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Ehemaliger Hochofen in Ostrava

Ostrava, überraschend

Unter und über der Erde. Beides gleichermaßen beunruhigend, beklemmend, berauschend. Der Mensch neben der rohen Wucht der Maschinen, der Materie.

ehemaliges Stahlwerk in Ostrava

Vor den riesenhaften Anlagen, wie ein gestrandetes, vergangenes Raumschiff, erfasst mich ein fast schon religiöses Erschauern, eine Ehrfurcht vor dem unbekannten Gott der Maschinen.

Ostrava Hochofen Steg

Aus den rostbedeckten Ruinen erhebt sich hier und da etwas absurd Neues, etwas Stahl- und Glasglänzendes, wie Blüten auf einer toten Pflanze.

Prag im Herbst - Tor

Das magische Prag

Prag ist ein Ort der Magie. In kaum einer anderen Stadt trifft man auf eine solche Fülle an bezaubernden Bildern, verborgenen Gassen und Tälern, finden sich prächtige Villen und geheimnisvolle Bauten aus vielen Jahrhunderten, die kaum auf einer Karte zu erfassen sind, geschweige denn in Worten zu beschreiben. Eine Erkundung durch Prag ist ein Unternehmen ohne Ende.

Prag im Herbst mit Lampe

Prag birgt somit aber auch die Gefahr, sich hier in den endlosen und atemberaubenden Details zu verlieren und den Rest des Landes nicht mehr wahrzunehmen. Wie der Bote in Kafkas Parabel „Eine Kaiserliche Botschaft“ verliert sich der Betrachter in der labyrinthischen Stadt.

Café-Garten im Prag

Der Bote ist immer unterwegs, und vielleicht würde sein Eintreffen bereits die Botschaft zunichte machen, handelt ihr Inhalt, gesendet vom sterbenden Kaiser, doch vielleicht gerade von der Unendlichkeit.

Fußgängertunnel im Hirschgraben, Prag

Shoji Nishio Senseis Aikido

Dieses Video war meine erste Begegnung mit Nishio Sensei. Damals hatte ich noch keine Gelegenheit, diese Form des Aikido persönlich zu erfahren. Die Klarheit und Bestimmtheit seiner Bewegungen ist mir aber dennoch in Erinnerung geblieben.

Es drängt mich schon lange, über meine Erfahrungen mit dem von ihm entwickelten Aikido zu schreiben. Es gibt allgemein nur extrem wenige Texte über ihn und sein Aikido. Zumeist handelt es sich um Biographisches und ein paar Interviews. Dann aber stellt es sich immer als extrem schwierig heraus. Es gibt in vielen wesentlichen Aspekten keine mir bekannten Versuche, auf die sich aufbauen ließe. Man trainiert auf hohem Niveau, aber wenn man darüber spricht, ist es zumeist nur unsystematisch und aus dem Stegreif.

Ich habe nun zumindest begonnen, das Wichtigste in Worte zu fassen. Ich habe es bereits mehrere Male überarbeitet, und vermutlich wird es noch viel zu ergänzen und zu verbessern geben. Es ist einfach ein Schnappschuss eines unvollendeten Werkes – um einfach mal einen Anfang zu machen. Es versteht sich von selbst, dass es sich um meine persönliche Perspektive handelt und weder das Resultat umfassender Forschungen noch irgendeine offizielle Position darstellt.

Aikido spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben, von dem ersten Tag an, als ich 1994 in England meinen Fuß in einen Dojo gesetzt hatte. Dreimal hatte ich zwischendurch wohnortsbedingt aussetzen müssen, aber stets war Aikido in irgendeiner Weise präsent geblieben – in meinem Selbstempfinden, meinen Bewegungen, oder wie ich die Welt sah.

Vor rund acht Jahren habe ich das Aikido von Nishio Sensei ausprobiert. Ich bin geblieben und habe es nie bereut. Das einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht schon früher zu dieser Aikido-Schule1 gefunden habe. Erst nach etlichen Jahren begreife ich allmählich, welche kreative Genialität und umfassende Kenntnisse er eingebracht hat. Es sind zum Teil tiefgreifende Änderungen, die aber rundum gut abgesichert sind und Aikido voran zu bringen versuchen, indem sie eine Rückeinbettung in die Familie der Budo-Künste betreiben.

Ich habe Nishio Sensei leider nie persönlich getroffen. Der Grund dafür ist, dass ich zu seinen Lebzeiten von ihm nur am Rande gehört hatte, aber nie in einer Weise, dass ich begriffen hätte, wofür sein Name steht. Sein Werk ist nicht sehr bekannt, was sicher vor allem daran liegt, dass es nicht gut erklärt werden kann. Man muss es begreifen, indem man es selbst studiert. Und selbst dann braucht es viel Zeit.

Meine erste Begegnung

Aikido Renmei in PragMeinen ersten Kontakt mit seinem Aikido hatte ich somit erst nach seinem Ableben. Ich hatte bereits in drei Ländern und unter verschiedenen Dachverbänden trainiert gehabt, daher war es keine neue Erfahrung, wieder relativ neu anfangen zu müssen. Dieses Aikido jedoch war mir zunächst extrem fremd. Teilweise stand Tori2 sehr aufrecht, die Beine zusammen, dann wieder sehr breit und tief in Kibadachi3. Der Körper blieb zumeist Uke zugewandt, und die Hände machten relative präzise und scharfe Bewegungen, bei denen zumeist auch die Orientierung der Handflächen eine elementare Rolle spielte. Da ich schon früh gute Lehrer für Bokken gehabt hatte, erkannte ich die Parallele zur Schwerthandhabung.

Für mich, der zuvor immer flüssige Bewegungen geübt hatte, erschien dies zunächst als ein großer Schritt zurück. Man verlor sich im Erlernen von Körperstellungen und Handhaltungen. Eigentlich war ich frustriert, und extrem misstrauisch. Konnte das wirklich funktionieren? Konnte man diese komplizierte und bis in Details ausgetüftelte Körpermechanik wirklich noch Aikido nennen?

Warum habe ich aber nicht aufgehört? Vermutlich einfach deshalb, weil ich zugleich auch grenzenlos fasziniert war. Diese Techniken, ja sogar ein simpler minimaler Positionswechsel zu Beginn mit den zugehörigen Handbewegungen waren für mich extrem schwierig, und hinzu kamen noch Katas mit Iaito, Bokken gegen Bokken und Bokken gegen Jo, die offenbar alle einen tieferen Sinn ergaben, der mir jedoch verborgen blieb. Ich konnte beim besten Willen nicht sagen, wieso eine Kata für einen bestimmten Angriff und eine Technik stehen sollte, und warum sie gerade so sein musste und nicht anders.

Erst allmählich begannen sich in dem Meer aus Verwirrung die ersten Inseln des Verstehens zu zeigen. Ich begriff, dass mir Nishios Aikido das Werkzeug in die Hand gab, um das Funktionieren des Körpers besser zu verstehen und ihn somit intelligenter kontrollieren zu können – sowohl den eigenen, als auch den des Angreifers. Was mir zudem half war die Erfahrung, dass ich mittlerweile andere Budoarten besuchte und dort beruhigt feststellen konnte, dass Nishio Sensei das, was er von dort übernommen hatte, wirklich beherrscht hatte.

Dieses Vertrauen in die Grundlagen war für mich extrem wichtig. Zu sehr erinnere ich mich noch an frühere Vereine, wo viel Hörensagen umherschwirrte. Während Ken und Jo in traditionellen Schulen jahrelang studiert werden mussten, um allmählich das Gefühl zu bekommen, überhaupt etwas davon zu verstehen, geschweige denn ein Lehrer zu sein, so reichte bei Aikido oft schon oberflächliches und völlig unverbürgtes Wissen, um sich sogleich als Experte zu fühlen und andere zu unterrichten.

Es gehört zu den schönsten Erfahrungen im Üben von Nishios Aikido, wenn man fühlt, dass man die Phase der Positionen und Stellungen überwunden hat und die Bewegungen flüssig und intuitiv zu werden beginnen. Mich erinnert es sehr an das Erlernen einer Fremdsprache: Irgendwann spricht man Sätze, die mehr sind als nur zusammengesetzte Wörter. Aber es dauert eine Weile, bis man dorthin kommt.

Kuroki Sensei in ZürichSchon früh bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich auf keinen Fall wieder weg wollte. Diese Fülle an Details, die sich zunehmend auf nur wenige Grundprinzipien zu reduzieren scheint, fließend zu beherrschen, ist ein großartiges Erlebnis. Es ist weit mehr als mal die Sau rauszulassen und jemanden so zu werfen, dass er auf die Matte kracht, was einem ein trügerisches Gefühl der Unschlagbarkeit verleiht. In dem Sinne haben Nishios Techniken etwas Bescheidenes. Tori bekommt keinen Selbstbewusstseinsschub davon, dass alle Ukes unterliegen.

Nishio Sensei war darin ein nüchterner Ingenieur, immer selbstkritisch an seinen eigenen Techniken feilend. Ich würde sogar sagen, dass seine Techniken nicht für Präsentationen geschaffen sind, sondern dass es nur um die Erzielung der höchstmöglichen Qualität geht, die unter Umständen völlig unspektakuläre Ergebnisse hat. Auf Embus4 schien Nishio Sensei vor allem Eingänge zu erklären, er zeigte einige Würfe und dann Aikitoho. Aikido mit einem Iaito ist für Außenstehende sicher interessant. Aber kaum jemand dürfte vom einmaligen Zusehen verstehen, was für eine Fülle von Informationen dahinter steckt.

Die Innovation im Geist der Tradition

Nishio Sensei hatte die sehr tiefgreifenden Veränderungen damit begründet, dass Aikido oft aufgehört habe, Budo zu sein, und dass es statt dessen oft nur wie ein Tanzen betrieben würde. Wer das hört, wird es vielleicht zunächst einmal missverstehen. Es geht nicht darum, dass Aikido härter werden sollte. Es geht in erster Linie auch nicht darum, dass es besser auf der Straße zur Selbstverteidigung eingesetzt werden könnte. Vielmehr geht es ihm um eine Rückeinbettung von Aikido in einen Kontext, in dem es sich in Japan ganz selbstverständlich entwickelt hatte und der dann langsam verloren gegangen ist. Traditionelle Kampfkünste haben in Japan eigentlich nie isoliert existiert. Grundsätzlich musste man immer damit rechnen, dass einem im Kampf jemand gegenüber steht, der andere Waffen benutzt oder etwas anderes gelernt hat.

Shoji NishioNishios Kritik richtet sich oft ganz konkret gegen bestimmte Grundannahmen. Beispielsweise bemängelt er, wenn ein Angreifer nicht von seinen Möglichkeiten vollen Gebrauch macht oder sich sogar dilettantisch verhalten muss, damit die Technik funktioniert. Dazu gehört etwa, wenn ein Angreifer zuschlägt und dann seinen ausgestreckten Arm mit der Faust in der Luft stehen lässt, oder wenn ein Angreifer nur mit einer Hand angreift und dann in Passivität verfällt, statt gleich mit der zweiten nachzusetzen.

Nishios Techniken sind dabei keine allmächtigen Zaubermittel. Im Gegensatz zu vielen anderen Lehrern rechnet er lediglich mit Angreifern, die sich nicht absichtlich schwächer machen als sie sind. Davon ausgehend wird die bestmögliche Reaktion geliefert. Ob dann Uke oder Tori schneller, stärker, präziser oder ausdauernder ist, das ist eine andere Frage. Wesentlich ist, dass die Techniken nicht auf die Kooperation des Angreifers angewiesen sind, um funktionieren zu können.

Charakteristische Grundprinzipien

Ich werde hier versuchen, ein paar Prinzipien zusammenzustellen, die mir für Nishios Aikido wichtig erscheinen, so wie ich es erfahren habe. Sie werden nicht genau so gelehrt, sondern stellen eher meinen persönlichen Versuch einer Zusammenfassung dar.

1. Kontrolle des Zentrums

Eines der wichtigsten Prinzipien gilt eigentlich durchweg in allen Budo-Arten: die Kontrolle des Zentrums. Wenn ich den Angreifer vor mir habe, dann kann ich beide Arme einsetzen. Der Angreifer dagegen sollte mit seiner Mittelachse an mir vorbei weisen, so dass sein entfernterer Arm nur durch eine zusätzliche Körperdrehung an mich heran käme. Diese erforderliche Körperdrehung mag zwar gering sein, stellt aber ein taktisches Ungleichgewicht dar.

Wie beim Schachspiel ist es wichtig, generell eine günstige Konstellation zu erreichen und zu halten. Dem entspricht beim Kenjutsu etwa, dass man mit seinem Schwert den Raum vor seinem Körper kontrolliert und gegen das gegnerische Schwert abschirmt.

Eine der auffälligsten Besonderheiten von Nishios Aikido besteht darin, dass man nicht in Hanmi steht, also nicht seitwärts gedreht5. Man steht so, wie man mit einem Schwert in den Händen stehen würde, das Zentrum Uke zugewandt. Diese Position wird von ihm als ein Willkommenheißen charakterisiert. Man begegnet sich nicht in einer Stellung, die bereits eine Kampfbereitschaft ausdrückt.

2. Der erste Schritt entscheidet

Durch einen unerwarteten und sehr frühen Schritt in einen „Toten Winkel“, oder indem man seinen Angriff „unterläuft“, bringt man den Angreifer zunächst aus dem Konzept und in eine unterlegene Position. Die erste Reaktion erfolgt dabei bereits während des Angriffs. Anders als bei anderen Aikidoarten hat man viel mehr Spielraum, was das Timing anbelangt. Man versucht erst gar nicht, einen Schlag noch in der Ausholbewegung zu blockieren oder ein Handgelenk in der schnellen Bewegung zu ergreifen und festzuhalten. Vielmehr geht es zunächst darum, den eigenen Körper in eine sichere und günstige Position zu bringen und den Angreifer mit einem Atemi bedrohen zu können.

Diese Eingänge und die zugehörigen Handbewegungen sind unglaublich ausgefeilt. Sie machen anteilsmäßig vielleicht die Hälfte des ganzen Ablaufs aus. In dem Sinne wird oft von der Abfolge6 Tsukuri, Kuzushi und Waza/Kake gesprochen: Zuerst schafft Tori eine Situation, die für ihn günstig ist, ein Ungleichgewicht zu seinen Gunsten. Nishio Sensei betont hier besonders den Irimi-Schritt mit einer leichten Veränderung des Winkels zu Uke. Als zweites bringt er Uke aus dem Gleichgewicht. Erst dann wird die eigentliche Technik wie ein i-Tüpfelchen obendrauf gesetzt. Die Technik ist dann letztendlich oft schon beliebig: Uke wurde zu seiner Überraschung aus seiner selbstsicheren Angreiferrolle gerissen und von dort in eine Lage gebracht, in der nur wenig reicht, um ihn völlig zu Boden zu bringen. Oft spielt dabei eine Rolle, dass Uke möglichst lange im Glauben seiner fortwährenden Überlegenheit gelassen wird: Sein Schlag wird nicht blockiert, da er sich sofort wieder stabilisieren und einen anderen Angriff anschließen könnte. Statt dessen wird der Angriff mit dem Gefühl absorbiert, als hätte er tatsächlich getroffen.

3. Kontrolle statt Gewaltandrohung

Ein weiteres elementares Prinzip besteht darin, dass man den Angreifer unter kontinuierlicher Kontrolle hält. Die durch den Eingang gewonnene Überlegenheit darf im weiteren Verlauf der Technik nicht wieder aufgegeben werden. Wie in einer verschachtelten Kette muss Kontrolle in Kontrolle übergehen.

Überraschend für Neulinge aber ganz banal ist das Resultat, dass Tori deshalb viel weniger Gewalt aufwenden muss. Denn erst wenn die Kontrolle nicht gut ist, dann hat Uke so viel Freiraum, dass er innerhalb dieses Freiraums einen Angriff versuchen kann. Den abzublocken gelingt dann oft nur mit schmerzhaften oder gefährlichen Gegenmaßnahmen. Dies jedoch widerspricht dem Geist des Aikido, wenn man einem Angreifer einen verlockenden Freiraum lässt und dadurch einen Konflikt provoziert. Es ist dabei völlig unrealistisch zu glauben, dass ein Angreifer im voraus weiß, was ihm droht. Vermutlich wird er jeden Freiraum nutzen, um zu versuchen, die Oberhand zu bekommen. Von der drohende Verletzung, die er sich dadurch einhandelt, hat er keine Ahnung. Besser ist es daher, wenn ich gar nicht erst zulasse, dass er mich erneut bedroht.

Der Angreifer wird also nie verleitet oder provoziert. Sobald man ihn unter Kontrolle hat, gibt es keinen Grund mehr, ihm unnötig Schaden zuzufügen. Die erste Priorität ist es, sich vor dem Angriff zu schützen und dauerhaft die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Alles übrige richtet sich nach einem Prinzip des „Vergebens“, also des geringstmöglichen Schadens für den Angreifer. Man will sich schützen, will durchaus auch den Angreifer erziehen, aber man will ihn nicht vernichten.

4. Atemis als Ursprung von Bewegungen

Atemis sind zwar nicht spezifisch für Nishios Aikido, aber sie haben hier eine sehr viel elementarere Rolle. Während ich in anderen Aikidoschulen Atemis nur als eine Option kennengelernt habe, wie man den Gegner aus dem Konzept bringen oder von einem Angriff abhalten kann, so bilden Atemis hier oft den Ursprung einer anschließenden Bewegung.

Häufig könnte an einem Punkt ein schmerzhafter oder sogar gefährlicher Atemi angewandt werden, statt dessen entscheidet sich aber Tori für die friedliche Variante und ändert die Richtung leicht ab. Natürlich bleibt die Möglichkeit an vielen Punkten der Ausführung bestehen, dem Angreifer Schaden zuzuführen. Von der Möglichkeit wird aber kein Gebrauch gemacht. Ein Schlag in Ukes Achsel etwa behält seine Dynamik, verfehlt aber bewusst das Ziel, um so Ukes Arm herumführen zu können, während Toris andere Hand bereit ist, einen weiteren Atemi gegen Ukes Gesicht auszuführen. Atemis müssen also nicht tatsächlich treffen, damit die Technik funktioniert. Notwendig ist nur, dass sie ausgeführt werden könnten. Allein dadurch hat Tori die richtige Körperhaltung und Position im Verhältnis zu Uke und führt die Bewegungen optimal aus. Es ist erstaunlich, wie sich dann viele Bewegungen als „verlängerte Atemis“ verstehen lassen.

5. Der Blick über den Tellerrand ist erwünscht

Nishio Sensei hat seine Schüler ausdrücklich ermutigt, auch andere Kampfkünste zu erlernen. Das führt dazu, dass in einem Verein immer auch Aikidoka trainieren, die relativ gut oder sogar Meister in benachbarten Disziplinen wie etwa Karate, Judo, Jodo, Iaido oder Kenjutsu sind. Ihr Beitrag und Urteil sind dabei erwünscht.

Der Nutzen liegt nicht nur in qualitativ besseren Angriffen und der richtigen Handhabung von Stock und Schwert. In anderen Disziplinen lassen sich auch Dinge wie Dojo-Etikette, Suri-Ashi7, Körperhaltung, Einsatz der Hüfte, Wahrnehmung der Umgebung und vieles mehr erlernen.

6. Schwert und Stock als didaktische Mittel

Es dürfte beim Lesen bereits klar geworden sein, dass insbesondere das Schwert eine herausragende Rolle spielt. Es geht aber nicht bloß darum, dass man hin und wieder Ukes Arm so hält, als hätte man ein Schwert in der Hand, sondern um die gesamte Handhabung des Schwertes, um Richtung, Abstand, Timing, die Körperhaltung, die Kontrolle der Umgebung, den richtigen Nachdruck und dergleichen. Mit dem Schwert würde man etwa nicht ins Leere schneiden, man würde auch keine zaghafte „Tupferbewegung“ gegen Uke machen und sich auf eine magische Schärfe verlassen. Zur richtigen Schwertführung gehört umgekehrt aber auch, dass man nicht verkrampft ist oder mit aller Kraft etwas durchzuhacken versucht. Mit dem Schwert führt man vor allem Schnitte durch, die mit der Körperbewegung im Einklang stehen.

Es war ein genialer und konsequenter Einfall, das Schwert und den Jo zu einem didaktischen Hilfsmittel zu machen, da ihre Handhabung in den „Vorfahren“ der Aikidotechniken ohnehin drinstecken. In einigen Fällen ist die Schwertbewegung direkt sichtbar, in anderen jedoch sind Nishio Sensei und seine Schüler den umgekehrten Weg gegangen – statt deduktiv nun induktiv.

Das heißt, es wurden aus möglichen Weisen, wie sinnvoll und korrekt mit dem Schwert auf eine Situation reagiert werden könnte, neue Varianten für Aikido-Techniken abgeleitet. Diese Varianten sehen in den Augen von Neulingen oft unnötig kompliziert und unrealistisch aus. Erstaunlicherweise aber funktionieren sie, und sie funktionieren gut. Da die Handhabung des Schwertes einer langen Tradition folgt, in der das Optimum herausgeholt wurde, was ein menschlicher Körper mit seiner Motorik zu leisten vermag, so ist allen Nishio-Techniken gemein, dass beim jahrelangen Üben der Schwerttechnik und der Einhaltung allgemeiner Budo-Prinzipien diese komplizierten Techniken immer besser werden und allmählich aus dem Stadium der Eckigkeit herauswachsen.

Auch in anderen Budo-Disziplinen fängt man oft zunächst mit Kihon8 an und arbeitet sich langsam über immer fortgeschrittenere Katas zu flüssigeren Bewegungen und einer intuitiven Effizienz empor, wo die Komplexität von Techniken schließlich überhaupt gar kein Hindernis mehr darstellt, sondern vielmehr eine Überlegenheit gegenüber dem Gegner.

Eine Besonderheit von Nishios Aikido ist Aikitoho. Es geht hierbei um Katas, die wie bei Iaido alleine mit einem Iaito ausgeführt werden. Sie lassen sich allerdings nicht völlig im Sinne eines imaginären Zweikampfes mit Schwertern verstehen. Im Grunde sind sie extrem reduzierte Aikidotechniken.

Der didaktische Wert von Aikitoho für Aikido leuchtet vielleicht nicht unmittelbar ein. Für mich geht es nicht um eine Anleitung oder einen Drill zur Verbesserung der Technik. Vielmehr ist es ein Stück traditionelles Budo. Vielleicht sind sie auch so eine Art Belohnung. Aus den pragmatischen Techniken, die mit viel Geduld und Schweiß erlernt werden müssen, hat jemand etwas Elegantes destilliert, etwas Ästhetisches, in dem diese Techniken enthalten sind.

7. Keine Metaphysik

Man möge mir diese Überschrift verzeihen – sie ist keine pauschale Kritik, sondern richtet sich nur gegen einige Spielarten von Aikido, wo das Ki als eine Science Fiction-taugliche Energie angesehen wird, die im Extremfall sogar zur Telekinese fähig ist.

In Nishios Aikido taucht kein Ki auf. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, denn es heißt ja „Aikido“ und nicht „Aido“. Ki findet keine Erwähnung. Fehlt es also? Wenn man das Metaphysische von Ki weglässt, dann handelt es sich ohnehin nur um eine bestimmte Weise, wie man seinen Körper einsetzt, in Verbindung mit einer geistigen Komponente. Wenn man Japaner bezüglich Ki fragt, dann bekommt man ein breites Feld beschrieben, das vom Gesundheitszustand bis hin zum Universum reicht. Der Begriff 気 steckt in unzähligen Wörtern und Wendungen. Ki ist für mich daher ein sehr ausladendes und breites Konzept für oft sehr banale Dinge. Wenn man in Japan schlechtes Ki hat, dann hilft oft einfach gesunde Ernährung oder der Besuch beim Arzt. Ähnlich sehe ich es auch in Aikido: Ki ist wichtig, aber es ist nichts Metaphysisches.

Ähnlich ist es mit der Frage des richtigen Atmens. Shishiya Sensei soll auf eine Frage nach dem richtigen Atmen bei den Bewegungen einmal mit einer Gegenfrage geantwortet haben: Wie atmest du, wenn du auf der Straße gehst?

Ki und Atmung werden nicht explizit trainiert. Es gibt keine Kihon für Ki. Das mag ein Defizit sein, ich persönlich glaube aber, dass es in einem guten Training auch implizit mit geübt wird. Das richtige Atmen wird manchmal im Aufwärmtraining geübt, aber das ist eine Frage des konkreten Vereins.

Der Stand der Dinge

Ein hochrangiger Aikidoka aus dem Mainstream-Aikido hatte mir einmal mit unverhohlener Genugtuung seine Erwartung dargelegt, dass nach Nishio Senseis Tod dessen Aikido unweigerlich zugrunde gehen müsse. Dem ist glücklicherweise jedoch nicht so. Es gibt eine kleine und wachsende Anhängerschaft. Der Nachteil einer eher kleinen Gruppe ist leider, dass es nicht überall Vereine gibt und man in einer Region auf eine kleine Auswahl an Lehrern angewiesen ist. Andererseits kenne ich aus Shinto Muso Ryu, dass eine kleine Schar von Praktizierenden gerade um so fester zusammenwachsen kann und begeisterter bei der Sache ist.

Die Differenz zum Mainstream-Aikido macht einen Übergang natürlich schwer. Man kann nicht einfach mal probehalber in die neuen Schuhe schlüpfen und ausprobieren, wie man in ihnen läuft. Selbst wenn man offen genug für etwas Neues ist, das oft im Widerspruch zu dem bisher Erlernten steht, so braucht es zumeist einige Zeit, um es zu verstehen.

Nach meiner Ansicht hilft es, wenn Aikidoka Erfahrungen in anderen Budo-Disziplinen mitbringen. Nishios Aikido findet nicht in einem eigenen, „gravitationsfreien“ Universum statt, sondern in der selben Welt wie andere Budoarten, wo die selben Naturgesetze gelten.

Was mir in Nishios Aikido ein wenig fehlt, das sind Leute, die schreiben, die grübeln, die Zusammenhänge suchen, die versuchen, das Konzept und die Philosophie, oder einfach nur ihr Gefühl beim Trainieren zu beschreiben und festzuhalten, um sich über dies alles klarzuwerden und damit auch anderen Leute beim Verstehen zu helfen.

Nishio Sensei war kein Freund anderer Überlieferungsformen als dem praktischen Training. Zu den wichtigsten Dokumenten zählen heute daher Videos. Die Filme von seinen Seminaren wurden offenbar analog aufgenommen und sind daher zumeist in mäßiger Qualität. Glücklicherweise hatte er sich rechtzeitig entschieden, professionelle Lehrvideos aufzunehmen, die sich teilweise auch bewusst an Aikidoka anderer Richtungen wenden und an ein unvoreingenommenes Herangehen appellieren. Nach diesen Videos kann man natürlich nicht trainieren, zu viele Aspekte bleiben einfach unklar oder werden ausgelassen. Aber allein sie anzusehen ist für mich immer wieder ein Erlebnis.

Diese Videos sind hier erhältlich.

Tresorit: Daten sicher, aber zu Schweizer Preisen

Tresorit

Bevor man überhaupt einige Wochen mit Freunden testen kann, stößt man bereits überall auf Grenzen.

Tresorit ist ein relativ neuer Akteur auf dem Markt der Cloud Storage Dienste. Seine Angebote sind zwar bereits seit April 2014 verfügbar, allerdings sind sie wohl erst durch den Fortfall von Wuala in das Zentrum des allgemeinen Interesses gerückt. Trotzdem dürfte es schwer sein, gegen die Übermacht von Dropbox und Google Drive anzukommen.

Der Unique selling Point von Tresorit ist zum einen Zero Knowledge (d.h. dass die Daten auf den Endgeräten der Nutzer ver- und entschlüsselt werden und selbst Tresorit sie nicht im Original besitzt), zum anderen aber die Speicherung der Daten in der Schweiz. Gerade der letzte Punkt bildet einen erheblichen Unterschied zu Spideroak.

Die Einstellungen erinnern z.T. stark an Dropbox.

Die Einstellungen erinnern z.T. stark an Dropbox.

Synchronisiert wird über ein Programm, das es für alle gängigen Betriebssysteme gibt, einschließlich Linux. Die Installation (getestet auf Mac) verläuft einfach, und die Applikation, die unauffällig im Hintergrund läuft, wirkt wie eine Mischung aus File-Browser und Dropbox-Interface. Dateien sind in „Tresoren“ organisiert, die Dateiordnern entsprechen und die mit anderen Tresorit-Nutzern geteilt werden können. Daneben kann man von allen Dateien – auch außerhalb der Tresore – „verschlüsselte Links“ erstellten und versenden – analog zu der ähnlichen Funktion in Dropbox. Dieser Link stößt, wenn ich ihn mit Safari öffne, allerdings gleich an seine Grenzen: „YOUR BROWSER IS NOT SUPPORTED! To view this file, please upgrade to the latest one of these browsers“ – Chrome oder Firefox.

Tresorit ist ebenfalls über ein Web-Interface nutzbar und bietet konsequenterweise dann auch 2-Step-Verification an.

Die mobile App (Android, iOS, Blackberry und Windows Phone) ist einfach aber solide und macht anstandslos was sie soll. Sie beherrscht ebenfalls den automatischen Upload von Fotos und Videos und das Herunterladen von Dateien für die Offline-Nutzung, wie man es von der Dropbox App gewohnt ist.

Nun zu den Preisen

Während Tresorit in Sachen Funktionsumfang und Bedienung einen sehr guten Eindruck macht, kann es mit den Preisen der Konkurrenz nur schlecht mithalten. Ich hatte mir zuvor Spideroak angesehen, da es ebenso Zero Knowledge anbietet. Allerdings fand ich dort die Bedienungsoberfläche mit einer Mischung aus Synchronisierung und Backups eher verwirrend und bevorzuge zudem doch entschieden eine Datenspeicherung an einem Ort, wo Datenschutz noch einen gewissen Wert hat.

Ich habe mir überlegt, ab wann ich von dem kostenlosen auf ein vorteilhaftes bezahltes Angebot übergehen würde und was es mich bei den verschiedenen Anbietern kosten würde.

Tresorit: Daten sicher, aber zu Schweizer PreisenFür das kleinste Angebot bei Tresorit, dem Premium Plan, zahlt der Kunde 10€ pro Monat (oder 12,50 US$). Aber Vorsicht: Der Preis versteht sich zuzüglich Mehrwertsteuer. Und dafür erhält man lediglich 100 GB. Bei Spideroak bekommt der Kunde rund zehnmal mehr Speicher (1 TB) für einen niedrigeren Preis, nämlich rund 11 € pro Monat – mit Preisnachlass bei jährlicher Zahlung.1 Für 1 TB zahlt man bei Tresorit bereits 20 € + MwSt. (16 € ab 5 Nutzern). Die 100 GB für den kleinsten Plan sind vielleicht noch verständlich, da der Großteil der Nutzer diese Grenze kaum überschreiten dürfte. Womit aber die erheblichen Mehrkosten für vergleichbare Produkte begründet werden, bleibt mir ein Rätsel.

Was ich ebenso verwunderlich finde, ist dass Tresorit den kostenlosen Plan so sehr beschneidet, dass es kaum zu einer weitflächigen Etablierung kommen dürfte. 3 GB (oder 5 GB nach ein paar einfachen Pflichtübungen zum Kennenlernen der Funktionen) entsprechen zwar dem üblichen Einstiegsangebot, allerdings ist nur eine Synchronisierung über maximal 3 Geräte möglich, und die Dateigröße ist auf lediglich 0,5 GB beschränkt – da passt kaum ein Film hinein. Zudem ist hier keine File Version History verfügbar und die Anzahl der Tresore ist auf 3 beschränkt.2

Es ist zwar verständlich, dass Tresorit die Kunden nach anfänglichem Testen auf ihre bezahlten Produkte hinüber schieben möchte. Wenn aber mit diesen sehr eingeschränkten Parametern sehr schnell ein Upgrade fällig wird, dann wird einen das Preis-Leistungs-Verhältnis eher zum Wechsel bewegen als zum Upgraden. Zu den etwas gehobeneren Preisen hätte man eben gern etwas mehr als nur ein Schweizer Image. Vielleicht sollten die Kunden eher gelockt als geschoben werden.

Vielleicht bessert Tresorit ja noch nach. Momentan scheint es immer noch der vielversprechendste Service in diesem Segment zu sein, und es wäre schade, wenn es das Schicksal von Wuala erleiden würde.

Tresorit: Browser not supported

Seinem Kunden einen „veschlüsselten Link“ zum Downloaden einer Datei geschickt und … Fehlanzeige. Safari – immerhin der Standardbrowser auf Mac OS – wird nicht unterstützt.

Tschechien Reiseblog

prag photo

In den letzten Tagen habe ich daran gearbeitet, einen neuen Blog auf die Beine zu stellen. Hier ist er nun: Unterwegs in Tschechien. Im weiteren Sinne handelt es sich um einen Reiseblog, allerdings mit einer Einschränkung: Ich reise durch das Land, in dem ich lebe. Damit begegne ich zwar einerseits Vielem, das mir selbst unbekannt ist, kann aber zudem auch von langjährigen eigenen Erfahrungen als Fremder und Reisender in der Tschechischen Republik zehren.

Die Idee dafür lag schon lange in der Luft. Dank verschiedener Seminare, privater Treffen oder einfach Neugierde bin ich immer wieder unterwegs – über die Grenzen oder im Land selbst. Oft sind es Tagesreisen, manchmal aber auch Übernachtungen. Es gibt zwar bereits viele Reiseführer, sie sind aber doch in aller Regel bewusst unpersönlich gehalten und können sich die Sehenswürdigkeiten nur begrenzt nach dem subjektiven Empfinden des Autors auswählen. Als Blog-Autor ist es mir immerhin möglich, persönliche Empfehlungen auszusprechen und vielleicht auch Stimmungen besser zu schildern. Schließlich erfährt kein Reisender ein Land als bloße Ansammlung von Fakten.

Statt neue Massen von Touristen herbeizuführen, ist es mir wichtiger, zur allgemeinen Informiertheit über Tschechien und somit zu einer Entkrampfung – falls man so sagen kann – zwischen den Menschen beizutragen.

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Gedanken über Hilfsdisziplinen im Budo

In Budo ist es nicht ungewöhnlich, dass andere Disziplinen eine – zuweilen unerlässliche – Nebenrolle spielen. Oft sind sie für die Rolle des Angreifers zuständig. So etwa wird der Stock in Jodo traditionell gegen Angriffe mit Katana eingesetzt, weshalb hier grundlegende Kenntnisse in Kenjiutsu wichtig sind. Ganz extrem ist es bei Aikido, das sich ausdrücklich als defensiv definiert und wo der Angriff somit nicht per Aikido-Technik geschehen kann. Der Angreifer benutzt daher Techniken oder Waffen, deren Verwendung zumeist nur am Rande gelehrt wird. Zudem werden in Aikido – je nach Stil und Schule – Jo und Bokken mehr oder wenig dazu verwendet, um die eigenen Techniken, Körperhaltung, Abstände und Bewegungsabläufe zu verstehen und zu verbessern.

bokken photo

Photo by Instant Vantage

Gerade in Aikido habe ich da zuweilen einen gewissen Dilettantismus erfahren müssen – bei manchen Lehrern und in Folge dessen auch bei mir selbst. So etwa ging es häufig darum, wie unglaublich scharf japanische Klingen seien und dass bereits eine leichte Berührung mit dem Finger dazu führen muss, ihn von der Hand zu trennen.

Ich empfand dies nicht nur für eine Form der Großtuerei, die unpassend für Aikido war, sondern auch für völlig irreführend. Wer Anatomie studiert (oder wie ich zuweilen in der Pathologie gejobbt) hat, weiß aus Erfahrung, dass die Messer dort zu den schärfsten gehören, die sich technisch überhaupt herstellen lassen, dass sie aber dennoch nicht bloß per Berührung durch einen Knochen hindurchgleiten wie durch weiche Butter. Gerade deshalb wird auch in Iaido/Battojiutsu so viel Zeit darauf verwendet, richtige Schnitte zu erlernen, deren Kraft aus der Hüfte kommt.

Oft scheint jeder Trainer oder Dojo sein eigenes System zu haben, in dem völlig zufällige Dinge als wichtig gelten und andere dagegen vernachlässigt werden. Ich denke hier an eine Kata aus Aikitoho, wo das Anliegen der Tsuka am Handgelenk für Chudan Tsuki von vielen Lehrern als einziges Detail hervorgehoben und seine Einhaltung streng überwacht wird, während solche grundlegenden Dinge wie korrektes Sayabiki dabei völlig vernachlässigt werden. Dabe wird oft ein hörbares Zischen beim Schnitt erwartet, während das laute Kratzen beim Ziehen niemanden zu stören scheint.

Auf der anderen Seite gilt natürlich die Regel, dass ein Lehrer (insofern er diesen Titel verdient, und über akzeptable Kriterien ließe sich lange diskutieren) zu einem gewissen Grad die Freiheit genießt, die Hilfsdisziplinen nach eigenem Gutdünken zusammenzustellen. Das betrifft dann etwa die Frage, wie in Aikido oder Jodo das Schwert in Hasso no Kamae gehalten wird. Allerdings sollte er dann aber klar machen, dass es sich um seine persönliche Präferenzen handelt, und nicht um eine gottgegebene und unanfechtbare Wahrheit.

In Aikitoho bedient man sich dort, wo ich trainiere, zumeist aus Seitei-Iaido. Das ist sinnvoll, weil es sehr verbreitet ist und es einem ein bewährtes und in sich konsistentes System zur Hand gibt, das einem gut als Leitbild dienen kann. Nachdem jedoch in Aikitoho (den Chiburi- und Noto-Formen nach zu urteilen) auch andere Schulen mit eingeflossen sind, erscheint es mir seltsam, wenn Seitei nun als einzig richtige Methode für alles das Schwert Betreffende angeführt wird.

Für den größten Fachmann hält sich immer derjenige, der den engsten Horizont hat. Mir fällt hier der Spruch ein, dass Reisen bildet. Sicher ist zwar bei Budo eine gewisse Beständigkeit notwendig 1, aber zumindest sollte man sich dessen bewusst sein, dass es mehr gibt als nur das, was man selbst kennt und verwendet. Insbesondere gibt es kein absolutes „Richtig“ und „Falsch“, und das gilt vor allem für besagte Hilfsdisziplinen, die man sich nur „geborgt“ hat. In Aikido etwa ist es völlig unsinnig, für einen Angriff mit dem Schwert eine bestimmte Schwert-Schule als die einzig richtige zu bestimmen.

Worauf es mir bei der Wahl der Stilrichtung oder Schule für Hilfsdisziplinen ankommt, lässt sich vielleicht wie folgt zusammenfassen:

  1. Sinn: Irgendwo muss es eine gute Begründung geben, warum etwas so gemacht wird, wie es gemacht wird. Bei Ukenagashi kann ein Schnitt mit der Seite der Klinge aufgenommen werden, weil Scharten vermieden werden sollen, oder auch mit der Schneide (Ha), mit der Begründung dass dies der härteste Teil der Klinge ist und in dem Moment Scharten nur eine untergeordnete Rolle spielen. Beides kann als Begründungen akzeptiert werden. Wenn aber zum Beispiel das Schwert in Hasso no Kamae senkrecht wie eine Kerze gehalten werden soll, dann will ich wissen, warum gerade so.
    In einer bestimmten Schwertschule mag als voll gültige Begründung gelten, dass dies einfach die Tradition sei, die man mit der Schule zu akzeptieren habe. Wenn aber aus der großen Zahl von externen Optionen eine bestimmte herausgepickt und übernommen wird, dann bleibt die Notwendigkeit einer Begründung bestehen: Warum gerade diese Schule und deren Eigenheiten?
    Zum Sinn gehört für mich dabei auch ein Mindestmaß an richtiger Ausführung, so etwa dass ein Schwertschnitt – auch mit dem Bokken – im richtigen Winkel verläuft (Hasuji) oder dass ein Jo nicht wie ein Baseballschläger verwendet wird.
  2. Konsistenz: Zumindest ein gewisses Maß an Konsistenz sollte gewahrt werden. Das betrifft nicht nur die Logik oder Herkunft, sondern auch, ob mehr Wert auf Details gelegt wird oder umgekehrt auf den Bewegungsfluss oder das Bewusstsein. Ebenso ist es völlig inkonsequent, an bestimmten Punkten extremen Realismus zu fordern, während man woanders durch enge Regeln an bestimmte, ungünstige Aktionen gebunden ist.
  3. Aufrichtigkeit: Der Lehrer sollte keinen Hehl daraus machen, dass er sich für eine bestimmte Form der Ausführung entschieden hat, dass es aber noch andere gibt. Das heißt, er kann verlangen, dass es in seinem Dojo „so und so“ gemacht wird, er kann aber nicht behaupten, dass andere Weisen „grundsätzlich falsch“ seien. Insbesondere sollte er die Stärke besitzen zuzugeben, dass seine Präferenzen auf seinem persönlichen Erfahrungshorizont beruhen, der nie allumfassend sein kann.
    Ich habe bewusst den Begriff „Budo“ gewählt, weil darin der Aspekt der persönlichen Entwicklung mit enthalten ist, die nie abgeschlossen ist. Kaum etwas wirkt in Budo peinlicher als ein Lehrer2, der den Eindruck zu erwecken versucht, er sei irgendwo „angekommen“ und die Zeit des Lernens, der Selbstkorrektur und neuer Einsichten sei nun vorüber.

 

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Ich habe nicht selten in Aikido erlebt, dass ein Schüler in einer verwendeten Hilfsdisziplin genauso fortgeschritten oder sogar noch weiter war als der Lehrer, da er sie neben Aikido längere Zeit und mit viel Hingabe betrieb.3 Das führte dann etwa dazu, dass im Training zwei verschiedene Ausführungen aufeinander prallten – etwa zwei verschiedene Formen von Nuki Tsuke bei der Verwendung eines Schwertes. Hier ist es unerlässlich, dass beide aufeinander zugehen: Während der Schüler die Präferenz des Lehrers für dieses Training akzeptieren muss, muss der Lehrer anerkennen, dass seine Präferenz eben nicht mehr ist als genau das: seine Präferenz.

Manche Dojos ermutigen ihre Schüler dazu, viele andere Disziplinen zu besuchen. Ich halte das für eine gute Sache. Das Resultat sollte aber mit dem Erlernen auch eine Erweiterung des Horizontes sein, und der Horizont sollte sich dabei schneller erweitern als der selbst zurückgelegte Weg.

Das eine Extrem sind Lehrer, die sich nicht aus ihrem engen Bereich wagen und die das, was sie dort erlernt haben, als die einzige Wahrheit verkaufen. Das andere sind dann aber solche, die in einer Vielzahl von Dojos zu Gast waren und etliche Seminare besucht haben und die sich nun daheim (als der sprichwörtliche Einäugige, der unter den Blinden als König herrscht) als Experten gebärden, obwohl sie überall nur oberflächliche Kenntnisse in oft völlig zufälligen Bereichen haben.

Das Ergebnis ist in beiden Fällen identisch: Wissen mit wenig Tiefgang in oft willkürlich ausgewählten Bereichen, die nur dank der privilegierten Position als Lehrender im eigenen Dojo als Dogma verkauft werden können. Darunter leidet dann nicht nur die Qualität der Techniken, sondern nicht zuletzt auch das Vertrauen in den Lehrer.

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