu Beginn des Workshops erwartet, aber so am Schluss war sie eigentlich viel angenehmer, dann zu dem Zeitpunkt wussten alle Anwesenden bereits, auf welchem Niveau sich die Erwartungen bewegten. Und hier komme ich nun zu dem kleinen, aber prägenden Erlebnis: So weit ich sehen konnte, war ich unter den vielleicht 10-15 Teilnehmern der einzige, der sich gemeldet hatte. Das ist natürlich nichts, worauf ich mir etwas einbilden kann, da ich einfach nur früher an die Sache herangetreten bin. Aber es ist für mich eine typische Lehre, die einen nur das Leben zu erteilen vermag.

Meine feste Erwartung war nämlich die gewesen, dass ich dort unter lauter Cracks sitzen würde, die alle ein Informatikstudium absolviert haben und darum topfit sind, so dass sich das Workshop-Niveau nach 10 Minuten bereits weit über meinem Kopf bewegen müsste. Kurz vor dem Workshop hatte ich noch Node aktualisiert, und als der Workshop anfing, sah ich, dass bei dem Ablauf eines Skripts eine Fehlermeldung erschien (was aber dann gar nicht relevant war), für die ich erst einmal auf Google nach einer Lösung suchen musste.

Interessant war für mich dann zu sehen, dass selbst diejenigen, die ihr Fach entschieden beherrschten, nach Lösungen googelten. Der Code, den wir im Workshop verwendeten, war fast durchweg vorgegeben, so dass ich auch nie vor dem Problem stand, dass mir die Syntax von XY nicht einfallen wollte. Zuhause kopiere ich solche Schnipsel aus anderen Dateien oder aus dem Internet und muss oft etwas ganz Gängiges nachschlagen. Nur gut, dass es niemand sieht, denke ich dann … und völlig unnötigerweise.

In der Psychologie gibt es den Begriff Hochstapler-Syndrom (auf Englisch Impostor Syndrome). Beschrieben wird damit die Erscheinung, dass man sich nicht mit seinen Errungenschaften und Fähigkeiten identifiziert, sondern glaubt, sie eher zufällig und ungerechtfertigt erhalten zu haben und somit mehr Anerkennung zu genießen, als man eigentlich verdient hätte. Die Folge der Zweifel an seinen wahren Fähigkeiten ist natürlich, dass man befürchtet, jederzeit wie ein Hochstapler aufzufliegen – daher der Name. Streng genommen wäre man natürlich kein solch dreister Hochstapler wie jemand, der sich sein Diplom fälscht, aber doch fühlt man die Verpflichtung, alle Anerkennung abzulehnen.

Dieses Phänomen wurde zuerst bei Frauen festgestellt, die in typischen Männerberufen erfolgreich geworden waren. Für mich ist es natürlich interessant zu überlegen, wo die Sache ihre Wurzeln hat. Mir ist klar, dass ich nicht der Einzige bin, auf den das zutrifft. Die vor Selbstbewusstsein und oft auch Selbstüberschätzung strotzenden Figuren, die ebenfalls auf Konferenzen zu finden sind, führen da sicher zum Ausblenden einer beträchtlichen Zahl von Leuten, die sich vorsichtshalber ganz still verhalten, um sich nicht zu blamieren. Symptomatisch ist ja allein schon die Belegung der Sitze in Workshops: Die hinteren Reihen füllen sich zuerst, und einige Leute sitzen ganz extrem an der Wand, so als würden sie am liebsten von draußen durch ein Guckloch teilnehmen, wenn es möglich wäre.

Ein wichtiger Grund liegt meiner Ansicht nach einfach darin, dass viele Programmierer im WordPress-Umfeld alleine für sich arbeiten. Von seinen Kollegen sieht man im Internet natürlich nur die vorzeigbaren Informationen. Schließlich geht es, wie überall in der Wirtschaft, auch darum, sich zu vermarkten. Kein Geschäft stellt in sein Schaufenster die misslungenen Produkte und kein Handwerker schreibt sich auf die Ladentür, dass er sich mit den neuen Armaturen noch nicht so gut auskennt.

Umso wichtiger sind darum die Treffen hinter den Kulissen. Und wichtig ist vor allem, dass dort keine Atmosphäre herrscht, in der man das Gefühl hat, man könne sich keine Schwäche erlauben. Zum Teil liegt das in der Hand der Kursleiter, wie sie die Anforderungen kommunizieren, und der Veranstalter, die unter den Teilnehmern statt Imponiergehabe ein Klima der Offenheit fördern sollten, wo selbst anerkannte Fachleute klarstellen, dass sie einmal klein angefangen haben. Zum Teil aber muss man sich selbst von dieser kognitiven Verzerrung befreien, indem man etwa bewusst diese Kommunikation hinter den Kulissen sucht. Und natürlich kann man es auch ähnlich situierten Kollegen leichter machen, indem man ihnen ehrliche Einblicke in die eigene „Werkstatt“ erlaubt.

Rückblick in die Ferne

Mit Blick auf den kühlen heimischen Nebel kommen mir Bilder einer früheren Reise.

Die schwüle Hitze nötigte uns tagsüber in die Häuser. Erst abends konnten wir uns ins Freie wagen, ohne sofort im Schweiß zu schwimmen.

Dankbar für jeden Luftzug ließen wir uns durch die Stadt fahren.

Die Nachtmärkte erwecken dort immer ein Déjà-vu-Empfinden. Genauso dicht pflegt man manchmal zu träumen.

Ruhe und Schatten werden bedeutungsvoll wie ein Schluck Wasser.

Und so ganz verschieden ist die Menschheit dann doch wieder überall die selbe.


Tschechien-Buch, Einband

Mit dem Buch in der Hand

Ein Rückblick: Wie war es, ein ganzes Buch zu schreiben? Also nicht bloß einen Artikel für eine Zeitung oder eine Fachzeitschrift, oder einen Beitrag auf einem Blog, sondern gleich ein ganzes Buch.

Es war viel Arbeit. Erstaunlich viel Arbeit. Aber es hat Spaß gemacht. Es war ein Wechsel aus begeistertem Schwelgen in Texten und behutsamem Formulieren von heiklen Themen. Zumeist war es ein Sprung ins Schreiben, wie wenn man an einem herrlichen Sommermorgen in einen Pool taucht. Manchmal nahmen die Recherchen sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch. Neben jedem Text existierte dann noch ein Konzept mit einer Fülle von Daten und Gedanken, von denen dann nur ein verschwindend geringer Teil Platz im Buch gefunden hat.

Es war aber auch die stete Unsicherheit, nie genau zu wissen, wo die Texte eigentlich stilistisch und formal hingehörten: Fakten, Meinungen, Anekdoten, Analysen, imaginäre Dialoge, und alles immer mit einer aufklärerischen Mission, da mir persönlich sehr viel an einem friedlichen und respektvollen Umgang zwischen Tschechen und Deutschen liegt.

Es war die Versuchung, das Buch für meine ausufernden Schreiblaunen zu missbrauchen und die Geschichten einfach in irgendeine Richtung weiter zu spinnen. Aber es sollte ja weder eine phantastische Erzählung werden, noch eine Sammlung von Erinnerungen.

Erst beim Schreiben der Gründe, dieses Land zu lieben, hatte ich begonnen, über diese Frage nachzudenken. Agent und Verlag hatten mir schon vorher Exemplare aus der Reihe der 111 Gründe geschickt gehabt, damit ich mir eine Vorstellung machen konnte. Das Schweden-Buch etwa schildert dieses Land fast durchgehend positiv, was man eben mit Astrid Lindgren, skandinavischer Heiterkeit und Ikea verbindet. Die Werke über Russland und Kuba sind da schon viel kritischer. Manche Gründe darin zählen unverhüllt auf, was den Autoren missfällt. Wie aber präsentiert man eine Negativerfahrung in einem Buch, in dem es um Gründe geht, etwas zu lieben? Indem man sagt, dass es Hoffnung auf Besserung gebe? Ist das aber ein Grund, ein Land zu lieben?

Also kommt der Gedanke, dass man all diese Schattenseiten einfach weg lassen könnte. Viele Reiseführer machen es so: Hier gibt es das beste Bier und die schönsten Städte. Und zur Vergangenheit des Landes gehört all das, was sich heute gut macht.1 Das wären dann gute Gründe, um in diesem Land einen Urlaub zu buchen. Aber sind es auch Gründe, um es zu lieben? Kann man ein Land lieben, ohne durch den schwierigen Prozess gegangen zu sein, es in seiner Gesamtheit zu verstehen?

Dann kam die Arbeit nach dem eigentlichen Schreiben. Das Manuskript und die Ausdrucke wurden x mal korrigiert. Jedes Mal reduzierte sich die Menge der Fehler um geschätzte 95%. Dann wurden die Fotos ausgewählt. Und schließlich stellte sich die Frage, welches Kapitel wir heraus nehmen sollten, um dasjenige über die DDR-Bürger in der ČSSR, das ich als 112. geschrieben hatte, mit dazu nehmen zu können. Zu meiner Überraschung bot der Verlag an, dass wir einfach die Gesamtzahl auf 112 Gründe erhöhen sollten. Ich schlug vor, das Kapitel über das mysteriöse Prag an den Schluss zu setzen. Was könnte sich besser als das 112. von 111 Kapiteln eignen, als das über mysteriöse Dinge.

Eigentlich vermisse ich jetzt schon diese Zeiten, als ich mich mit dem Laptop an den heimischen Küchentisch, in ein Prager Café oder einen Donut-Shop in Japan gesetzt hatte, um stets neu zu erfahren, wie sich aus einer Wolke vager Ideen allmählich ein Text formte.

Aber nun ist das Buch gedruckt, und es ist auf eigenen Schwingen in die Welt hinaus geflogen. Ich habe noch einmal gewunken, aber jetzt will ich lieber nicht hinsehen, ob es nicht in ein Dach kracht oder mit einer Zwille von einem der bösen Dorfjungen abgeschossen wird.


Dünen von Tottori

Hiroshima und Tottori

In diesem Beitrag geht es nur um verstreute Eindrücke dieser Reise.

Baum in Hiroshima
Baum bei einem Tempel in Hiroshima
Bambussprossen
Bambussprossen, einmal nicht aus der Dose. Geschält sind sie dann ein Stück kleiner.
kalter Kaffee
Kalter Kaffee während eines kurzen Aufenthalts in Matsue. Mittags wurde es schon relativ heiß.

Sakaiminato

Sakaiminato ist ein kleines Hafenstädtchen an der Nordwestküste in Richtung Korea und China. Hier ist alles geprägt vom Werk des Manga-Autors Shigeru Mizuki, der hier geboren wurde. Ohne ihn wäre der Ort wohl ziemlich bedeutungslos.

Manga reicht in Japan vom billigen Massenprodukt bis hin zu Kunst. Die Bandbreite ist erstaunlich.

Sakaiminato
Shigeru Mizuki

Tottori

Der existenzialistisch geprägte Klassiker „Die Frau in den Dünen“ („Sandfrau“ im Original) – hier der Film – hat meine Erwartungen an diese Sandlandschaft geprägt. Letztendlich sind die Dünen aber flacher und vielleicht weniger problematisch als im Film.

Der Strand ist leider von einem Ende zum anderen durch Treibgut aus Plastik vermüllt. Hier begreift man erst, wie ernst das Problem der Verschmutzung der Meere ist.

Dünen von Tottori
Tottori ist berühmt für die Dünen. Ohne viel Mühe entkommt man den touristischen Bereichen.

Misasa

Dem Namen nach ein dreifacher Morgen. Heiße Quellen ermöglichen den Betrieb von Onsen, also heißen Bädern.

Ausnahmsweise ein heißes Bad unter freiem Himmel. Sonst befinden sie sich in Räumen, oder sie sind nur für die Füße.
Misasa
Landschaftlich sehr schön, aber nicht die europäische Bäderatmosphäre.
Ryokan in Misasa
Raum im traditionellen Ryokan. Allein schon der perfekte (und dennoch unaufdringliche) Service ist ein Erlebnis.

Kurayoshi

Kurayoshi bietet eine hübsche Altstadt, die von Kanälen und den weißen Gebäuden der früheren Kaufleute geprägt ist.

Ein Stück weiter befindet sich ein Einkaufszentrum, das zum Teil stillgelegt und sehr verstaubt ist und so einen etwas deprimierenden Eindruck gibt. Zahlreiche Spielplätze sind grasüberwachsen – offenbar wandern junge Leute und ihre Familien eher in die größeren Städte ab.

Kurayoshi

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Innoshima

Innoshima

Die Insel Innoshima (因島) ist von Hiroshima aus in rund zwei Stunden mit dem Bus zu erreichen, der auf zwei großen Brücken über eine dazwischen gelegene Insel fährt. Jetzt im Spätherbst war es morgens und abends bereits so kalt, dass man immer in Bewegung bleiben musste.

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San Dan Kyou (三段峡)

Ausflug zum San Dan Kyou

Die „Dreistufenschlucht“ (三段峡), wie man es wohl übersetzen könnte, liegt so rund ein bis zwei Stunden von Hiroshima entfernt, je nachdem, welches Verkehrsmitteln man wählt. Der schnellste Bus fährt auf der Autobahn, weshalb es darin keine Stehplätze gibt.

Leider war dieser Bus schon voll, als er an unserer Haltestelle ankam. Wir mussten daher auf den langsameren Bus waren, der in jedem Dorf hielt. Das ist zwar an sich sehr interessant, aber so lange zu stehen ist dann doch etwas nervig.

Der Bus hielt fast am Eingang zur Schlucht. Wir ließen uns zunächst noch ein Mittagessen schmecken, bevor wir loszogen. Das japanische Essen macht zwar satt, aber nie voll und schwer.

An diesem Sonntag war hier wirklich viel Betrieb. Auf den engen Wegen muss man sich immer wieder an entgegen kommenden Leuten vorbei drücken. Hier war Jung und Alt unterwegs, sogar Kleinkinder und Senioren mit Gehstöcken.

Der Pfad ist zwar gut befestigt, aber nur selten mit seitlichen Mauern ausgestattet. Zudem geht er oft bergauf und bergab, was durchaus eine athletische Komponente hinzufügt.

An einigen Stellen führt er durch Tunnels und über Hängebrücken, die bei jedem Schritt wippen.

Die etwas schlauchende Fahrt hierher und der Fußweg, bei dem man immer aufmerksam sein muss, haben sich sehr gelohnt. Die Landschaft ist wirklich extrem malerisch. Die Wege haben oft etwas von einer Achterbahn – aber natürlich nicht kopfunter.

San Dan Kyou

Unten brauste immer das Wasser vorüber.

Der Herbst zeigte sich in vielen gelben und roten Blättern.

An einigen Stellen passierten wir Wasserfälle. Dieser hier ist bekannt für die rote Färbung des Gesteins.

Am Schluss verzweigte sich der Weg und führte zu verschiedenen größeren Wasserfällen, von denen wir nur einen geschafft haben. Wir wollten vor Einbruch der Dämmerung zurück sein, da dieser Weg wirklich nicht für Dunkelheit geschaffen ist.

Am Hang direkt neben uns verkroch sich gemächlich eine Schlange in einem Loch unter dem Laub. Ich meine, es war eine Forest Rat Snake, die völlig ungefährlich ist. Allerdings war ihr Kopf schon nicht mehr zu sehen, so dass sie schwerer zu bestimmen ist.

Abends war es dann schnell sehr kühl. Wir mussten eine Stunde auf den Bus warten. Die verbliebenen Wanderer kauerten in einem offenen Warteraum, der wohl früher einmal die Endstation einer Bahnlinie gewesen war. Es ist schade, dass die nicht mehr in Betrieb ist.

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