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Rückblick in die Ferne

Mit Blick auf den kühlen heimischen Nebel kommen mir Bilder einer früheren Reise.

Die schwüle Hitze nötigte uns tagsüber in die Häuser. Erst abends konnten wir uns ins Freie wagen, ohne sofort im Schweiß zu schwimmen.

Dankbar für jeden Luftzug ließen wir uns durch die Stadt fahren.

Die Nachtmärkte erwecken dort immer ein Déjà-vu-Empfinden. Genauso dicht pflegt man manchmal zu träumen.

Ruhe und Schatten werden bedeutungsvoll wie ein Schluck Wasser.

Und so ganz verschieden ist die Menschheit dann doch wieder überall die selbe.


Tschechien-Buch, Einband

Mit dem Buch in der Hand

Ein Rückblick: Wie war es, ein ganzes Buch zu schreiben? Also nicht bloß einen Artikel für eine Zeitung oder eine Fachzeitschrift, oder einen Beitrag auf einem Blog, sondern gleich ein ganzes Buch.

Es war viel Arbeit. Erstaunlich viel Arbeit. Aber es hat Spaß gemacht. Es war ein Wechsel aus begeistertem Schwelgen in Texten und behutsamem Formulieren von heiklen Themen. Zumeist war es ein Sprung ins Schreiben, wie wenn man an einem herrlichen Sommermorgen in einen Pool taucht. Manchmal nahmen die Recherchen sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch. Neben jedem Text existierte dann noch ein Konzept mit einer Fülle von Daten und Gedanken, von denen dann nur ein verschwindend geringer Teil Platz im Buch gefunden hat.

Es war aber auch die stete Unsicherheit, nie genau zu wissen, wo die Texte eigentlich stilistisch und formal hingehörten: Fakten, Meinungen, Anekdoten, Analysen, imaginäre Dialoge, und alles immer mit einer aufklärerischen Mission, da mir persönlich sehr viel an einem friedlichen und respektvollen Umgang zwischen Tschechen und Deutschen liegt.

Es war die Versuchung, das Buch für meine ausufernden Schreiblaunen zu missbrauchen und die Geschichten einfach in irgendeine Richtung weiter zu spinnen. Aber es sollte ja weder eine phantastische Erzählung werden, noch eine Sammlung von Erinnerungen.

Erst beim Schreiben der Gründe, dieses Land zu lieben, hatte ich begonnen, über diese Frage nachzudenken. Agent und Verlag hatten mir schon vorher Exemplare aus der Reihe der 111 Gründe geschickt gehabt, damit ich mir eine Vorstellung machen konnte. Das Schweden-Buch etwa schildert dieses Land fast durchgehend positiv, was man eben mit Astrid Lindgren, skandinavischer Heiterkeit und Ikea verbindet. Die Werke über Russland und Kuba sind da schon viel kritischer. Manche Gründe darin zählen unverhüllt auf, was den Autoren missfällt. Wie aber präsentiert man eine Negativerfahrung in einem Buch, in dem es um Gründe geht, etwas zu lieben? Indem man sagt, dass es Hoffnung auf Besserung gebe? Ist das aber ein Grund, ein Land zu lieben?

Also kommt der Gedanke, dass man all diese Schattenseiten einfach weg lassen könnte. Viele Reiseführer machen es so: Hier gibt es das beste Bier und die schönsten Städte. Und zur Vergangenheit des Landes gehört all das, was sich heute gut macht.1 Das wären dann gute Gründe, um in diesem Land einen Urlaub zu buchen. Aber sind es auch Gründe, um es zu lieben? Kann man ein Land lieben, ohne durch den schwierigen Prozess gegangen zu sein, es in seiner Gesamtheit zu verstehen?

Dann kam die Arbeit nach dem eigentlichen Schreiben. Das Manuskript und die Ausdrucke wurden x mal korrigiert. Jedes Mal reduzierte sich die Menge der Fehler um geschätzte 95%. Dann wurden die Fotos ausgewählt. Und schließlich stellte sich die Frage, welches Kapitel wir heraus nehmen sollten, um dasjenige über die DDR-Bürger in der ČSSR, das ich als 112. geschrieben hatte, mit dazu nehmen zu können. Zu meiner Überraschung bot der Verlag an, dass wir einfach die Gesamtzahl auf 112 Gründe erhöhen sollten. Ich schlug vor, das Kapitel über das mysteriöse Prag an den Schluss zu setzen. Was könnte sich besser als das 112. von 111 Kapiteln eignen, als das über mysteriöse Dinge.

Eigentlich vermisse ich jetzt schon diese Zeiten, als ich mich mit dem Laptop an den heimischen Küchentisch, in ein Prager Café oder einen Donut-Shop in Japan gesetzt hatte, um stets neu zu erfahren, wie sich aus einer Wolke vager Ideen allmählich ein Text formte.

Aber nun ist das Buch gedruckt, und es ist auf eigenen Schwingen in die Welt hinaus geflogen. Ich habe noch einmal gewunken, aber jetzt will ich lieber nicht hinsehen, ob es nicht in ein Dach kracht oder mit einer Zwille von einem der bösen Dorfjungen abgeschossen wird.


Dünen von Tottori

Hiroshima und Tottori

In diesem Beitrag geht es nur um verstreute Eindrücke dieser Reise.

Baum in Hiroshima
Baum bei einem Tempel in Hiroshima
Bambussprossen
Bambussprossen, einmal nicht aus der Dose. Geschält sind sie dann ein Stück kleiner.
kalter Kaffee
Kalter Kaffee während eines kurzen Aufenthalts in Matsue. Mittags wurde es schon relativ heiß.

Sakaiminato

Sakaiminato ist ein kleines Hafenstädtchen an der Nordwestküste in Richtung Korea und China. Hier ist alles geprägt vom Werk des Manga-Autors Shigeru Mizuki, der hier geboren wurde. Ohne ihn wäre der Ort wohl ziemlich bedeutungslos.

Manga reicht in Japan vom billigen Massenprodukt bis hin zu Kunst. Die Bandbreite ist erstaunlich.

Sakaiminato
Shigeru Mizuki

Tottori

Der existenzialistisch geprägte Klassiker „Die Frau in den Dünen“ („Sandfrau“ im Original) – hier der Film – hat meine Erwartungen an diese Sandlandschaft geprägt. Letztendlich sind die Dünen aber flacher und vielleicht weniger problematisch als im Film.

Der Strand ist leider von einem Ende zum anderen durch Treibgut aus Plastik vermüllt. Hier begreift man erst, wie ernst das Problem der Verschmutzung der Meere ist.

Dünen von Tottori
Tottori ist berühmt für die Dünen. Ohne viel Mühe entkommt man den touristischen Bereichen.

Misasa

Dem Namen nach ein dreifacher Morgen. Heiße Quellen ermöglichen den Betrieb von Onsen, also heißen Bädern.

Ausnahmsweise ein heißes Bad unter freiem Himmel. Sonst befinden sie sich in Räumen, oder sie sind nur für die Füße.
Misasa
Landschaftlich sehr schön, aber nicht die europäische Bäderatmosphäre.
Ryokan in Misasa
Raum im traditionellen Ryokan. Allein schon der perfekte (und dennoch unaufdringliche) Service ist ein Erlebnis.

Kurayoshi

Kurayoshi bietet eine hübsche Altstadt, die von Kanälen und den weißen Gebäuden der früheren Kaufleute geprägt ist.

Ein Stück weiter befindet sich ein Einkaufszentrum, das zum Teil stillgelegt und sehr verstaubt ist und so einen etwas deprimierenden Eindruck gibt. Zahlreiche Spielplätze sind grasüberwachsen – offenbar wandern junge Leute und ihre Familien eher in die größeren Städte ab.

Kurayoshi

(All images in this post are copyright-protected.)

San Dan Kyou (三段峡)

Ausflug zum San Dan Kyou

Die „Dreistufenschlucht“ (三段峡), wie man es wohl übersetzen könnte, liegt so rund ein bis zwei Stunden von Hiroshima entfernt, je nachdem, welches Verkehrsmitteln man wählt. Der schnellste Bus fährt auf der Autobahn, weshalb es darin keine Stehplätze gibt.

Leider war dieser Bus schon voll, als er an unserer Haltestelle ankam. Wir mussten daher auf den langsameren Bus waren, der in jedem Dorf hielt. Das ist zwar an sich sehr interessant, aber so lange zu stehen ist dann doch etwas nervig.

Der Bus hielt fast am Eingang zur Schlucht. Wir ließen uns zunächst noch ein Mittagessen schmecken, bevor wir loszogen. Das japanische Essen macht zwar satt, aber nie voll und schwer.

An diesem Sonntag war hier wirklich viel Betrieb. Auf den engen Wegen muss man sich immer wieder an entgegen kommenden Leuten vorbei drücken. Hier war Jung und Alt unterwegs, sogar Kleinkinder und Senioren mit Gehstöcken.

Der Pfad ist zwar gut befestigt, aber nur selten mit seitlichen Mauern ausgestattet. Zudem geht er oft bergauf und bergab, was durchaus eine athletische Komponente hinzufügt.

An einigen Stellen führt er durch Tunnels und über Hängebrücken, die bei jedem Schritt wippen.

Die etwas schlauchende Fahrt hierher und der Fußweg, bei dem man immer aufmerksam sein muss, haben sich sehr gelohnt. Die Landschaft ist wirklich extrem malerisch. Die Wege haben oft etwas von einer Achterbahn – aber natürlich nicht kopfunter.

San Dan Kyou

Unten brauste immer das Wasser vorüber.

Der Herbst zeigte sich in vielen gelben und roten Blättern.

An einigen Stellen passierten wir Wasserfälle. Dieser hier ist bekannt für die rote Färbung des Gesteins.

Am Schluss verzweigte sich der Weg und führte zu verschiedenen größeren Wasserfällen, von denen wir nur einen geschafft haben. Wir wollten vor Einbruch der Dämmerung zurück sein, da dieser Weg wirklich nicht für Dunkelheit geschaffen ist.

Am Hang direkt neben uns verkroch sich gemächlich eine Schlange in einem Loch unter dem Laub. Ich meine, es war eine Forest Rat Snake, die völlig ungefährlich ist. Allerdings war ihr Kopf schon nicht mehr zu sehen, so dass sie schwerer zu bestimmen ist.

Abends war es dann schnell sehr kühl. Wir mussten eine Stunde auf den Bus warten. Die verbliebenen Wanderer kauerten in einem offenen Warteraum, der wohl früher einmal die Endstation einer Bahnlinie gewesen war. Es ist schade, dass die nicht mehr in Betrieb ist.

(Images in this post are copyright protected.)

Mitaki 2018, Christoph Amthor

Magisches Mitaki

Die Tempelanlage Mitaki in Hiroshima verfehlt niemals seine Wirkung. Diesmal im November verfärbten sich die Blätter bereits von grün nach rot.

Mitaki 2018, Christoph Amthor

Jenseits des höchsten Wasserfalls führt ein Pfad über einen kleinen Staudamm hinweg in einen Bambushain.

Mitaki 2018, Christoph Amthor

Der Weg schlängelt sich eine ganze Weile bergan. Nur gut, dass es nicht sehr heiß war.

Mitaki 2018, Christoph Amthor

Wir sind nicht ganz bis zum Gipfel des Berges Mitaki gegangen. Irgendwo sah man den nächsten Ortsteil, und hier war Mitaki für uns eigentlich schon zu Ende. Also sind wir wieder hinab gestiegen.

Anschließend waren wir wieder in dem Café oberhalb des Karpfenteichs, wo wir Warabimochi aßen.

Ein kleiner japanischer Junge brach laut in Tränen aus und wurde hinaus geführt, als die Bedienung den Eltern erklärt hatte, dass heute nicht viele Karpfen zu sehen seien. Ich hätte eher geweint, wenn es keinen Kaffee mehr gegeben hätte. Verschiedene Kulturen, verschiedene Präferenzen.

(Images in this post are copyright protected.)

Prag - photo © by Christoph Amthor

Meine Prager Aktivitäten – eine kurze Inventur

Heute feiert Tschechien 100 Jahre seit der Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918. Der Rückblick auf die Geschichte, der Vergleich mit der Gegenwart und das kalte Regenwetter laden zum Grübeln ein, auch bezüglich meines Lebens hier.

Kürzlich habe ich festgestellt, dass die Google-Maps-Karten auf dem Blog Unterwegs in Tschechien nicht mehr richtig funktionieren. Google will, dass ich mich mit Kreditkarte registriere und ggf. für die Nutzung zahle. Auf diesem Blog bekomme ich einen gewissen, und vermutlich sehr geringen Anteil der Werbeeinnahmen von Google, aber es ist lächerlich wenig. Im Grunde müsste ich dafür zahlen, dass ich ihnen Kunden zu ihrer Werbung bringe.

Insgesamt regt es zu Überlegungen an, ob ich diesen Blog nicht mal archivieren sollte. Die Besuchszahlen sind zwar nicht schlecht, aber ich habe nun kein Messias-Syndrom, dass ich unbedingt den Hunger der Internetuser nach kostenlosen Inhalten befriedigen müsste.

Dann betreibe ich die englischsprachigen Seiten Weird Things in Prague. Hier will ich meine persönlichen Beobachtungen festhalten, also konkrete Dinge in Prag oder auch Fotos, Berichte usw. Es sollen humorvolle und durchaus auch nachdenkliche Seiten sein. Zumindest sieht so die ursprüngliche Idee aus.

Schließlich haben die zugehörigen Facebook-Seiten ihr eigenes Leben entfaltet, wurden ungleich erfolgreicher und enthüllten eine Präferenz der Leser für witzige Bilder und Links, die nichts mehr mit mir als Beobachter und Sammler zu tun haben. Allenfalls meine Kommentare dazu behalten eine gewisse Relevanz. Im Grunde könnte ich den Blog dicht machen. Ich empfände es aber doch als schade, weil er für einen Teil Prags steht, der für mich sehr wichtig und attraktiv ist.

Die von mir mitbegründete und -aufgebaute NGO existiert weiter. Die Palette der Aktivitäten hat sich allmählich aufgrund der Präferenzen der Geldgeber auf bestimmte Fachgebiete verengt, in die ich mit meinen Qualifikationen nicht mehr hinein passe. Ich vermisse die vielen Reisen nach Indien und Birma, die ich früher als Projektleiter und -mitarbeiter unternehmen konnte. Finanziell ist es jetzt auch blöd, da ich viele Jahre meine früheren Berufsfelder vernachlässigt und völlig in diese Organisation investiert habe. Jetzt muss ich mich auf anderen Gebieten umsehen, habe aber aus der NGO-Zeit sehr spezifische Erfahrungen, die mir zwar oft auch allgemein weiter helfen, die aber kaum irgendwo sonst zu „verkaufen“ sind.

Dann stelle ich auch weiterhin kostenlose WordPress-Plugins her und verkaufe eine Premium-Version. Diese Software ist ziemlich komplex, also zum einen mit Blick auf die Prozesse, die „unter der Motorhaube“ ablaufen, also auch in der Konfiguration für die Kunden. Das heißt, dass ich viel Zeit mit der Lösung von Problemen und mit der Anpassung an die Betriebsumgebung (WordPress, WPML) verbringe, vor allem aber auch mit Kundenkontakten. Letztere reichen von sehr freundlichen Anfragen bis hin zu entnervten Zuschriften, weil irgendetwas nicht vollautomatisch funktioniert (und nicht funktionieren kann), und tagelangen E-Mail-Konversationen über ganz spezifische Wünsche bis hin zu Forderungen nach Erstattung des Kaufpreises, weil der Kunde es sich anders überlegt hat.12

Ich habe etwas gezögert, ob ich die Software-Entwicklung unter den Prager Aktivitäten aufzählen soll. Ich habe sie so konzipiert, dass sie möglichst ortsunabhängig ist, und eigentlich macht die tschechische Umgebung die Sache eher schwerer, z.B. was Formalitäten und die zwangsweise technische Ausstattung für die Umsatzsteuer-Abrechnung anbelangt. Aus dem Grund verkaufe ich nicht direkt, sondern über eine Software-Plattform. Aber eigentlich ist sie nichts, was hier mit dem Ort zu tun hat.

Ganz für mich selbst mache ich etwas, das sich vielleicht grob als Sport klassifizieren lässt, was aber für mich mehr ist: Budo. Ich denke, dass viele Menschen andere Tätigkeiten haben, die einen ähnlichen Sinn erfüllt.

Ein Resümee wird es hier nicht geben. Dazu fehlt mir der Abstand.

photo © by Christoph Amthor