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Gedanken nach der Wiederwahl des Unwählbaren

Man muss nicht mit allen Positionen von Václav Havel übereinstimmen, aber ohne Zweifel steht er für einen Abschied der damaligen Tschechoslowakei vom Eisernen Vorhang und für eine Stärkung der Zivilgesellschaft, in der Annahme dass die Bürger mündig genug seien, um Verantwortung übernehmen zu können. Seitdem hat sich das Land langsam empor gearbeitet, auch durch Krisen hindurch. Momentan geht es ihm so gut wie kaum zuvor, und man lebt hier so sicher und in Frieden mit den Nachbarn wie selten in der Geschichte der Region. Tschechien scheint seinem nationalen Ziel von einem Märchenland so nahe gekommen zu sein wie nie zuvor.

Ich lebe hier seit nunmehr 15 Jahren. Ich bin mit einer guten Portion Naivität, Abenteuerlust und Mittel-/Osteuropa-Verklärung gekommen, und ich habe es nach einem ersten, ernüchternden Jahr in den 90ern später noch einmal etwas pragmatischer versucht. Es fanden sich Jobs, Wohnungen, und sogar eine Ehefrau, die aber nicht ursprünglich von hier war.

Es gab jedoch nie einen Grund, weshalb ich gerade hier wohnen sollte. Tschechien war immer ein schönes Reiseziel für Kurzurlaube, um mal alles zu machen, was man zu Hause wegen äußerer und innerer Zwänge nicht machen konnte. Nie aber war ich wirklich angekommen. Es war immer so, als hätte die Gesellschaft keinen Platz vorgesehen für Fremde, die kamen und länger als ein paar Jahre blieben.

Ein Jahr gesellte sich zum anderen. Wer mal in der Fremde gelebt hat, der kennt vielleicht den Unterschied: Man bleibt nicht, weil man sich dazu entscheidet, sondern weil einem die Kraft und die Alternativen fehlen, weil man zu abgelenkt ist. Dann ist es plötzlich Winter, und Sommer, und man ist immer noch da.

Typischerweise reagieren meine Bekannten aus Deutschland mit Oh! und Ah!, Prag sei doch sooo schön, Tschechien so idyllisch. Und Probleme gebe es doch überall, nicht wahr? Mir kommt es immer so vor, als sähen sie mich in der Pflicht, ihnen dieses Märchen zu erhalten, diese schillernde Seifenblase.

Wenn man hier lebt, dann spielen jedoch völlig andere Dinge eine Rolle: Landespolitik, Behörden, der Umgangston im Haus, ob Postpakete bei Nachbarn hinterlegt werden können oder spurlos verschwinden, Umweltschutz, Solidarität unter Mitbürgern und zu anderen Staaten, die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen, unverhohlene Interessenkonflikte bei führenden Politikern, überteuerte und minderwertige Lebensmittel, handfest gegängelte Medien, alkoholisierte und vulgäre oder kleptomanische Staatsoberhäupter, Angriffe auf Ausländer und anders Aussehende, und bei all dem, was die Öffentlichkeit darüber denkt, ob sie beunruhigt, gleichgültig oder sogar stolz darauf ist.

Der Reiz Tschechiens nicht nur für viele Reisegruppen, sondern auch viele Einheimische ist, dass man sich hier gehen lassen kann, dass man nicht erwachsen werden muss, dass man sich von seinen unmittelbaren Wünschen leiten lässt und alle Klugheit, Rücksicht und Voraussicht in den Wind schlägt. Diese Unwerte verkörpert Präsident Zeman wie kaum ein anderer. Und er macht es überzeugend wie ein versierter Talkshowgast, der mit seinem selbstbewussten Danebenbenehmen die Mengen zum Johlen bringt.

In seinem immensen egoistischen Fahrwasser breitet sich etwas aus, was man als eine neue Ära der Normalisierung bezeichnen könnte. Seine gestrige Wiederwahl ist vielleicht nur das Symptom einer tiefer sitzenden Misere, aber sie bestärkt und ermöglicht ein Denken, das in die Tschechoslowakei der 80er gehört.

Es geht in kleinen Schritten bergab, und der gestrige Schritt war definitiv eine große Enttäuschung, eine vertane Chance für das Land und seine Zukunft. Als Ausländer, als Migrant aus dem Nachbarland, der hier nicht wählen darf, der aber umso mehr auf die Gastfreundschaft der Gastgeber angewiesen ist, auf eine Würdigung langjähriger Investitionen, wird man diese gestrige Wahl als wichtigen Faktor verbuchen, mit dem man dieses ewig aufgeschobene Fast-Zuhause bewerten wird. Das abschließende Urteil wird je nach Persönlichkeit und individuellen Lebensumständen verschieden ausfallen, aber diese Wahl wird sich, wie so vieles Andere, darin widerspiegeln.

Tschechien wird letztendlich seinem Traum von einem Märchenland, in dem nichts Neues droht und nur noch Bewunderer vorhanden sind, immer näher kommen. Die Welt wird hier wieder am schönsten sein, weil sie an den Grenzen aufhört.

Der Wiedereintritt eines Landes in seine Pubertät.

 

 

 

Foto: Spartakiada – typische Massenveranstaltung aus der Ostblock-Zeit by footysphere

Photo by PIRO4D (Pixabay)

Definition von Zuhause

Zuhause ist dort, wo man sich nicht sagen lassen muss: Wenn es dir nicht gefällt, dann kannst du ja gehen.

 

Diese Definition ist mir gerade eingefallen. Sie ist sicher nicht erschöpfend, aber sie steht neben zwei weiteren, die ich sehr treffend finde:

 

Zuhause ist dort, wo man sich nicht erklären muss.

 

– vielleicht die bekannteste und treffendste Definition.

 

Zuhause ist dort, wo man sich am meisten über die Politik ärgert.

 

– eine Weisheit von meiner Großmutter.

 

Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Definitionen mehrdeutig oder widersprüchlich. Aber darin besteht eben auch ihre Stärke, dass sie nichts reduzieren.

Die Suche nach weiteren Definitionen geht natürlich weiter.

 

Photo by PIRO4D (Pixabay)

Eine kurze Betrachtung des Fremden in Prag

new york café photo

Prag. Wenn ich über Prag nachdenke, muss ich zuerst eine dicke Schicht an Kitsch beiseite schieben, die von wohlmeinenden Besuchern, Suchenden nach einer heilen Welt auf Böhmisch, und auch den Einheimischen in einer erfolgreichen Selbststilisierung angereichert wurde. Wenn man Bier, Knödeln, Weihnachtsmärkten und einer etwas verschrobene Lebensart, ähnlich dem bayerischen „Mir san mir“, eine Absage erteilt, hat man sich schon überall Feinde gemacht. Böhmen ist so eine Art unantastbares Elysium.

Prag ist eine Großstadt, Hauptstadt, Metropole. Daran will ich es messen, nicht an Švejk-Bierstuben und den ewigen Promofotos von der Burg im Morgendunst, Idylle über Idylle, und alles ist nicht nur schön, es ist das Schönste der Welt, wie auch das tschechische Bier das beste Bier der Welt sein muss, sonst ist alles verloren. Mir geht es gar nicht darum, irgendwelche Ranglisten umzustoßen, sondern einfach diese Notwendigkeit, die Nummer Eins zu sein, und zwar die Nummer Eins als Dogma. Da wird nichts Anderes probiert, da wird auch nicht die alternative Meinung willkommen geheißen, weil sie von einer Vielfalt zeugt und von der Bevorzugung der Menschen dessen, was ihnen gewohnt und lieb ist. „Das Beste“ ist eine persönliche, subjektive, lokale Kategorie, und als solche liebenswert, und ansonsten anmaßend.

In Prag wurde längst das Hipstertum als Geschäftsmodell entdeckt. Vollbärtige, tätowierte, baseballkappentragende Männer in Holzfällerhemden servieren Craft Beer und einen leichten Salat auf Tischen aus angemalten Paletten, wo früher noch versiffte Spielhallen regungslos vor sich hin gedämmert hatten. Auf einmal kommt das Geld herein, und die Kunden sind bereit, fast die doppelten Preise für das Lebensgefühl zu zahlen. Das neue Prag fühlt sich wohl von Brooklyn inspiriert, mit MacBook im Bistro und Community-Garten auf dem Dach.

Aber dann jedes Wochenende wieder das gleiche Schauspiel: Freitagnachmittag fliehen die Prager aus der Stadt, um Sonntagabends wieder zurück zu strömen. An Sonntagen haben viele Kneipen geschlossen, auf den Straßen sieht man die gesellschaftlich Abgehängten, Gruppen an Roma stehen an den Haltestellen, und fast erwartet man einen Steppenläufer über die Straßen trudeln.

Wenn ich an die letzten zehn Jahre zurück denke, hat sich in Prag unglaublich viel getan. Aber irgendetwas fehlt da noch. Vielleicht die kritische Masse an Leuten mit Ideen? Ich glaube, was mir fehlt, ist die Internationalität. Ich spreche nicht von Touristen, und auch nur begrenzt von Langzeitgästen wie Austauschstudenten und dergleichen. In Prag herrscht immer noch ein ethnisch definiertes Primat des Tschechischen, wo sich alles Fremde nur dort niederlassen kann, wo ansonsten Brachland wäre. Also sprießen vietnamesische Bistros und Spätläden, und indische Restaurants, und was sonst noch so an Fremdem herumschwirrt, findet sich in den Großraumbüros großer Firmen, wo man auf Englisch kommuniziert und das billige Bier nach Feierabend genießt. „Ethnische“, also vor allem Bewohner mit außereuropäischen Vorfahren, scheinen irgendwie alle mit Lebensmitteln ihr Geld zu verdienen, und zwar zumeist in ausgesprochen bedienenden Positionen. Oder sie sind unsichtbar, unscheinbar, überhaupt nicht interessiert, dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Die einzige Ausnahme bildet das touristische Zentrum, eine riesige Parallelwelt in einer parasitären Symbiose.

Wenn man in Läden und Bistros merkt, dass der Kunde nicht von hier ist, wird er auf Englisch angesprochen. Und wenn er auf Tschechisch begann, wird er vielerorts wieder in „seine“ englischen Schranken zurück verwiesen – wobei Englisch nun wirklich nicht die Muttersprache eines jeden Ausländers ist. Warum kann man nicht die Vielfalt (und dazu zähle ich selbst europäische Kulturen) als Bereicherung empfinden, statt etwas, das bewältigt und geregelt werden muss? Bis dieser Schritt geschafft ist, fehlt Prag das entscheidende Stück zur Metropole.

Photo by willbeeps

Fushimi Inari Taisha

Birma und Japan – eine Nachschau

Diesen Beitrag habe ich vor rund einem Jahr begonnen, aber aus irgendwelchen Gründen nicht fertig gestellt. Ich erinnere mich nicht mehr an diese Gründe, aber doch an die Eindrücke, die mich überhaupt zum Schreiben veranlasst hatten. Auslöser war eine Dienstreise nach Birma (Myanmar) und, im Anschluss daran, meine überhaupt erste Reise nach Japan.

Diese zwei Orte in Asien sind voneinander völlig verschieden, aber beide haben stets einen starken Eindruck hinterlassen, der für mich wie kaum ein anderer so prägend war, dass er meinem Leben eine neue Richtung gegeben hat.

Birma (Myanmar)

Selbst nach einigen Reisen hat dieses Land immer noch einen ganz eigenen Zauber. Es ist aber auch ein Land der Gegensätze.

Gerade wenn man beruflich nach Birma fährt, um dort den Menschen zu helfen, dann sieht man nicht nur das „goldene“ Land der Reiseprospekte, sondern auch Armut, Gewalt und dergleichen. Die oft als „Romantik“ wahrgenommene Armut und Einfachheit hat nicht viel mit der Realität zu tun. Eine schlechte medizinische Versorgung 1 oder eine kaum existierende Möglichkeit, seine Interessen zu vertreten2, sind nur ein paar der Schattenseiten.

Es ist ein Land, in dem viel gelächelt wird, und in dem man als weißer Reisender aus einem wohlhabenden Land oft bewundert, beneidet und hofiert wird. Es ist vielleicht das Land, in dem ich am häufigsten Landschaften von märchenhafter Schönheit erlebt habe. Dazu passen wunderbar die kleinen Pagoden, deren weiße oder rote Gebäude und goldenen Kuppeln hier und da aus dem Grün ragen.

Birma ist auch voller Erinnerungen an unglaublich lärmige und verstaubte Überlandstraßen, wo die Lastwagen einer nach dem anderen vorbei donnern, während nebenan in den offenen Häusern Kinder am Boden spielen. Ich habe zahllose gefährliche Überlandfahrten über regennasse Serpentinen aus glitschigem Schlamm erlebt, über Erdrutsche hinweg und immer an der Kante zu einem Tal tief unten. In Birma muss ich aufpassen, was ich esse, um keine Verdauungsprobleme zu bekommen. Eigentlich muss man überall aufpassen, auch auf den Gehwegen, um nicht in ein Loch zu fallen.

Aber dann trifft man wieder auf unglaublich herzliche Menschen, die sich offen freuen, dass man gekommen ist und dass es einem dort bei ihnen gefällt. Als seien sie jahrzehntelang ausgedürstet nach Aufmerksamkeit und Respekt von Menschen wie uns.

Kind im Flugzeug von Kalay

In viele Landesteile kommt man in der verfügbaren Zeit leider nur im Flugzeug. Das ist immer ein Konflikt. Rechtfertigt der Nutzen den Schaden?

Novize bei Pyin Oo LwinIn der Nähe von Pyin Oo Lwin habe ich ein Kloster besucht. Der Buddhismus hat hierzulande neben der einfachen Version für die breite Bevölkerung auch sehr theologische Varianten, deren intellektuelle Tiefe weit über irgendwelche Lebensweisheiten hinaus geht und etwa einem Philosophiestudium zu entsprechen scheint.

Ich habe am klösterlichen Leben nicht teilgenommen und vielmehr wie die dortigen Laien gelebt, allerdings in einem eigenen kleinen Gästehaus. Das Essen wird von den umliegenden Dörfern gespendet oder in der Klosterküche gekocht.
Kloster bei Pyin Oo Lwin

Japan

Gleich im Anschluss an meine Dienstreise bin ich nach Japan weiter geflogen. Die Zeit dort war eigentlich sehr knapp, da ich insgesamt nicht länger als einen Monat unterwegs bleiben konnte.

Japan war ein beeindruckendes, prägendes Erlebnis. Es war sehr viel unspektakulärer, als ich es erwartet hatte. Statt dessen hatte ich schnell das Gefühl, dort zu Hause zu sein – und das trotz meiner extrem unterentwickelten Sprachkenntnisse.

Bäckerei Frau Pilz in KyotoJapan ist sehr auf die westliche Kultur eingestellt. Man hat gewissermaßen die gesamten vorderen Zimmer ausgeräumt, um dort für etwas Platz zu machen, das sehr amerikanisch ist – mit der Ausnahme von europäischen Bäckereien. Als Fremder lässt man sich oft zu der Annahme verführen, dass hier ja doch alles so sei wie bei uns – nur eine Spur greller und moderner. Aber das ursprünglich Japanische hat nicht nur in Tempeln und Pagoden überlebt, sondern auch in der Mentalität und in den Fundamenten des Miteinanders.

Der Aufbau einer Sprache sagt gewöhnlich viel über eine Kultur aus. Im Japanischen gibt es viele Möglichkeiten, etwas indirekt zu sagen, es kunstvoll auszulassen, es gibt viele Möglichkeiten, Respekt zu erweisen oder zu verweigern. Es ist alles sehr filigran und zweckdienlich. Überhaupt wird in Japan oft die einfachste Tätigkeit schnell zur Wissenschaft ausgebaut. Hier ist der Wert von Wissen sehr viel höher als bei uns, wo – nach meinem bisherigen Eindruck – Werte wie Intuition, das berühmte „Frechheit siegt“ und die Betrachtung von Jugend als einen Vorzug vor dem Alter sehr viel höher gehandelt werden.

Mich erstaunt aber, wie nachlässig die Japaner trotzdem oft mit ihren Ressourcen umzugehen scheinen. Das fängt mit Energieverbrauch und der Menge an umweltschädlichen Plastikverpackungen an und geht hin bis zum Verlust ihres angestammten Wortschatzes zugunsten von englischen Lehnwörtern.

Auf meiner ersten Fahrt habe ich nur Tokyo, Kyoto und Hiroshima gesehen. Tokyo ist für mich die Stadt des 転々, Kyoto die Stadt der Kultur (und vieler wunderschöner Szenerien) und Hiroshima die liebenswerte Stadt meiner Brieffreundin.

Selbst die Krebse in einem Park sehen hier farbenfroher aus.

Krabbe in Hiroshima

In manchen Gegenden fühlte ich mich an das Mittelmeer erinnert. Das sind Déjà-vus von einer schönen Reise nach Griechenland nach meinem Abitur.

Der Fushimi-Inari Taisha in Kyoto war sehr von Touristen überlaufen. Für mich war es aber ein besonderer Höhepunkt, da ich ein Bild davon auf der Eingangsseite meines ersten Blogs – also genau hier – präsentiert hatte. Ein Eingang, den ich nun, nach rund 25 Jahren Interesse an japanischer Kultur, endlich persönlich durchschreiten konnte.

Fushimi Inari Taisha

Was ich seit meiner Rückkehr nach Europa mit am meisten vermisse, sind diese vielen Pagoden und Tempelanlagen, die alle eigene Kunstwerke sind. Religiosität ist nicht penetrant, rechthaberisch oder beherrschend, und sie geht eng einher mit einem Streben nach Ästhetik und der Harmonie mit den natürlichen Gegebenheiten vor Ort.

Philosophenweg in Kyoto

Hier in Prag fehlen mir diese Orte der Ruhe und der Verehrung überweltlicher Werte. Stattdessen feiert man in einem nationalistischen Atheismus oft nur sich selbst.

Japanische Fortsetzung

Ob ich noch einmal nach Birma reisen werde, hängt wohl nicht zuletzt auch von den beruflichen Aufgaben ab. Japan dagegen hat sich bereits fest in meinem Leben etabliert.

Hiroshima

Bier in Pisa

Shintó Musó Ryú Jódó Gasshuku in Italien

Jodo hat sich zu einer interessanten Ergänzung von Aikido entwickelt. Aikido funktioniert nicht nur intuitiver, sondern auch die Art des Trainings ist eine völlig andere. In Aikido begegnet man ziemlich früh allen möglichen Techniken, und erst allmählich beherrscht man sie immer besser. Das Trainingsklima ist dort eher locker. In Jodo geht es in festgelegten Stufen voran, und bestimmte Lehrer entscheiden, wann man die nächste Stufe versuchen darf.

Bei dem Jodo, das ich betreibe, handelt es sich um eine relativ alte Schule1, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, dabei Bestandteile2 älterer und jüngerer Schulen integriert und hin und wieder Veränderungen erfahren hat. Viele Aikidoka glauben fälschlich, dass das, was sie mit dem Jo machen, mehr oder weniger den Kern von Jodo repräsentiere. Die Katas3 des alten Jodo sind aber völlig anders, zudem wird ein sehr viel größeres Gewicht darauf gelegt, die Handhabung von Ken und Jo und allgemeine Prinzipien zu beherrschen.

Zum Beispiel wird lange ein relativ simpel erscheinender Schlag geübt, der ursprünglich auf die Schläfe des Angreifers zielt, heute natürlich aber nur das Schwert trifft. Diese einfache Technik verführt gerade Anfänger zur falschen Ausführung und lässt sich selbst nach Jahrzehnten immer noch verbessern, und von ihrer Effizienz hängt viel ab. Obwohl es sehr raffinierte Jodo-Techniken gibt, besteht eine Kata keineswegs aus filmreifen Tricks und Stunts, sondern ist sehr kurz, und ihre Wirksamkeit beruht auf der optimalen Ausführung sogar der einfachsten Parameter wie der Hand- und Körperhaltung, der Gewichtsverlagerung, des Zeitpunkts, des Abstands, ja sogar wie man mit seinem Auftreten den Gegner in eine bestimmte Position zwingt.

Hier lernt man also viel von dem, was allgemein als Grundlagen von Budo gelten kann. Als wesentliches Element gehört dazu auch die Form des Lernens oder des Studiums, die Selbstdisziplin, eine Ausdauer über lange Zeiten der Selbstzweifel hinweg, und auch eine Bescheidenheit selbst als Fortgeschrittener, in der man sich immer nur als ein Schüler seiner (jetzigen oder früheren) Lehrer fühlt und den eigenen Schülern gegenüber keine Überheblichkeit, sondern Verantwortung empfindet.

Zu diesen Aspekten kommt bei Shintó Musó Ryú hinzu, dass die Übungsgruppen zumeist sehr klein sind und verstreut leben und oft als „Huckepack-Training“ in anderen Dojos mitlaufen. Das führt zu einer besonderen Bedeutung der Seminare, zu denen die Übenden zumeist sogar aus den benachbarten Ländern anreisen. Viele Leute dort kennen sich bereits seit etlichen Jahrzehnten. Neuankömmlinge werden aber sofort freundlich integriert. Die Mitglieder des Dachverbandes leben verstreut über Europa, von Spanien bis Russland und von Italien bis Finnland, und einige kommen zu den jährlichen größeren Treffen sogar aus Kanada, Malaysia oder Australien.

Gasshuku in Tirrenia

Begrüßung in allen Sprachen der Teilnehmer.

Letzte Woche ist gerade der diesjährige Gasshuku zu Ende gegangen, der diesmal in der Nähe von Pisa stattgefunden hat. Etwa 130 Teilnehmer trainierten 4 volle Tage und einen fünften 3/4 Tag, jeweils bis zu 7 Stunden. Auf den weiten Feldern gab es zumeist keine Schatten. Das erste Training bestand aus einer Stunde Kihon ab halb 7, im feuchten Gras vor Sonnenaufgang über den Wipfeln der Bäume. Die freundliche und lustige Atmosphäre ließ einen die Strapazen aber schnell vergessen.

Zwei Tage vor den Prüfungen erfuhr ich davon, dass ich teilnehmen sollte. Glücklicherweise ging alles glatt. Die Kihon und Katas sind natürlich nie perfekt und die Last-Minute-Korrekturen der Lehrer machen einen eher nervöser, als dass sie etwas verbessern. Zum Glück hatte ich meine letzte Kata über zwei Jahre hinweg üben können, und daher war es nur noch eine Frage der Routine, sich während der Prüfung nicht irgendeinen Patzer zu erlauben.

In Aikido und Jodo zusammen habe ich nun insgesamt 12 Prüfungen absolviert.4 Manche waren eigentlich nur Formalitäten, andere erforderten monatelange Vorbereitung oder waren ziemliche Nervenproben. Statt dessen hätte ich mich auch auf nur eine Disziplin konzentrieren und dort nun viel weiter sein können. Aber diese Abdeckung verschiedener Seiten von Budo ist für mich inzwischen unverzichtbar. Eigentlich würde ich gerne noch Anderes hinzunehmen, aber dann wiederum fehlt es an Zeit und Finanzen, um es richtig zu betreiben.

Das obige Bild stammt von meinem letzten Tag in Pisa. Das Seminar war zu Ende, die meisten Teilnehmer waren schon abgereist, nur Wenige warteten noch auf ihre Züge oder Flüge. Bei der Hitze konnte man nicht lange in der Stadt umher gehen. Zumeist war ich auf der Suche nach Schatten und öffentlichen Trinkwasserquellen, wo ich meine Flasche auffüllen konnte. Statt einer richtigen Stadtbesichtigung ging ich nur umher und fotografierte hier und dort. Diese paar Stunden waren geprägt von den Eindrücken, die in der plötzlichen Leere und Untätigkeit nach dem Ende eines Seminars immer auf ganz typische Weise zum Vorschein kommen. Eigentlich möchte man noch weiter trainieren. Oder in Italien bleiben. Aber im Schatten!

Die letzte Zeit vor der Rückkehr zum Flughafen saß ich also im überdachten Vorhof einer kleinen Pizzeria, regungslos und stumm mit einem leichten Bier. Ein bisschen in feierlicher Stimmung. Ein bisschen sentimental. Und eigentlich angenehm erschöpft.

Pisa

Sprachverwirrung und Unzuständigkeit

Supportanfrage an Huawei, auf Englisch. Bei unserem neuen Router kann ich in der Administration eine bestimmte Funktion nicht finden, also möchte ich gern wissen, ob es sie überhaupt gibt. Auf der Webseite von Huawei muss ich für die Übermittlung der Anfrage zunächst eine Region auswählen. Wir haben unser Büro in Prag, und zudem haben wir das Gerät vom tschechischen Vodafone bekommen: Also wähle ich „Czech Republic“.

Nach einiger Zeit kommt die Antwort – von der tschechischen Filiale, und auf Tschechisch. Sie sagen, sie seien nur für Handys und Tablets zuständig und schlagen daher vor, zu dem Händler zu gehen, von dem wir den Router haben.

Warum eigentlich muss man sich bei der Anfrage „seine“ Region aussuchen, wenn diese Auswahl dann zu der falschen Sprache führt (Land und Sprache sind verschiedene Dinge) und die Anfrage zudem an eine Abteilung geht, die sie nicht beantworten kann?

Bei den großen Konzernen habe ich oft das Gefühl, dass der Support nur eine Art Schwamm ist (mit vorgeschalteten FAQ als Wellenbrecher und Auffangbecken), in den Interaktionen mit Kunden versickern sollen, die das Produkt ohnehin schon gekauft haben. Er existiert nur aus dem einzigen Grund, dass die Unzufriedenheit der Kunden neutralisiert werden soll, damit zukünftige Verkaufszahlen nicht beeinträchtigt werden. Kundensupport – das sind heute Google und Benutzerforen.

Photo by Robfoto (Pixabay)